Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie alljährlich, so haben wir uns auch diesmal den geistigen Genuß nicht versagt, der Gedächtnißfeier der diesigen Universität für ihren hohen Stifter Friedrich Wilhelm III. om 3. d. M. beizuwohnen. Bot doch diese Feier stets gerade für uns als Juden des Erhabenen und Interessanten in Fülle. Eingeleitet wurde der Festakt durch den Vortrag des Psalmes „Herr, dein Wort!leibet ewiglich" durch den studentischen Gesangverein. Die Festrede! ielt Professor Pfleiderer. Sie handelte über die Ideen vom ewigen 'ölkerfrieden. Auf die Festrede folgte die Verkündigung der vorjährigen akademischen Preisausschreibung. Durch den königlichen Preis der theologischen Fakultät wurde stuck. Ml. Felix Coblenz, zugleich ein Zögling der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, aus der Rheinprovinz für eine Arbeit über „Das betende Ich in den Psalmen" und durch den städtischen Preis derselben Fakultät stuck, tlreol. Paul Cohan aus Bern für eine Studie über Hosea ausgezeichnet. Den königlichen Preis der rechts wissenschaftlichen Fakultät gewann tad. jur. Michael Pergamenten aus Odessa mit einer Arbeit zur ''ehre von der Konventionalstrafe. Von der medizinischen Fakultät wurden drei Preise vergeben, davon zwei an die Studirenden der Nedizin Richard Bernstein und Semi Meyer, dem Ersteren für eine Dtudie über die durch Kontusion und Erschütterung entstandenen Herz- -rankheiten, dem Zweiten für Forschungen über die Entstehung und das Vorkommen der Sandkörper. Nach der Verkündigung der Preisaufgaben är 1896 wurde die Feier mit dem Vortrage des Psalmes „Herr, gedenke unserer" beschlossen. — Für das nächste Studienjahr ist zum Rektor der Berliner Universität der Geheime Regierungsrath Professor Adolf Wagner gewählt worden! 22 Berlin, 6. August. Wie man uns schreibt, wird der hiesige llilitär- und Sanitäts-Verein „Deutsches Vaterland" das fünfmdzwanzigjährige Jubiläum des französischen Krieges durch eine großartig angelegte Gedächtnißfeier auf dem jüdischen Friedhofe an der -chönhauser Allee an den Gräbern der dort beerdigten Opfer des Krieges an 18. d. M. Vormittag V211 Uhr begehen. Die Gedächtnißrede wird voraussichtlich der vormalige Feldprediger der Armee des Prinzen Friedrich Karl, Rabbiner Dr. Blumenstein aus Luxemburg, halten. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat die betreffenden Gräber auf Gemeindeosten belegen und die Grabsteine auffrischen, einen, welcher schlecht geworden war, neu anfertigen lassen, so daß die Grabstätten einen durchras würdigen Anblick bieten. Die Angehörigen der Gebliebenen werden usucht, sich bei dem Vorsitzenden des Vereins, Kameraden Krojanker, rhausseestraße 36, zur Theilnahme zu melden. Der Verein, der seit Dezember besteht und über 450 Mitglieder zählt, wollte an der Parade m 19. d. theilnehmen und hatte sich deshalb zum Beitritt des Kriegerundes gemeldet. Vor einigen Tagen erhielt nun der Vorstand einen bschlägigen Bescheid mit der Motivirung, daß der Verein noch zu „jung" et und eine Betheiligung an der Parade deshalb nicht möglich wäre. Pn Verein „Deutsches Vaterland" sind über 200 Kriegsveteranen, darunter ckele Inhaber des eisernen Kreuzes. £ Kolberg, 3. August. Am 28. v. M. beging das jüdische Kurhospital sein 21. Stiftungsfest. Die Feier, welcher Vertreter der Dynagogengemeinde Kolbergs sowie zahlreiche Badegäste beiwohnten, nahm einen würdigen und erhebenden Verlauf. Nach einleitenden! Gelange bestieg der Leiter der Anstalt, Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt in Kolberg, die Kanzel, um in tiefempfundener Begeisterung die Bedeutung des Tages zu feiern. Anknüpfend an das Wort des Propheten: „Der Kleinste wird zu Tausenden und der Geringste zu einem mächtigen Volke", schilderte Redner den Siegeszug der jüdischen Gottesidee durch die Reihe der Völker und betonte, daß der jüdische Stamm, seitdem er politisch untergegangen, einzig und allein die Lehre seiner Propheten und die Friedenssaaten der Menschenliebe auf Erden zu streuen und auch gestreut habe, daß also die Behauptung von der Weltherrschaft, nach der Israel angeblich strebe, eine durch nichts begründete Fabel seiner Feinde sei. Ein Zweig jener Menschenliebe, die auch am Sinai gelehrt worden, werde in der Kuranstalt nach Kraft und Gewissen zur Blüthe gefördert. Kränkliche Kinder, gebrechliche Männer und Frauen, sieche Greise schöpften hier Genesung aus den Quellen des Heils und schauten täglich die Bethätigung des obersten Gebotes der jüdischen Sittenlehre „Du sollst lieben deine Nebenmenschen wie dich selbst!" Auch das Kurhospital sei aus Kleinem groß geworden, aus niederen Anfängen zu kraftvoller Entfaltung geschritten. Das Haus ist klein, aber die Liebesthat groß; 170 Pfleglinge werden voraussichtlich in diesem Sommer in der Anstalt zu neuem Leben sich verjüngen. Gleichwohl wäre noch viel zu thun und für die schaffende Menschenliebe sei noch ein großer Raum gegeben. Deshalb sei es doppelt freudig zu begrüßen, daß auch in diesem Jahre von Korporationen und Cinzelspendern namhafte Zuwendungen der Anstalt gemacht worden seien. Mit Worten des Dankes gegen Gott und die Wohlthäter der Anstalt schloß Herr Dr. Goldschmidt seine Festrede, die einen tiefen Eindruck auf die Festversammlung hinterließ. Mit Gebet für die Wohlthäter des Hauses, wie für die Pfleglinge der Anstalt, mit Fürbitte für König und Vaterland und mit einem Seelengedächtniß für die verstorbenen Wohlthäter schloß die erhebende Feier. Zum Besten der Anstalt findet am nächsten Donnerstag im Strandschloß eine musikalisch-deklamatorische Abendunterhaltung statt. Kp. Aus der Provinz Posen, im Juli. Die baufällige Synagoge der jüdischen Gemeinde in Land eck ist Ende Juli aus Antrag des Kreisbauinspektors polizeilich geschlossen worden. Die Gemeinde plant einen Neubau. — Ein 84 Jahre alter Greis, Kaufmann A. Freudenthal in Jnowrazlaw, wurde am 28. v M. mit sehr großem Gefolge zu Grabe getragen. Seine israelitischen Mitbürger bezeugten ihm ihre Achtung dadurch, daß sie ihn schon vor 40 Jahren zum Synagogenvorsteher wählten. Dieses Ehrenamt hat er über 30 Jahre verwaltet. Ebenso war er bemüht, als Stadtverordneter für das Gedeihen der Stadt zu arbeiten. Ein herbes Geschick suchte ihn heim. In Berlin, wo er Hilfe für ein Augenleiden suchte, büßte er bei einer Operation sein Augenlicht gänzlich ein, wodurch er gezwungen war, seine Thätigkeit und seine Ehrenämter niederzulegen, um in Zurückgezogenheit die letzten 10 Jahre zuzubringen, bis ihn dieser Tage der Tod erlöste. An seinem Grabe sprach Herr Rabbiner Dr. Tietz die Leichenrede. — Das einzige jüdische Hotel in Posen, Herrn Keiler seit einer langen Reihe von Jahren gehörig, ist in die Hände des Herrn M. Kunze in Schrimm übergegangen. — Lehrer Abramowitz aus Borek ist auf seinen Antrag an die konfessinell jüdische Schule in Ritschenwalde und an seine Stelle der Schulamtskandidat Katz aus Schwersenz von der königlichen Regierung zu Posen in Borek versetzt, resp. angestellt worden. — Nachdem die Regierung zu Bromberg trotz entschiedenen Einspruchs der Antisemiten in Erone a. Br. beschlossen hat,- die durch Abgang des Lehrers Jacobowiez freigewordene Lehrerstelle an der dortigen simultanen Bürgerschule mit einer jüdischen Lehrkraft zu besetzen, ist die Verwaltung derselben dem bisherigen Hilfslehrer Arndt aus Labischin übertragen worden. Herr A. hat seine Ausbildung am Seminar zu Berlin erhalten. Kp. Aus der Provinz Posen, im Juli. Am 18. Juli starb der Privatier Heimann Pulvermacher aus Kurnik. Derselbe war über 30 Jahre Stadtverordnetenvorsteher, mehr als zwölf Jahre stellvertretender Bürgermeister, und hat er denselben zweimal länger als ein Jahr vertreten. Ein imposanter Leichenzug, an dem Christen wie Juden in gleicher Weise theilnahmen, gab Zeugniß dafür, wie sehr der Verstorbene bei den dortigen Bürgern beliebt gewesen. — Die israelitische Ferienkolonie aus Berlin in Zerkow feierte jüngst in dem nahen kgl. Forst ein Fest, das ein Herr aus Posen veranstaltete. Im Verlauf desselben erschien