Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- Seite 383 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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383 „Herr Doktor," sagte ich in tiefer Beschämung — zum zweiten Mal in dieser kurzen Zeit mußte ich vor ihm erröthen! — „Halten Sie es unsrer schmerzlichen Lage zu Gute, daß wir die allereinfachsten Pflichten der Höflichkeit so lange außer Augen setzen konnten! — Ich werde Ihnen sofort ein Zimmer zur Verfügung stellen, wo Sie es üch so bequem als möglich machen können. Hoffentlich befinden Sie ich dort so wohl," setzte ich mit einem schwachen Versuch zum Scherz ünzu, „daß Sie ein paar Stunden zugeben." „Dies dürste kaum der Fall sein; meine Zeit gehört mir selbst etzt weniger als je. Ich müßte in einer Stunde um den Wagen vitlen, falls Ihre Frau Cousine sich nicht entschließen würde." Diesen mit ruhiger Festigkeit gesprochenen Worten ließ sich nichts »tgegensetzen. Ich rief einen Diener. „Führen Sie den Herrn Doktor in das rothe Zimmer und enden Sie mir alsdann die Wirthschafterin." Erstaunt sah der Mann mich an — das rothe Zimmer für den Ludeudoktor, unser bestes Gastzimmer, wo schon ein Prinz gewohnt Blatte! Doch als wohlgeschulter Diener kannte er seine Pflicht. Als Als der Arzt gegangen war, beorderte ich eine ausgesuchte Erfrischung und von unfern feinsten Weinen ins rothe Zimmer, ebenfalls ur grenzenlosen Verwunderung der langjährigen Wirthschafterin. Dann begab ich mich wieder zu Adele. (Schlup folgt.) Reisedrirf aus Kissingen. Von Julius Ruhstadt. ^D^unachst: Grüß' Gott, lieber Leser. Da sitze ich denn wieder in dem trauten, schönen, lieblichen Bad Kissingen, diesem paradiesisch schönen, idyllisch gelegenen Fleckchen Erde, wohin nüch ein wiedererwachendes Uebel geführt. Pie traut und anheimelnd klingt rms Norddeutschen der hier geuäiichliche Gruß: „Grüß'Gott!" und „Behüt' Sie Gott!" ins Ohr, iatt unseres alltäglichen „Guten Tag" und „Adieu". Hier ist »och äel jüdisches Leben auzutreffen. Am Sabbath sieht man die meisten Niden geschlossen; wo kommt das in Norddeutschland bei heutiger treuger Sonntagsruhe noch vor? Das religiöse Leben pulsirt hier lästig. Die Synagoge erweist sich längst als zu klein. Seit einer äugen Reihe von Jahren sammelt man an einem Fond für eine» Neubau. Man sagt, dies sei schon seit zwölf Jahren geschehen, deute hängt überall der Entwurf zu der neuen Synagoge aus. Der Stil ist maurisch; ein durch Thürme flankirter Kuppelbau. 'Dann man aber mit diesem Bau beginnen wird, weiß ich noch acht. Es mag wohl noch einige Jahre dauern, bis die nöthige Dumme „zusammengeschnodert" ist, worüber den zur Thora a»f- ■erufeuen Fremden die betreffenden Karten die nöthige Direktive eben. Ob der Gottesdienst alsdann wohl auch der Neuzeit eutvrechend eingerichtet werden wird? — Ich hörte am Freitag Abend aie bekannten Lewandowsky'schen Melodien — vom Vorbeter allein orgetragen, der antwortende Chor fehlte gänzlich. Ich weiß nicht, ch Chor- und Gemeindegesang in Kissingen verpönt sind — von Orgel gar nicht zu reden. Ein hundertstimmiges Chaos gaben die Responsen, wie in der Synagoge eines kleinen Dorfes, nicht wie man es in der Synagoge eines Weltbadeplatzes erwarten sollte. La noch mehr, ich sah mehrere Herren im Cylinder beim Beten diejenigen Kopf- und Körperbewegungen machen, wie wir sie bei den Polen, aber nicht bei den Bewohnern Mitteldeutschlands »och zu sehen gewohnt sind. Auch diese Manier zu beten, dürfte in Kissingen sich hoffentlich bald überleben. Uebrigens ist, was aus dem Vorhergesagten schon ersichtlich, der hiesige Gottesdienst durchaus orthodox. Alles »ur eben zu Sagende wird gesagt. Am Tischabeaw-Morgen dauerte der Gottesdienst von 6 Uhr früh bis nach 12 Uhr Mittags. Es giebt hier ziemlich viel jüdische Kurgäste. Unsere Glaubensgenossen mögen viel an denjenigen Krankheiten laborireu, welche hier geheilt oder mindestens gebessert werden. Ich speise in einem gemüthlichen jüdischen Hause, wo ich mich recht heimisch fühle. Aber nicht ich allein. Ein Landsmann von mir, welcher in einem nichtjüdischen Hause in Pension war, begleitete mich eines Abends zu meiner Speisewirthin. Wir nahmen zusammen das Abendbrod ein, und als der gute Tropfen im Schoppenglas perlte, gestund er mir, daß er sich hier viel, viel heimischer fühle, als wo er wohne. Er habe mit solchem Behagen noch niemals in seinem Hotel gegessen. Denn neben seinem ihm zugetheilten Platze sitze ein evangelischer Pastor, welcher das „Volk" lese. Auf der andern Seite sitze ein Gymnasial-Oberlehrer, welcher die „Staatsbürger- Zeitung" halte. Ihm gegenüber sitze ein Fabrikant, über dessen Farbe er gar nicht klar sei. Man sage ihm ja direkt nichts — aber er höre doch von ihnen, was er eben nicht gern höre. Andern Tages kam er wieder hierher, um gemüthlich zu essen. Ich bin sicher, daß er das nächste Mal mit uns speisen wird, wenn auch nicht aus Frömmigkeit, so doch aus Angst vor neuem „Reinfall" und aus Freude und Liebe zur Gemüthlichkeit. Obwohl wir »och volle sieben Wochen vom Jom kippur entfernt sind, werden wir hier heute Abend doch schon Kol nidre vortragen hören — der freundliche Leser wird von selbst errathen können: im Konzertsaal, und zwar gelegentlich eines Konzertes von Fräulein Kaminsky, als Solo für Cello von Max Bruch. Was unsere Antisemiten wohl dazu sagen, daß unser Kol nidre kouzert- und sogar hoffähig geworden? & Viel Staub wirbelte gegenwärtig hier ein Reneontre auf, das ein Herr Stern aus New-Zork mit dem Vertreter des Badekommissars, Freiherrn von Thüngen, bei Gelegenheit einer Reunion im Konversationssaale des Kurhauses gehabt hat. Bei diesen Reunions ist Eintritt von Kindern unter 15 Jahren verboten. Der Sohn des Herrn Stern, welcher vom Portier des Viktoria-Hotels selbstständig nach deffen Schätzung zu 12 Jahren für die Kurliste angemeldet worden sein soll, tanzte mit seiner Mutter. Der Badekommissar, welcher den Knaben nicht für 15 Jahre hielt, verbot dies und inhibirte — da sein Verbot fruchtlos und die Eltern des Knaben behaupteten, der Knabe sei über 15 Jahre alt — die Ballmusik, somit den Ball. Entrüstet darüber, daß der Freiherr, der sich ihm übrigens nicht als Badekommissar vorgestellt haben soll, ihm nicht aufs Wort glauben wollte, daß sein Sohn so alt sei, ließ er sich in der Erregung verleiten, diesen zu beleidigen. Obwohl Herr Steril anderen Tags, nachdem die Ruhe wieder eiugekehrt, dem Herrn Kommiffar ein Abbitt-Schreibeu zugesandt und eine Sühne auf sich nehmen wollte — hat der Kommissar eine Klage wegen Beleidigung lind ivegcnWiderstand gegen Beamten im Dienst gegen Herrn Stern eingelegt. Derselbe inußte 80,000 Mark Kaution erlegen und ist ihm verboten worden, Kissingen, sei es per Eisenbahn oder per Wagen zu verlassen. Derselbe will nun durch Vorlegung von amtlichen Schriftstücken, welche von Amerika gesandt werden müssen, den Beweis autreten, daß sein Sohn über 15 Jahre alt sei. Angeseheiie, in Bad Kissingen weilende Amerikaner haben sich ins Mittel gelegt und eine Petition an die Regierung eingereicht, da das Vorgehen gegen Herrn Stern nicht korrekt sei.