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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-09 · Heft 32 (9.8.1895) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 382 (sequence 12)
Language
German
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niemals seine jüdische Abstammung errathen haben. Er glich vielmehr einem Südländer, Proveuyalen oder Italiener. Seine Bewegungen waren so ruhig, wie nur ein ebenmäßiger Wuchs sie ermöglicht; das etwas bleiche Gesicht zeigte einen fast frauenhaften, reinen Teint, von dem die dunkeln, feingezeichneten Brauen und die langen Wimpern sich wirkungsvoll abhoben; dichtes dunkles, militärisch kurz gehaltenes Haar umrahmte die geistvolle Stirn, und ein kleiner Bart von tadelloser Pflege beschattete die frischrothen Lippen. Man mußte Bertranen gewinnen zu diesem ebenso klugen wie gütigen Gesicht, das sich jetzt über den kranken Knaben beugte. Dieser schien dieselbe Empfindung z» habe», denn das alte liebliche Lächeln, das wir schon seit Stunden schmerzlich vermißten, flog über das fieberrothe Gesichtchen, als er ihm das heiße Händchen zuni Gruß zu bieten versuchte. Die Untersuchung war rasch beendet. „Diphtheritis?" fragte Adele mit zuckenden Lippen so leise, daß man das Wort niehr sah als hörte. Der Arzt nickte stumm. „Gefährlich?" „Diese Krankheit ist immer gefährlich, gnädige Fran; die Wiffeuschast hat ihr letztes Wort noch nicht darüber gesprochen." Bleich, mit zusammengepreßten Lippen stand Adele am Lager des Knaben, ein Bild stiller Verzweiflung, und hob die gefalteten Hände flehend zu dem Arzt empor. Er verbeugte sich: „Darf ich bitten, mich in ein anderes Zimmer zu begleiten?" Hier erklärte er uns schonend aber bestimmt, daß er eine Operation für dringend nöthig halte, je eher je lieber, um die Kräfte des Kindes nicht vorher zu erschöpfen. „Den Luftröhrenschnitt," murmelte Adele sein letztes Wort nach, „und mein Mann nicht hier!" Ich dachte an unsere Unterhaltung im Garten und fragte: „Giebt es kein anderes Mittel mehr?" Er hob leicht die Schultern: „Ein durchaus sicheres auf keinen Fall." „Und diese Operation ist ein solches?" fragte Adele hastig, „sie bietet keine Gefahr für das Leben?" „Es ist schwierig darauf zu antworte», gnädige Frau. Das Kind war bisher gesund und scheint sehr kräftig zu sein; die Pflege müßte allerdings peinlich genau durchgeführt werden — wie ich hier wohl voraussetzen darf," mit leichter Verbeugung gegen uns Beide — „indeß eine absolute Gewißheit zu geben, unterfängt sich wohl kein gewissenhafter Arzt." „Wir würden jedenfalls damit warten, bis mein Mann kommt?" Ihm stünde in erster Reihe das Recht der Entscheidung zu; ich wage nicht, sie zu treffen," wandte die bedrängte Frau ein. „Wie lange konnte dies dauern?" „Immerhin einige Stunden." „Auch im günstigsten Falle?" „Auch dann." Der junge Arzt zögerte einen Augenblick, als falle die Antwort ihm schwer. „Ich muß zu meinem Bedauern sagen, daß es mir unmöglich ist, auf unbestimmle Zeit abwesend zu blechen. Ich habe einige sehr bedenkliche Fälle und bin augenblicklich der einzige disponible Arzt aus Meilen ringsum." Adele öffnete rasch die bleichen Lippen: „Ach bitte, H, rc Doktor, bleibe» sie doch! Wir würden .. ." „Sehr in Angst sein, wenn sie uns jetzt verließen," unterbrach ich sie schnell, weil ich errieth, was sie sagen wollte, und wir doch um jeden Preis vernieiden mußten, das Zartgefühl des Arztes so schwer zu verletzen. Dieser Mann verkaufte seine Dienste nicht den Meistbietenden. Adele war eben ein verwöhntes Kind des Luxus und lebte des Glaubens, daß man für Geld so ziemlich Alles haben könne — eine Erfahrung, die sie allerdings häufig gemacht hatte. „Ich bedaure wirklich aufrichtig, Ihnen darin nicht dienen zu können," wandte sich Doktor Lukas mehr an mich, und seine schönen Augen streiften mich mit einem Ausdruck, der mir verrieth, er hatte verstanden. „Auf eine oder zwei Stunden würde es mir freilich nicht ankommen; die Operation würde indessen auch eine bestimmte Zeit in Anspruch nehmen . . . und ich will sie in keiner Weise beeinflussen, gnädige Frau, ich stelle nur die Thatsachen klar und muß Ihnen allein die Entscheidung überlassen." „Und Sie halten die Operation für unvermeidlich?" sagte ich „Ich fürchte, man wird dazu schreiten müssen, die Gefahr wächst mit jeder Viertelstunde." „Bedenke doch, Adele," bat ich nun, „Du hörst ja selbst, hier ist Alles zu gewinnen, gegenüber dem ziemlich sichern Verlust!" Sie rang die Hände in stummer Pein und starrte auf den jungen Mann, als habe er ein Todesurtheil gesprochen. „Ist der Schnitt schmerzlich?" „Dafür haben wir die Narkose." „Und Sie machen häufig solche Operationen?" Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen und gab ein paar schimmernde Zähne frei. „Ich habe allerdings deren eine Anzahl gemacht." „Sie ganz allein?" Auch allein. Das kommt wohl jedem Arzt vor." „Alle mit gutem Erfolg?" „Nicht alle. Leider ruft man uns zumeist erst in der letzte» Strmde. Zur rechten Zeit und rmter sonst günstigen Bedingungen, wie z. B. hier, ist die Gefahr wirklich nicht so groß." Sein leichter Ton wirkte tröstlicher auf Adele», als wortreiche Versicherungen vermocht hätten. „Wenn es nun meinem Mann nicht recht wäre?" „Darauf mußt Du es eben ankommeu lassen, Adele! —Meinst Du, es wäre ihm lieber, Du hättest um seinetwillen die Zeit versäumt, und Hans-Ulrich. . ." „Ach Gott, nicht sterben! nur nicht sterben!" schluchzte Adele auf; daun eilte sie ins Nebenzimmer und sank am Bett des Knaben nieder. „Gnädiges Fräulein," wandte Doktor Lukas sich halblaut an mich, „wenn Sie Einfluß besitzen, so suchen Sie Ihre Frau Cousine zu der Operation zu bestimmen und z>var sofort. Die Gefahr ist sehr groß. Der Knabe scheint mir verloren ohne dies letzte Mittel." „Herr Doktor," schrie ich fast laut, „steht es denn so schlimm?" Er nickte schweigend. „Und die Instrumente dazu?" „Ich führe sie in solchen Fällen stets niit mir. Nur ließ ich sie draußen, um die Damen nicht vorzeitig zu beunruhigen." Wir standen einander schweigend gegenüber, ich mit zitternde» Gliedern, der Arzt ruhig, geduldig, höflich. Wie hübsch war er doch! Ich sah es trotz meiner Erregung. In spanischer Tracht »rußte er zum Bewundern aussehen. Merkwürdig, welche fernliegenden Gedanke» in so ernster Stunde unser Hirn kreuzen können! Er zog seine Uhr hervor. „Wenn Sie gestatten, ziehe ich inich auf eine Stunde zurück. Für den Fall, daß die Frau Baronin sich zu der Operation entschließe» sollte, würde etwas Ruhe nach der Fahrt meine technische Sicherheit erhöhen. Ich hatte einen sehr austreugeudeu Tag." Ich erschrak heftig. Fast zwei Stunden war er in der Nacht auf den schlechten Wegen gefahren, um hierher zu gelangen und noch hatte ihn Niemand zum Sitzen eingeladen!

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