Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-09 · Heft 32 (9.8.1895) · p. Seite 380

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 380 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228127--52039-3272814
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

380 Außer dem Hause fanden sich die Männer in den Thoren der Stadt ein, woselbst ein größerer Zusammenfluß von Menschen zu erwarten war; dort wurden die Rathsversammlnngen abgehalten und die Streitigkeiten geschlichtet; dort sammelten sich die Männer am Abend, uni von der Tagesarbeit auszuruhen; dort saßen die Alten Und tauschten ihre Lebenserfahrungen ans und ihnen lauschten die Jungen, der Muße sich freuend, Kurzweil treibend, gelegentlich bösen Stadtklatsch verbreitend. Auch in der breiten Straße des Ortes fanden sich Männer zusammen; dort spielten die Kinder unter den Augen der Greise und Greisinnen; dort erscholl die Jubelstimme des Tankes; dort samnielten sich zuweilen auch Frauen und Kinder, um den Worten der Lehre zu lauschen. 2. Besuche freundschaftlicher oder rein geselliger Natur waren selten; nur freudige, auch traurige Veranlassungen führten Nachbaren und Freunde zusammen. Größere Festlichkeiten, die mit einem Trinkgelage verbunden waren, wurden zlir Feier freudiger Ereignisse veranstaltet, so bei der Ankunft lieber Freunde oder vornehmer Gäste, bei der Entwöhnung, bei der Beschneidung, bei der Vollendung eines Hauses, gelegentlich der Ernte, der Schafschur und Weinlese und bei Hochzeitsfeierlichkeiteil. Braut und Bräutigam zu erfreuen, galt als religiöse Pflicht, Gott selbst, in dessen Wohnung die Freude weilt, erfreut sie; daher auch anerkannte Lehrer cs als verdienstliche Handlung ansahen, vor Braut und Bräutigam, mit Myrthenzweigen geschmückt, umherzutanzen. Auch die Wallfahrtsfeste, die mit Frendenopfer verbunden waren, namentlich das Passahsest, dessen charakteristische Feier am Abend des hereinbrechenden Festes das gemeinsame Mahl der Hausgenossen, ost auch in Vereinigung mit den Nachbaren (iTYQn). war, ebenso das spätere Purimfest (Esth. 9, 22) boten Gelegenheit zum geselligen Verkehr. 3. Krankenbesuch wird im Talmud nachdrücklich als Pflicht der Menschenliebe und des Gottesgesetzes enipfohlen. Das Wort der Schrift: „Thue ihnen kund den Weg, den sie gehen sollen", bezieht sich nach einer Deutung ans den Krankenbesuch — Gott selbst besucht die Kranken, folge ihm! Als König Hiskia krank darniederlag, sprach Gott zu dem Propheten Jesaja: Gehe hin, besuche den kranken König! Kranke besuchen gehört zu jenen religiösen Handlungen, deren Früchte schon hier genossen werden, deren Kern aber für die Ewigkeit bleibt. Kranke besuchen bringt Heil der Welt. Auch heidnische Kranke besuche man. Wer Kranke besucht, wird von dem Gehinnoni errettet; lver aber diese Liebespflicht unterläßt, macht sich der Sünde des Blutvergießens schuldig. Bei der Pflicht des Krankenbesuches fällt jede Rangordnung und jedes Maß fort: der Vornehme besucht den unter ihm Stehenden, und selbst hundertmal an einem Tage zu kommen ist gestattet; denn wer den Kranken besucht, nimmt ein Sechzigstel seiner Schmerzen von ihm — nur Unterleibsleidende, und Kranke, die mit Augen- und Kopfschmerzen behaftet sind, sollen nicht besucht werden. Lehrer besuchten ihre Schüler, Schüler ihre Lehrer. Lehrer ließen sich zuweilen bei ihren kranken Genossen von ihren Schülern anmelden. Gott weilt am Kopfende des Kranken, darum setze sich Niemand beim Krankenbesuch auf ein Sopha oder einen Stuhl; man verhülle sein Antlitz und sitze durchdrungen von dem Gefühl der Ohnmacht. 4. Die Theilnahme an der Bestattung der Todten galt seit alten Zeiten als gottgefälliges Werk. Dieser Liebespflicht gegenüber tritt jede andere Pflicht, auch die des Thorastudiums, in den Hintergrund. Gott selbst bestattet Tobte, folge seinem Beispiele; bestatte den Todten, auf daß man auch dich bestatte; betrauere den Todten, auf daß man auch dich betrauere; begleite den Todten, auf daß man auch dir das letzte Geleit gebe! Die Liebe, die den Todten erwiesen wird, steht höher, als die Liebe, die man Lebenden bekundet; diese können danken, jene vermögen es nicht mehr — du hast das Gute gethan, weil es gut ist! Gleichwie die Pflicht gebietet, die Todten Israels zu bestatten, also bestatte man auch die Todten der Heiden. Der Weise stirbt Allen, darum beschäftigen sich Alle mit seiner Bestattung. 5. An die Bestatttung der Todten reiht sich das Trösten der Leidtragenden. So lange der Tobte vor den Leidtragenden liegt, ist das Trösten derselben nicht am Platze. Nach der Bestattung bilden die Anwesenden eine Reihe und rufen den Trauernden Trostesworte zu. Gott hat uns gelehrt die Trauernden trösten, und die Erfüllung dieser Liebespflicht hilft die Welt erhalten. Man tröstet den Gatten, wenn ihm das Weib stirbt; Schüler spreche,; auch ihren Lehrern Trost zu. Allein diese Pflicht gilt nur innerhalb des Zeitraumes von zwölf Monate»; wer »ach dieser Zeit tröstet, gleicht einem Arzte, der, nachdem die Wunde an, Fuße des Kranken geheilt ist, zu ihm spricht: Komm her, ich breche dir den Fuß und heile dir ihn sodann. Der Menschen Trost bleibt stets unzulänglich, Hiobs Freunde haben dieses am deutlichsten bekundet — Gott allein kann wahrhaft trösten, darum spricht der Tröstende zu den Leidtragenden: Gott tröste dich (euch) inmitten der Trauernden Zijons und Jerusalems! — Nur ungern gestattete man Krankenbesuch und das Trösten der Leidtragenden am Sabbath. In der biblischen Zeit einten sich Verwandte und Freunde nach der Bestattung der Todten zum gemeinsamen Mahle, im talmudischen Zeitalter bürgerte sich allmählich der Brauch ei», den Leidtragenden das Essen für die erste Zeit ins Haus zu senden; vorerst wurden hierzu kostbare Gefäße verwendet, späterhin aber ward, um die Armen nicht zu beschämen, die Einrichtung getroffen, die Speisen gleichmäßig für Alle in Körben aus Weidengeflecht zu senden. Auch Wein wurde den Leidtragenden gereicht; denn der Wein ist geschaffen, um den Schmerz der Leidtragenden zu scheuchen. 6. Gastfreundschaft ist dem Morgenländer angeboren, aber auch durch die Verhältniffe anerzoge» — die mangelhaften Verkehrsmittel machten die Gastfreundschaft zur uothwcndigeu Tugend für Fremde und Einheimische. Abgeschlossen von aller Welt lebt der Hirt auf der Trift, wo er seine Heerde weidet; vereinsamt zieht der Landmann die Furchen der Scholle, die er sein eigen nennt; fern von dem Weltverkehr lauscht daher der neugierige Orientale, dessen Beschäftigung zumeist auf Ackerbau und Viehzucht sich beschränkt, der Kunde aus der Fremde, und mancher Vortheil mag ihm hieraus erwachsen. Fremde waren es sicherlich, die Jakob Kunde brachte», daß in Aegypten Getreide in Fülle sei, während in Kanaan die Hungersnoth herrschte (Gen. 42, 2), und Rahabs Gastfreundschaft gegen die Kundschafter Josua's rettete ihr und ihrer Verwandten Leben, als Jericho in die Hand Israels fiel (Jos. 2, 16. 25). — Bedeutsamer aber ist die Tugend der Gastfreundschaft auch heute noch für den Reisenden: kein Gasthof im modernen Sinn öffne ihm die Thore, wenn der Abend hereiubricht, und auch Karawansereien sind nicht immer leicht zu erreichen; Gastfreundschaft aber bereitet allenthalben Speise und Trank und ein Lager und machet heimisch den Fremdling auf fremdem Boden. So ist diese Tugend aus den Verhältnissen erwachsen, in Israel aber auch seit Alters religiöser Brauch, religiöse Pflicht: Hiob rühmt von sich, er habe nie einen Fremden über Nacht auf der Straße gelassen, und schon früh schärften es die Rabbinen ein: Dein Haus sei weit geöffnet und die Armen seien die Kinder deines Hauses (Ab. 1,15)! Abrahams Zelt war stets offen und nach alle» vier Weltgegenden mit Thüren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.