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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-09 · Heft 32 (9.8.1895) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 374 (sequence 4)
Language
German
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374 die Propheten Männer waren, gleich ausgezeichneten Geistes und Charakters, weil sie in der doppelten Glorie der Erkenntniß und der Gerechtigkeit strahlen, weil sie heil und gesund an ihrer Seele waren, darum nennen wir sie heilig und von göttlichem Geiste beseelt. Solche Männer mußten einen freien Ausblick in die Zukunft haben, und sie konnten getrost verkünden, daß die Ideen, denen sie ihr Leben widmeten, dauern und siegen werden. In jedes Menschen Seele spiegelt sich die Welt, und wenn der Spiegel trübe ist, so kann auch das Bild nur trüb und verworren sein; aber aus der reinen und ruhigen Seele der Propheten strahlte ein Abbild der Welt, das war klar und heiter, und sichtbar wurden ihnen die treibenden Kräfte der Menschheit. Vielleicht die gewinnendste, wenn auch nicht die gewaltigste Persönlichkeit unter den Propheten ist die des Sehers, dessen Reden in diesen Wochen in den jüdischen Gotteshäusern vorgetrage» werden und diese» Sabbathen im religiösen Kalender der Juden den Namen verleihe». Zehn Sabbathe nämlich, drei der Trauer und sieben des Trostes, sind den Erinnerungen und Hoffnungen gewidmet, welche an die Zerstörung Jerusalems und des Tempels sich knüpfen; es bedarf für den Besonnenen keines langen Erweises, daß dieses Ereigniß nachwirkt bis auf den heutigen Tag, daß es nicht nur das Schicksal der Judenheit, sondern auch die Religion des Jndenthums eigenthümlich gestaltet hat. Die Trauer, sie gilt nicht der alten Tempel-Zerstörung, sondern dem, wie ja in unserer Zeit jeder Tag uns lehrt, stets wachen Vorurtheil, das sich noch heute gegen Israels Häuser, gegen Israels Tempel zerstörend wendet. Denn dieses Vorurtheil ist dem Bergstrom vergleichbar; eine Zeit lang ist das Strombett eiugetrocknet, und nur eine seichte Rinne, die der Fuß des Wanderers leicht überschreitet, bezeichnet die Stelle, wo sonst ein mächtiges Wasser dahinbraust; aber unversehens, aus verborgenen Quellen hat sich dieses Bett gefüllt, gewaltig schwillt die tückische Fluth und schreitet über die Ufer und zerstört die Brücken und wirft die Häuser nieder und reißt den Segen der Ernte in ihre Wogen und vernichtet den Wohlstand für lange Zeit. Die Trauer, die an die Zerstörung Jerusalems auknüpft, ist dem Schmerze gewidmet, daß noch heut der Raffenhaß, welcher das Kennzeichen des heidnischen Alterthums gewesen ist und den die prophetische Lehre von dem einen Gotte und dem einen Menschengeschlechte überwinden sollte, noch nicht erloschen ist, sondern daß er, wen» ein böser Hauch über die Lande weht, mächtig wieder aufloht, daß es noch heut ein Martyrium, eine Dornenkrone ist, Wahrheit zu verbreiten und zu künden. Aber an den sieben Trostsabbathen vernehmen wir die Rede des Propheten, der durch alle Wolken und Nebel schaut und weiß, daß sie siegend durchbrechen wird. Wir kennen nicht den Namen dieses Sehers, aber es verräth den richtigen Takt unserer Väter, daß sie die Reden dieses Unbekannten den Prophetien des Jesajas, des erhabensten Propheten, angefügt, daß sie ihn damit als dem Jesajas ebenbürtig, als einen zweiten Jesajas erkannt haben. Er lebte im Exil und redete zu einem Volke, das sich von Gott verlassen wähnte; aber konnte es in seinem Schmerze verharren, wenn es das Trosteswort vernahm: „Zion spricht, der Herr hat mich verlassen, und mein Gott hat mich vergessen: aber kann ein Weib ihres Säuglings vergessen, der Liebe gegen ihres Leibes Frucht: und sollte auch diese vergessen, ich werde dich nicht vergessen." Ihm ist das Volk Israel selbst der Messias, der Gottgesalbte, der ausgesandt ist, um eine Welt zu erlösen, und der leidet und duldet, weil er gegen die mächtigsten Feinde anzukämpfen hat. Aber dieser weise und fromme Mann weiß, daß der Gedanke mächtiger ist als jede Gewalt, die sich gegen ihn wendet; die Wahrheit ist jener Wundervogel, der sich verjüngt und strahlend aus der Flamme emporhebt, die ihn verzehre» sollte. „Jede Waffe," so ruft er, „gegen dich geschmiedet, wird nichts erreichen, und jede Zunge, die mit dir rechten will, sprichst du schuldig." Hat sich nicht zumal dieses zweite Wort: „Jede Zunge, die mit dir rechten will, sprichst du schuldig", nicht auch in dieser Zeit bewährt? Hat die Bewegung gegen die Juden, welche sich zuerst mit allerhand scheinheiligen Redensarten verbrämte und harmlose Menschen noch an ihre Ehrlichkeit und ihren guten Willen glauben lassen konnte, nicht von Tag zu Tag deutlicher ihre krasse Rohheit enthüllt; hat jene Maske der Vaterlandsliebe und der Frömmigkeit, welche die Verführer des Volksgewissens so lange trugen, nicht fallen müssen, daß der Neid und die Habgier unverhüllt sich zeigten? Ja, jede Zunge, die mit dir rechten will, überführst du der Schuld; wie schmerzlich auch unser Herz bewegt wird durch Nvth und Verfolgung, die unsere Glaubensgenossen getroffen haben, in gewissem Sinne müssen wir sagen: auch das war zum Guten; denn jene Scheinheiligen, die mit Schlangenlist uns schaden wollten, die die Lüge im Herzen und die Liebe auf den Lippen trugen, sind nun vor aller Welt gerichtet und gebrandmarkt, sie wollten mit uns rechten, und der Gang der Geschichte hat sie schuldig gesprochen. Ob auch der Einzelne leidet, von dem ganzen Volke gilt das Wort des großen Trösters: „Durch Gerechtigkeit wirst du gefestet werden, sie bleibt fern der Gewaltthat. lind du hast sie nicht zu fürchten, und der Schrecken, er wird sich dir nicht nahen." Kein Redlicher wird sich durch das Unrecht, das ihm zugefügt wird, dazu Hinreißen lassen, Unrecht zu üben, kein Edler wird Haß mit Haß vergelten. Das wäre die schlimmste Folge aller dieser Bosheit, wenn wir in unserm Gemüthe verdüstert würden, wenn wir in unserm Herzen die Bande lösten, welche uns an dieses große und gute Land knüpfen, dessen Bürger wir sind. Der Seher, der im Exil lebte, hat seinem Volke zugerufen: Durch Gerechtigkeit wirst du gefestet werden; das war der göttliche Geist, der ihn beseelte, daß augenblickliche Noth ihn nicht niederdrückte und ihm nicht den Glauben nahm an den Sieg der Gerechtigkeit; das war der heilige Geist, der aus ihm redete und ihn ein Tröster werden ließ in schwerer Zeit. Was durch Jahrtausende verschrildet worden ist, das kann in einem Tage nicht gut gemacht werden: das Vorurtheil gegen Israel ist zu lange genährt worden und wurzelt darum zu tief, als daß es so rasch heransgerissen werden könnte. Aber es giebt kein anderes Mittel es zu entwurzeln als dies, selbst gerecht und treu zu sein und an den Sieg der Gerechtigkeit zu glauben, es giebt keinen andern Rath und keinen andern Trost als den des Sehers: Durch Gerechtigkeit wirst du gefestet werden. Me Mache. Berlin, 7. August. uch selbst die Erinnerung an die Ruhmestage von 1870/71 wird von den Antisemiten in unerhörter Weise für ihre Parteizwecke und ihre Geschäftsreklame ausgebeutet. So lesen wir in dem von einem Manne mit dem urgermanischen Namen Sedlatzek herausgegebenen „D. G.-Anz.": „Deutsches Volk, wach auf! Ihr Soldaten, die Ihr auf Frankreichs Auen gekämpft und geblutet habt fürs heilige Vaterland, schließt Euch zusammen zum Kampf gegen das zersetzende Judenthum, dem nichts heilig ist. Protestanten und Katholiken, begrabt die Streitaxt, vereinigt Euch, der Feind steht vor den Thoren, und dieser Feind ist

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