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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-09 · Heft 32 (9.8.1895) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 381 (sequence 11)
Language
German
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versehen; woher auch ein Wanderer kam, er sollte dm Eingang leicht finden. — Abraham selbst stand vor der Thür seines Hauses, nach Fremden ausschauend, und erblickte er einen, dann lief er ihm entgegen, nahm ihn in sein Haus und betvirthete ihn, — solche Tugend ist aber auch hochgeschätzt. Gastfreundschaft üben ist gleichartig mi der Aufnahme der göttlichen Majestät, ist dem Besuche des Lehrhauses am frühen Morgen gleichgeschätzt; auch Gastfreundschaft gehört zu jenen Tugenden, deren Früchte schon hienieden genossen werden, deren Kern aber für die Ewigkeit bleibt. Sobald der Fremde in das Thor des Gastsreundcs getreten war, erfreute er sich des Schutzes, und mit Aufbietung aller Kraft, ja selbst mit Hintansetzung der eigenen Sicherheit und des eigenen Lebens ward für ihn gesorgt. Bald nach seiner Ankunft wurde ihm ein Fußbad bereitet und ein Mahl aufgetragen. Besonderes Verständniß für die Würdigkeit der Gäste wurde dem Weibe zugeschrieben; aber auch eine gewisse Engherzigkeit ihnen gegenüber. Einen Fremden soll man gleich fragen, ob er etwas zu essen wünsche. Niemand dränge sich als Gast auf, aber man rede auch nicht allzu viel zli, an dem Mahle theilzunehmeu, wenn dieses abgelehnt wird. Besonders wird im talmudische» Schriftthum die gastfreundliche Aufnahme der Weisen und deren Schüler eingeschärft: Wer einen Weise» freundlich aufnimmt, dem wird es angerechnet, als hätte er Erstlingsopfer dargebracht, als hätte er mit ganz Israel Liebe geübt; wer Gelehrte liebt, der wird selbst gelehrte Söhne haben; wer aber einen Weisen verächtlich behandelt, der wird keine Heilung für seine Wunden finde»; wer die Weisen nicht bewirthet, sieht keinen Segen. — Um aber gastfreundlichen Häusern die Bürde der Bewirthung nicht allzu schwer zu machen, war cs gestattet zu sagen, man habe in dem Hause des Betreffenden keine allzu freundliche Aufnahme ^gefunden, wenngleich dieses nicht der Fall gewesen. Als Verhaltungsmaßregeln für den Gast wird empfohlen: er erkundige sich bei seinem Eintreffen nachdem Befinden der Hausfrau; er willige in Alles, was der Wirth vorschlägt; er genieße von Allein, was ihm vorgesetzt lvird, nehme aber nichts mit sich, gebe nicht einem Andern etwas davon, noch bringe er Gäste mit sich; er genieße nicht Eier, wenn er in fremdem Hanse übernachtet, und schlafe nicht in dem Gewände des Hausherrn. Keiner bleibe zu lange als Gast; denn um Gäste, die lange zu Besuch bleibe», lind um Reisende, die bald hier, bald dort sind, kümmert nian sich in der Regel iricht zu viel, auch nimmt die Gastfreundschaft, muß sie lange geübt werden, zumeist zusehends ab: hat man dir am ersten Tage Geflügel vorgesetzt, so wird dir am zweiten Tag gewöhnliches Fleisch, am dritten nur Fisch und am vierten nur Gemüse gereicht. Bon dem Gaste wird erwartet, daß er mit aller Kraft für das Haus seiner Gastfreuirde eintrete; so hat es Elia für jene Wittwe gethan, in deren Haus er freundliche Aufnahme gefunden — gleich wie Vater und Mutter ziemt cs, seine Wirthsleute zu ehren. Nach dem Essen sprach in der Regel der Gast das Gebet. Die Ehre des Hauses wie des Gastes heischt es, daß man nicht mit leeren, bedeutungslosen Worten von dannen gehe. Gelehrte theilten etwas von ihrem Wiffensschatze mit, oder sie hielten eine Dankrede für Aufnahme und Bewirthung. Als religiöse Pflicht galt es, den Gast auch zur Weiterreise auszurüsten und ihn eine Strecke weit zu begleiten, Städter wurden sogar hierzu, wenn die Sicherheit es erforderte, gezwungen. — Wer Reisenden kein Geleit giebt, ladet leicht ans sich die Schuld des Blutvergießens; hingegen galt es als unrathsam. einem rohen, unwissenden Menschen das Geleit zu geben. — Gäste werden mit Segenswünschen entlassen. — Reisenden wird gerathen, ihre Herberge nicht allzu oft zu wechseln, da sie dadurch sich und ihren Wirth in Verruf bringen. £ Berichtigung: Nr. 31, Seite 367, Spalte 1 von oben lies: Sir. 13,1. » MMM w — 1- •llfealPfilleÜ m I 1 FEUILLETON 1! WllMILMilll MMIWIkM --5R—- - l 1-1 lilfoiiW Im Der Indendoktor von Herrenstern. Von M. v. Schlägel. (Fortsetzung.) 4gL>in paar qualvolle Stunden vergingen. Der Knabe wurde immer unruhiger und wollte nicht mehr im Bette bleibe». Bald schlief er auf Adelens Schooß, bald trugen wir ihn umher, so groß und schtver er auch war. Endlich — Adelens Angst war schon zum Fieber geworden — hörten wir ein Fuhrwerk i» den Hof rasseln. „Gott sei Dank!" rang cs sich zugleich von unser» Lippe». Ich eilte aus der Thür, blieb aber peinlich berührt stehen, denn anstatt des alten, mir persönlich bekannten Herrensteiner Arztes stand ein völlig fremder, junger Herr mir gegenüber. Mit sicherer, ruhiger Höflichkeit stellte er sich selber vor: „Doktor Lukas . . . Herr Doktor Schnitzler ist zu leidend, um Ihrem Ruf Folge leisten zu können, gnädige Frau. Er sendet mich, da Eile ihm geboten scheint." Doktor Lukas, der Jndendoktor! — bei uns, im Hause des enragirtesten Antisemiten des ganzen Kreises! — als Arzt bei dem einzigen Kinde, dem Stammhalter der Linie Herrenstein!- Ich muß ihm wohl in meiner Rathlosigkeit sehr unhöflich vorgekommen sein, denn er sagte mit kühler Artigkeit, durch tvelchc mir ein leichter Spott zu klingen schien: „Sollte meine Anwesenheit Ihnen indeß nicht genehm sein, so bin ich bereit, sofort zurückzukehren." Ein Gefühl tiefer Beschämung überkam mich unter dem scharfen Blick dieser dunkeln, mandelförmigen Augen, die vollkommen ruhig auf mich herabschauten, während er in seinem Hellen Paletot, den Hut in der Hand, mit der Haltung des vollendeten Weltmannes vor mir stand. Ich suchte mich zu fassen. „Sie werden meine Couüne in ihrer Bedrängnis; nicht verlassen, Herr Doktor," bat ich rasch, „bitte, folgen Sie mir." Und, ihm voranschreitend, sagte ich schon in der Thür: „Liebe Adele. Herr Doktor Schnitzler sendet seinen Vertreter erlaube mir, Dir Herrn Doktor Lukas vorzustellen." Adele mußte diesen Namen nie gehört haben. Sie ahnte jedenfalls nicht, wen sie vor sich hatte. Mein Blick geniigte, die Bonne zu warnen. Mit einem Seufzer der Erleichterung erhob sich die junge Mutter und begrüßte den Eingetretenen.. Gleichviel wie er hieß, er war Arzt, das war die Hauptsache für die geüngstigte Frau. Sie führte ihn an das Bett des Knaben und heftete den unruhigen Blick gespannt auf die ernsten noch jugendlichen Züge.! Auch ich beobachtete den Arzt. Wenn ich es nicht gewußt hätte, würde ich

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