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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-09 · Heft 32 (9.8.1895) · p. Seite 375

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 375 (sequence 5)
Language
German
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375 das Judenthum, die goldene Internationale, kämpfet gegen die semitische Frechheit, Erbärmlichkeit und Vaterlandslosigkeit. An den Gräbern der gefallenen Helden, beim Anblick der von den Kugeln zerfetzten Fahnen und Standarten gelobt, treu zu stehen zur „Deutsch-sozialen Reformpartei", unterstützt die antisemitische Presse, lest keine das Volksleben vergiftende Judenzeitung, dazu mahne uns die fünfundzwanzigjährige Wiederkehr der Siegestage von 1876/71, und wenn wir alle Mann für Mann in diesem Sinne die ruhmreichen Tage feiern, dann werden auch uns einst unsere Enkel segnen! Auf zum Kampf! Die Waffen hoch! Deutsches Volk, werde hart und wahre Dein Hausrecht! von Gerhard»." So wird das Andenken an die große Zeit besudelt durch eine Beschimpfung der Deutschen jüdischen Glaubens, deren Angehörige an der Seite ihrer christlichen Kameraden dem Tode ins Angesicht geschaut haben. Welch schmerzliches Gefühl muß sich der jüdischen Veteranen bemächtigen! Aber zugleich wird die Gesammtheit des deutschen Volkes auf Tiefste gekränkt und beleidigt durch die unverschämte Zumuthung, an den Gräbern der gefallenen Helden die antisemitische Fahne anfzupflanzen. Wer hätte das vor 25 Jahren für inöglich gehalten! Neuerdings hat das deutsche Reich mehrere Kriegsschiffe nach Marokko geschickt, um Genugthuung für die Ermordung des deutschen Kaufmanns Rockstroh zu erlangen. Wir wissen nicht, welcher Konfession dieser Kaufmann angehört. Nirgends aber ist die Lage der Inden zur Zeit elender als in Marokko, und in richtiger Erkenntnis;, daß etwas geschehen müsse, um diesen entsetzlichen Zuständen ein Ende zu mache», hat die Anglo Jewish Association schon vor einem Jahrzehnt einen „Marokko-Fonds" zu sammeln begonnen. Unvergessen ist auch die Reise Cremienx' nach Marokko, welche eine vorübergehende Besserung der Lage der dortigen Inden herbeiführte. Mehrere Blätter brachten kürzlich die Nachricht aus Tanger, daß die Juden jetzt gezwungen werden, die Köpfe der ermordeten Rebellen einzusalzen. In den Hauptstädten Marokkos leben die Inden noch heute in einem besonder» Judenviertel, sie sind der Bastonade ausgesetzt u. s. w. Wann wird ihnen ein Retter kommen? 4 Recht charakteristisch für die Anschauung der betreffenden Kreise ist eine Erkenntnis;, durch welches der mecklenburgische Oberkirchenrath den Pastor Müller in Rostock wegen seiner Theilnahme an einem Verein für Leichenverbrennung seines Amtes entsetzt. Die „Flamme" erfährt, daß es im Erkenntniß heißt: „Der Pastor Müller hat die Pflichten seines Amtes dadurch verletzt, daß er die Einladung des Feuerbestattungsvereins zum Vortrage in öffentlicher Versammlung angenommen hat, obwohl er nach den Statuten wie aus der „Flamme" wissen mußte, daß dieser nicht bestrebt war, christliche Interessen zu fördern, und ihm seiner eigenen Angabe nach auch sehr wohlbekannt war, daß der Verein Inden und Heiden zu seinen Mitgliedern zählte. Da er dies Alles wissen mußte, so hätte er sich entweder Cautelen geben lassen müssen, oder er hätte die Gelegenheit benutzen müssen, um vor Juden und Heiden von Christo Zeugniß abzulegen. Also Juden und Heiden stehen für diese frommen Herren ans einer Stufe! In antiseniitischen Kreisen wird einem Schreiben des Papstes an den belgischen Episkopat große Bedeutung beigelegt. Man erblicke darin, wie der Pol. Korr, aus Rom berichtet wird, einstimmig eine klare und deutliche Kundgebung Leos XIII. gegen die Ausartungen der christlich-sozialen Bewegung, welche nicht nur in Belgien, sondern auch in andern Staaten eine Form angenommen hat, die vom Papste auf das Entschiedenste mißbilligt worden ist. Die päpstliche Encyklica stellt sich als Ergebniß langer Verhandlungen dar, welche zwischen der belgischen Regierung und dem Heiligen Stuhle stattgefunden haben. Nicht nur das Brüsseler Kabinrt, sondern König Leopold II. selbst hatten Veranlassung genommen, den Papst auf die Gefahren der von den Christlich-Sozialen begünstigten Tendenzen für Ruhe und Ordnung im Staate aufmerksam zu machen. Das Schreiben des Papstes sei die Antwort auf diese Vorstellungen und richte sich wohl direkt an die belgischen Bischöfe, dürfe aber gleichzeitig auch als ein Echo jener Ermahnungen aufgefaßt werden, welche der Papst seinerzeit an die Christlich-Sozialen in Oesterreich gelangen ließ. Die Tendenz des Schreibens ziele darauf, die christlich-soziale Bewegung von dem revolutionären Antisemitismus loszutrennen und die Autorität der Bischöfe über die niedere Geistlichkeit zu stärken. * Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. JSlie „Ostdeutsche Volkszeituug" brachte vor nicht langer Zeit den statistischen Nachweis, daß das Königreich Sachsen eigentlich am allerwenigsten darauf eingerichtet sei, den Nährboden für die antisemitische Bewegung herzugeben, nichts destoweniger aber sechs Reichstagsmandate in den Händen der Antisemiten sich befinden. Das Königreich Sachsen, meint jenes Blatt, hat verhültnißmäßig nur wenig Juden. Bei der Zählung 1893 kamen auf Berlin unter 19,000 Einwohnern 502, in Hamburg 287, in Hessen-Nassau 208, in Hessen 257, in Posen 253, im Königreich Sachsen 27 Inden, weniger, wie in jeder preußischeil Provinz, in jedem Königreich, Großherzogthum, überhaupt weniger, wie in jedeni deutschen Lande, mit Ausnahme von Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Rudolstadt und Reuß. — Diese Bemerkung wäre ja ganz richtig, wenn es überhaupt für die Enlstehung und Verbreitung des Antisemitisinus einer lokalen oder andern Ursache bedurft hätte. Denn darum, weil der Antisemitismus nur das symptomatische Gebilde einer vorhandenen Zeitkrankheit ist, schafft er sich seine Pflanzstätte allerorts, nimmt aber dabei mit Vorbedacht besonders dort seine Niederlassung, Ivo seine vergiftenden Theorien nicht ihre Widerlegung durch Thatsachen finden, wo er keinen Kampf mit den Angegriffenen zu bestehen hat, weil diese sich in der äußersten Minderzahl befinden. In Gumbinnen starb vor einiger Zeit der Bürgermeister a. D. Meiser, der in seiner dreißigjährigen Verwaltung der städtischen Interessen sich die höchste Achtung mrd Werthschätzung Aller zu erwerben verstanden hat. Die Nachrufe, die ihm gewidmet, stimmen alle in der ehrenhaften Anerkennung seiner reichen Verdienste überein. Wenn wir indes; auch an dieser Stelle unsere Hochachtung vor dem Verstorbenen Ausdruck verleihen, so erfüllen wir hiermit mir eine Pflicht der Dankbarkeit für sein humanes Wesen, das er an den Tag legte, so oft ihm Gelegenheit wurde, unseren Glaubensgenossen aus dem benachbarten Rußland sich nützlich zu machen, wenn ihnen bei ihrem Aufenthalt in Gumbinnen oder bei ihrer Durchreise Schwierigkeiten entstanden. Es war in jener schweren Zeit der Ausweisung, als wir selbst bei dergleichen, oft gar sehr traurigen Fällen unsere Zuflucht zu dem Heimgegangenen zu nehmen gezwungen uns sahen. Niemals hat er uns dabei seinen Beistand versagt, niemals hielt er inne, wenn es in seiner Macht lag, jenen Unglücklichen in irgend einer Weise durch seine Vermittelung bereitwillig auszuhelfen. In unserem

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