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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-09 · Heft 32 (9.8.1895) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Nun erst erschien die Sache dem Postmeister verdächtig, und er entdeckte eine Defraudation von mehreren hundert Gulden. Er erstattete die Altzeige, doch konnte man von Strnad bisher keine Spur finden; daß er seinem Leben wirklich ein Ende machte, ist zweifelhaft. — Eine zahlreiche Trauerversammlung füllte am 28. v. M. die Eeremonienhalle des Friedhofes zu Döbling, am die Leiche des am 26. v. M. aus dem Leben geschiedenen angesehenen Arztes, des Primarius der internen Abtheilung des Rudolfinerhauses, Dozenten Dr. Karl Bettelheim, das letzte Geleit zu geben. Präzise 11 Uhr nahm die Trauerfeier ihren Anfang. Oberkantor Jurberg von Fünfhaus trug, begleitet vom Chorpersonal, einen Trauervsalm vor, worauf Rabbiner Dr. Jonathan Wolf an das Kopfende des Sarges trat und dem Verblichenen einen warmen Nachruf hielt. Als der Redner geendet, wurde der Sarg gehoben und zur letzten Ruhestätte getragen. Als er ins Grab gesenkt war, erklang wieder ein Psalm, worauf die Trauergäste die err.en Schollen in die Tiefe warfen. Damit schloß die Trauerfeier. B. Budapest, 4 August. In der Hauptstadt unserer zweiten Reichs- Hälfte, wo die wüsten Schreier das große Wort führen und gegen wehrlose Menschen ihre rohen Fäuste erheben, bemüht man sich trotz der zahlreichen Mißerfolge, den internationalen Saatenmarkt auch Heuer abzuhalten. Die ungarländischen Produzenten und Kaufleute aber lehnen, von denselben Beweggründen, die sie voriges Jahr beim Fernbleiben von demselben leiteten, inspirirt, der Reihe nach die Mitgliedschaft ab und werden ohne Ausnahme, ohne daß irgend welche Agitation nngeleitet worden wäre, den Feinden der „Körnljuden" den Gefallen erweisen, auch diesmal das so „gemüthliche" Wien zu meiden. Wie verlautet, haben auch zahlreiche ausländische Kaufleute ihr Fernbleiben angemeldet. — Zur Entschädigung der matrikelführenden Rabbineroeren Einkommen durch das Jnslebentreten der staatlichen Matrikelsührung stark beeinträchtigt wird, stehen 10,060 Kronen zur Verfügung, oei deren Vertheilung nur Solche berücksichiigt werden, deren Gehalt nicht höher als 1200Kronen ist. — Der Tordaer königliche Gerichtshof yat gegen den griechisch-katholischen Geistlichen Johann German, der in einem Wirthshause die ungarische Nation und die Juden schmähte, das Verfahren eingeleitet. Er forderte dort die Anwesenden, zumeist Rumänen, auf, mit Sensen und Heugabeln gegen die Ungarn und die Juden loszugehen und Alle auszurottten. — In Debreczin und Abanj- Szänto wußte jener Theil der Bevölkerung, unter welchem die unter der Aegide der kath. Volkspartei herausgegebene Werken: „Geheimnisse der jüdischen Religion" und „Jüdische Blutmorde" stark verbreitet sind, von Ritualmorden zu erzählen. Nach Debreczin kam ein Bilderhändler, dessen Diener einen Spaziergang in eine Vorstadt machte. Derselbe, in oer Stadt unbekannt, bat einige Kinder, ihm den Weg nach der Stadt ,u zeigen. Die Kinder leisteten seiner Bitte Folge und geleiteten ihn in Re Stadt. Kaum war er eine Strecke Weges gegangen, als er sich von üner Gruppe schreiender Weiber umringt sah. Dieser Jude will unsere Kinder schächten, ging es von Mund zu Mund; die Polizei mußte einchreiten und leitete die Untersuchung ein. Der mit dem Ritualmorde beschuldigte Diener war — römisch-katholisch. In Abanj-Szanto, wo die Juden der Ermordung eines Kindes beschuldigt wurden, wurde dasselbe lebendig gefunden Das Kind, das allein zu Hause geblieben war, wollte die Eltern, die mit Erntearbeiten beschäftigt waren, aufsuchen. Es wußte aber nicht den Weg und kam in den Nachbarort Talya, wo es Niemand kannte und der Polizei übergeben wurde. — In Altofen starb Rabbiner Dr. Jul. Klein nach mehrjähriger segensreicher Wirksamkeit. An der Bahre würdigten seine Verdienste Rabbiner Dr. Kohn und Dr. Weißburg-Budapest, Rabbiner Dr. Weiß-Gran und Rabbiner Dr. Kelemen-Pancsova. — Der König hat dem Großwardeiner Oberarzt Dr. Albert Groß und seinen gesetzlichen Nachkommen den ungarischen Adel verliehen. Holland. R. Amsterdam, im August. Das Judenthum in H o lland steht fast ganz unter der Herrschaft der Orthodoxie; die Rabbiner sind in erster Reihe die mächtigen Siegelbewahrer für koschere Butter und koschern Käse. Nicht etwa, daß die ganze Bevölkerung den strengen Anschauungen der Altkonservativen huldigte und sich praktisch nach ihnen richtete; es giebt in Holland viele aufgeklärte Juden; aber diese räumen der Orthodoxie das Feld oder sind gegen ihre Religion ganz gleichgiltig. Jedoch trotz dieser Einheit herrscht keine Einigkeit und ganz so, wie zu Zeiten des sel Spinoza, sind neuerdings wieder Bannstrahlen geschleudert worden, und zwar keineswegs gegen Sünder, wie jener böse Brillenschleifer einer war, sondern gegen streng konservative Herren, die an altjüdischer Formenstrenge ein ganz Erkleckliches leisten. Ursache des Streites, den Sie bereits kurz erwähnten, ist jene Frage, die jetzt die ganze Welt bewegt: Schutzzoll oder Freihandel; und Herr Rabbiner Dr. Dünner erwies sich als einer der extremsten Schutzzöllner. Herr Dr. Löwenstein, der in Zabrze zum Rabbiner gewählte, aber von der Negierung nicht bestätigte Schüler des Berliner orthodoxen Seminars, ist der Erisapfel. Dr. Löwenstein ist ein unverfälschter Holländer, dessen Vater Rabbiner in den Kolonien gewesen war, und der in Amsterdam unter Dr. Dünner Theologie studirt hatte Aber eines Tages erschien ihm Macedonien, wollte sagen Holland, zu klein, und er, der so lange Leeuvenstein sich geschrieben hatte, nannte sich Löwenstein, ging nach Berlin, bekam das rabbinische Zeugniß von Dr. Hildesheimer und suchte in dem großen Deutschland ein Amt; er war des Glaubens, daß nur für russische und österreichische Rabbiner die Grenze von der Regierung geschlossen sei, daß aber ein stammverwandter Holländer anstandslos naturalisirt werden würde. Er täuschte sich, trotzdem die Gemeinde in Zabrze ihn wählte und sich für seine Bestätigung aufs Lebhafteste bemühte, beharrte die Negierung dabei, daß auch die westliche Grenze für ausländische Rabbiner geschlossen sei. Nun gedachte der Mann der Heimkehr, und als in Lieuwarden in Friesland das rabbinische Amt frei wurde, bewarb er sich um dies Amt. Das kann ihm Niemand verargen. Aber damit störte er die Kreise des Dr. Dünner, der es ganz vergessen hat, daß er auch einmal vor Jahren aus dem fernen Osten nach Amsterdam gekommen ist, und der sich ganz als Holländer fühlt; er ist Leiter des Rabbinerseminars in Amsterdam, das eine ganze Anzahl von Rabbinern ausbildet, für die das kleine Holland mit seinen etwa zehn größern Rabbinaten keinen Platz hat, und nun kommt da ein Berliner, der einmal vor Jahren ein Holländer gewesen ist, und will den Schülern Dünners einen guten und angesehenen Posten rauben. Aber das war noch nicht genug des Uebermuths; wenn ein Ausländer in Holland Rabbiner sein will, so muß er nach bisherigem Brauch vor holländischen Oberrabbinern eine Prüfung ablegen; dazu entschloß sich Herr Leeuwenstein nicht; nicht aus Furcht, es könnte ihm vor den strengen Examinatoren etwas Menschliches begegnen, wie Manche glaubten, sondern aus Stolz, daß es sich für ihn nicht zieme Dem Dr. Dünner leistete unbedingte Heeresfolge der neuerdings ernannte Oberrabbiner von Haag, Herr Tal, der aus Amsterdam stammt, ein Schüler des dortigen Seminars ist und die mannigfachsten Beziehungen zu den Rabbinern und andern angesehenen Persönlichkeiten des Landes hat. Dr. Rltter, Rabbiner in Rotterdam, der an Orthodoxie dem Dr. Dünner, dem Dr. Tal, überhaupt keinem Menschen in der Welt nachsteht, aber selbst aus Deutschland vor einigen Jahren gekommen ist und sich noch nicht ganz akklimatisirt hat, kann natürlich gegen den „Ausländer" Leeuwenstein nicht die Abneigung der Herren Dünner und Tal haben. Diese drei Herren bildeten die ursprüngliche Kommission zur Untersuchung der rabbinischen Zeugnisse des Dr. L. Die öffentliche Meinung ist dem Dr. L. günstig, zum Tbeil weil seine Partei ihren starken Heerbann zu seinen Gunsten aufgeboten hat, hauptsächlich aber deswegen, weil Dr. L., ein Mann, der seine guten Studien gemacht hat, doch nicht wegen nationaler Eifersüchteleien, wegen eines geistigen Schutzzolls von einer Ausübung seines Berufes ausgeschlossen bleiben darf. So ist trotz Dünner und Tal die Ernennung des Dr. Leeuwenstein erfolgt. Der Oberrabbiner von Maastrich, Herr Dr. Landsberg, hat den Ausschlag zu seinen Gunsten gegeben. Es lohnt sich nicht, die xro et contra vorgebrachten Düsteleien zu untersuchen. Für den Unbefangenen hätte die Zurückweisung des Dr. Leeuwenstein

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