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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-09 · Heft 32 (9.8.1895) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 plötzlich ein Gensdarm und verbot die Abhaltung des Festes, da die erforderliche Erlaubniß zur Abhaltung des Festes vom Distriktsamt nicht eingeholt war. — Im Gegensatz hierzu sei erwähnt,daß den Kolonisten in Ostrom o sowohl von jüdischer als auch von christlicher Seite der Aufenthalt möglichst angenehm gestaltet wird. Wiederholte Ausflüge unter besonderer Leitung des Herrn Hauptlehrers Haym und unter Mitwirkung der anderen Lehrer haben den Kleinen angenehme Stunden bereitet, und muß hier lobend anerkannt werden, daß dieselben durch ihr Verhalten allen Anlaß gegeben, daß die erwähnten Herren gern Opfer an Zeit und Geld für sie brachten und ihre Pfleger so zufriedenstellten, daß sie im nächsten Jahre mit Vergnügen sich der Kolonisten in noch ausgedehnterem Maße annehmen werden. OO Brohl, 1. August. Am 29. v. M. Abends um 1,49 Uhr war hier eine Antisemiten-Versammlung anberaumt worden, und gingen uns Brohlern zu diesem Zweck Nachmittags Maffen- Einladungen zu. Wir nahmen nun mit einigem Kopfschütteln diese Aufmerksamkeit uns gegenüber auf, und namentlich das Thema: „Wie stellt sich die katholische Kirche von jeher zur Judenfrage? Wie hat sich Papst Leo XIII. über die Juden und den Antisemitismus ausgesprochen?" wurde von uns als verdächtiger Köder angesehen. Das Resultat dieser Versammlung war, daß auch nicht ein einziger Brohler erschien, und so wurde denn die „Versammlung", laut „Cobl. Volksztg.", 14IO Uhr polizeilich geschlossen. Die Herren Antisemiten hatten das von ihnen kaum erwartete Nachsehen. A Bielefeld, 4. August Wie man uns mittheilt, wird am Sonntag den 6. Oktbr. d. I. Vormittags 10 Uhr der fünfte ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogen - Gemeinden Westfalen s im Saale der Restauration Sethe (Stadttheater) zu Bo chum abgehalten werden. Nach dem Statut des Gemeindetags müssen solche Anträge, welche auf die Tagesordnung gesetzt werden sollen, mindestens 6 Wochen vor dem Termine des Gemeindetages, also in diesem Jahre spätestens bis zum 25. Aug. d. I., bei dem Ausschuß eingebracht werden. jgg Mainz, 2. August. Wie man weiß, hat der in Ems verstorbene hochgeschätzte Orientalist Josef Derenbourg von Paris hier in Mainz das Licht der Welt erblickt. Ein Lokalblatt gab dem Bedauern Ausdruck, daß Derenbourg nicht nur seinen ursprünglichen Namen Dernburg abgelegt, sondern auch die deutsche Vaterstadt „vergessen" habe. Mit Bezug hierauf ging heute dem Blatte von dem hiesigen Rabbiner Dr. Bondi folgendes Schreiben zu: „Für Sonntag, den 29. d., noch hatte er dem Schreiber dieser Zeilen seinen Besuch hier in Mainz in Aussicht gestellt, den er wegen großer Schwäche nicht mehr ausführen konnte. Derenbourg kam fast jedes Jahr, zuletzt 1893, hierher, um das Grab seiner Eltern zu besuchen, und zeigte stets das größte Interesse für die Entwickelung seiner Vaterstadt. Seit vielen Jahren zog er nach Ems, weniger seiner Gesundheit halber, als um dort den Umgang mit seinen deutschen Freunden zu pflegen. Maßgebend für die Aenderung seines Namens Dernburg in Derenbourg war der Umstand, daß der Ort im Harz, von wo aus seine Familie nach Mainz kam, Derenburg heißt. Josef Derenbourg war ein hochbedeutender Gelehrter, den das an großen Söhnen reiche Mainz stets mit Stolz unter den Seinen wird nennen dürfen." Stuttgart, 2. August. Die Centralleitung der antisemitischen Partei ist offenbar übel berathen, sonst würde sie nicht in das Schwabenland ihre Apostel aussenden, in ein Gebiet, das durchaus keinen Boden für derartige Bestrebungen bietet. Seit etwa einer Woche „wirkt" ctuf eine Anregung des kleinen Häufleins hier zu Lande lebender Antisemiten der Reichstagsabgeordnete Professor Förster für die antisemitische Lehre. Hier hielt er vor einigen Tagen in einer ohne Diskussion verlaufenen Versammlung einen Vortrag über die vaterländische und sittliche Bedeutung der Judenfrage und wird heute Abend noch zur Ergänzung seiner ersten Ausführungen über die wirthschaftliche und soziale Schädigung des deutschen Volkes durch das Judenthum und die Stellung der politischen Parteien dazu sprechen. Auch in das Land macht der Redner Agitationsausflüge. Bei dem ersten, den er nach Heilbronn unternahm, hatte er kein Glück. Dort konnte man sich über die Bildung des Büreaus nicht einigen. Der Vorschlag, den Landtagsabgeordneten Betz zum Vorsitzenden der Versammlung zu wählen, fand zwar Anklang, Herr Betz erklärte aber seinerseits, daß er den Vorsitz mit dem Begleiter des Herrn Prof. Förster, dem Redakteur der hier seit einiger Zeit erscheinendes! antisemitischen „Schwäb. Reform", die so ziemlich im Verborgener! blüht, einem Herrn Bösenberg, nicht theilen könne. Die Antisemiten wollten darauf anscheinend nicht verzichten und so verließen sie gänzlic! unverrichteter Dinge das Lokal. Die Versammlung selbst aber giiiw nicht auseinander. Es wurde zunächst von einem der Anwesenden ein? längere Ansprache gehalten, die in der Aufforderung gipfelte, man möiy einer Partei, wie der antisemitischen, den Rücken kehren und sich viel mehr auf den Standpunkt der Gerechtigkeit stellen, die den Kampf gege: alle Ausbeuter, ob diese christlichen oder jüdischen Bekenntnisses sind, gebiete. Schließlich wurde eine Resolution gegen den Antisemitismus angenommen. Das haben die antisemitischen Eintreiber der Versammlung schwerlich beabsichtigt. 8. H. Fürth, 3. August. In Nr. 21 der „A. Z d. I." befindet fiel, eine Notiz von Nürnberg und in Nr. 22 ein Aufruf des Vorstande der Baruch Auerbachffchen Walsenerziehungsanstalten in Berlin, die beid wegen irriger Annahmen der Berichtigung bedürfen. Die Inhaber de? Spiegelfabrik von Wiederer hier, welche Prinz Ludwig von Bayern in Mai besuchte, sind keine Inden; die sonst aufgeführten Fabriken befinde! sich in jüdischen Händen. In dem genannten Aufruf wird obige AnstaU als das älteste Waiseninstitut in Deutschland bezeichnet. Dem ist nich: so, das hiesige jüdische Waisenhaus wuroe bereits im Jahre 1763, also schon vor 132 Jahren, ins Leben gerufen. Der Stifter, Israel Lichten, städter, widmete eine Summe von 509 Gulden, welche Stiftung burdi Beiträge anderer Wohlthäter auf 4100 Gulden sich erhöhte. Zunächst für hiesige Waisenknaben bestimmt, erfolgte 1845 auch die Aufnahme aus wärtiger, inländischer Knaben mit der Beschränkung, daß hiesige den Vorzug haben. Seit 1868 fiel diese Klausel und gestaltete sich die Anstalt zu einem Central-Jnstitut für israelitische Waisenknaben in Bayern In dem gleichen Jahre wurde auch das neue Gebäude in der Julienstraß^ bezogen, das luftige, große Räume nebst einen Hof enthält und den sanitären Ansprüchen völlig genügt. DieHaussynagoge umfaßt 58 Männer und 56 Frauensitze und ist durch 72 Gasflammen erleuchtet. Im Jahr 1864 erfolgte ein Anbau an dem genannten Gebäude. Ein edler Menschen freund stiftete bei Lebzeiten M. 100,000 zur Errichtung einer Mädchen- Abtheilung im Anschluß an die bestandene Knaben-Abtheilung, welcher Umstand eine Erweiterung der Räume nöthig machte. Gegenwärtig zählt die Anstalt 49 Knaben und 21 Mädchen; Direktor desselben ist Herr Dr. Deutsch. Die Knaben genießen den Unterricht in der israelitische! Bürgerschule, die Mädchen in der städtischen Volksschule Die Fürsorge der Anstalt für die Zöglinge erstreckt sich auch auf deren geeignete Unterkunft nach geschehener Entlassung. So möge dieses Waisenhaus, dac einzige in Bayern, das älteste in Deutschland, ferner eine Stätte jüdischer Liebe und Barmherzigkeit sein. Viele Kinder sind durch dasselbe ihrem traurigen Schicksal entrissen und einer besseren Zukunft entgegen geführt worden. Viele harren noch an der Pforte des Hauses, und schmerzlich berührt es, wenn Gesuche armer Wittwen, eingereicht für ihr« verwaisten Kleinen, unberücksichtigt bleiben sollten. Desto mehr bedarf die Anstalt des thatkräftigen Zusammenwirkens sowohl durch neuen Beitritt, als auch durch freiwillige Gaben, wenn sie den weitgehenden Ansprüchen der Jetztzeit genügen und zu dem ersehnten Ziele führen soll Sie bietet eine das Elternhaus möglichst ersetzende Heimstätte und bahn! den Zöglingen den Weg, sich eine entsprechende Stellung zu erschwingen und zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft emporzuarbeiten. Oesterreich - Ungarn. Hl Wien, 5. August. Die hiesigen Czechen, deren Unterstützung bei den letzten Wahlen für die Antisemiten beinahe ausschlaggebend war, haben sich nunmehr entschlossen, nicht mehr mit Dr. Lueger und Genossen zu gehen, sondern werden in allen Bezirken eigene Kandidaten aufstellen. Sie können den Antisemitenführern ihre Haltung in der Frage der Komensky-Schule und des Cillier-Gymnasiums nicht verzeihen und fallen ab, zudem währt die Fehde noch zwischen Deutsch-Nationalen und Christlich-Sozialen, und es ist also Aussicht vorhanden, daß die Partei, sobald sie sich gegenseitig bekämpfen — an Ausbreitung verliert, was wahrlich sehr zu wünschen wäre, denn unsere Stadt leidet darunter: die fremden Geschäftsleute vermeiden es, nach Wien zu kommen, wo es ihnen passiren kann, daß sie ohne jeden Grund beschimpft und angegriffen werden. Diese traurige Thatsache wurde auch in einer

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