Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Konfession die Stütze derselben." Bei dieser Gelegenheit erzählte der Minister, daß er auch eine jüdische Volksschule besuchte und viel Schönes und Gutes gelernt habe, und gedachte seines Lehrers Samuel Bun mit größter Ehrerbietung und gab seinem Bedauern Ausdruck, ihn hier vermissen zu müssen. Großbritannien. mf. London, 20. Juli. Der eben ausgegebene 24. Jahresbericht der Anglo-Jewish-Association bringt außer der Uebersicht über die von der Gesellschaft unterstützten Schulen auch die Rede, welche der Vorsitzende Baron Julian Goldsmid bei der Jahresversammlung gehalten hat. Dieselbe stellt fest, daß die Hand der Unterdrücker in! Rußland und Ruinänien noch schwer auf unfern Glaubensgenossen lastet. Was Rußland betrifft, so heißt es in dem Bericht, daß die Hoffnungen, welche an die Thronbesteigung Nikolaus II. geknüpft wurden, sich kaum erfüllt haben. Gegenüber der gegenwärtig in Petersburg tagenden Kommission für „jüdische Reformen", die demnächst dem Ministerrath einen, wie man hofft, günstigen Bericht erstatten wird, ist einstweilen eine reservirte Haltung geboten. In Rumänien scheint die Lage unserer Glaubensgenossen von Jahr zu Jahr schlechter zu werden. Jüdische Schüler werden systematisch von den Staatsschulen ausgeschlossen, in der Armee werden jüdische Soldaten, selbst wenn sie akademische Grade erreicht haben, von ungebildeten Unteroffizieren schlecht behandelt. Das neue Unterrichtsgesetz in Bulgarien stelle die Juden den übrigen Staatsbürgern gleich. Die Achtung, welche alle Klassen dem Dr. Grünwald, dem verstorbenen Oberrabbiner, dessen Tod von allen Freunden jüdischer Wissenschaft beklagt werden muß, bewiesen haben, zeigte, welche Fortschritte in der Richtung der Gleichstellung erreicht worden sind. Auch besuchen hier die Juden die öffentlichen Schulen. — Mit einiger Sorge beobachtet die Gesellschaft das Wachsthum der antisemitischen Agitation in Oesterreich und Frankreich. Günstiger als in früheren Jahren sind dieses Mal die Nachrichten aus Marokko, wo die Sicherheit des Lebens und Eigenthums der Juden unter dem neuen Regime jetzt besser verbürgt ist. Auch hat sich herausgestellt, daß der im Laufe des Jahres erfolgte gewaltsame Tod eines Juden nur auf Habgier zurückzuführen war und daß jeder Religions- oder Rassenhaß ausgeschlossen war. Die Gesellschaft unterstützte im Berichtsjahre 22 Schulen, darunter einige mit namhaften Beträgen, so die Evelina Rothschild-Schule in Jerusalem mit 16,000 M. ferner Bombay, Korfu, Jerusalem, Konstantinopel mit je 1000 Mk, die in Mogador, wo die Ortsgemeinde außer Stande ist, einen Beitrag zu leisten, mit 12,000 Mk., ferner die Schulen in Bagdad, Smyrna und Salonichi mit je 3000 Mark, mit kleineren Beträgen noch die Schulen in Adrianopel, Brussa, Chios, Damaskus, Haifa, Jaffa, Jassy, Magnesia, Philippopel, Rustschuk, Tetuan. Von Nah und Fern. Der Vortrag über „die hygienischen Grundzüge der mosaischen Gesetzgebung", den Professor Dr. Adolf Baginsky im vorigen Winter hier gehalten, ist soeben bei Vieweg u. Sohn in Braunschweig im Druck erschienen. — Rabbiner Dr. Baneth, früher in Krotoschin, ist von der Gemeinde B'ne-Brith einstimmig zu ihrem Rabbiner und Dirigenten der Religionsschule gewählt worden. — Aus Thorn meldet man von neuen Grenzplackereien. Aus sicherer Quelleerhält die„Thorn. Pr." die Mittheilung, daß die russischen Grenzbehörden angewiesen sind, allen Juden, auch den diesseits ansässigen, die nur mit Grenzlegitimationsscheinen versehen sind, den Uebertritt über die russische Grenze nicht mehr zu gestatten. Durch diese Maßregel soll der angeblich in ausgedehntem Maße betriebene Schmuggel eingeschränkt werden. — Ein menschenfreundlicher Arzt ist Herr D. B. in Peine (Hannover). Derselbe veröffentlicht in der „Peiner Zeitung" vom 19. Mai d. I. ein Inserat, in welchem er die Eröffnung einer Poliklinik anzeigt und gleichzeitig dabei bemerkt, daß Unbemittelte unentgeltlich behandelt werden. Er führt dann in dem Inserat die an, die ausgeschlossen von dieser ärztlichen Behandlung sind, darunter — Juden. Ein weiterer Kommentar erscheint überflüssig. — Die Synagogengemeinde Köln war im vorigen Jahr zur Einkommensteuer herangezogen worden, da nur Kirchen davon befreit seien. Das Vorstandsmitglied Assessor Fleck hat nunmehr nachgewiesen, daß Korporationen nur, wenn sie Vermögen haben, steuerpflichtig seien. Daraufhin ist der Erlaß der Steuer erfolgt. — In Heidelberg starb der ordentliche Professor der Ohrenheilkunde Hofrath Dr. Salomon Moos. In Randegg *am Bodensee geboren, habilitirte er sich in Heidelberg 1859 als Dozent, wurde 1866 außerordentlicher Professor, 1886 mit der Vertretung der Ohrenheilkunde und der Leitung des betreffenden Instituts beauftragt und 1891 zum Honorarprofessor mit dem Range eines ordentlichen Professors ernannt. — Sein achtzigstes Geburtsfest in vollständig geistig und körperlicher Frische feierte vor Kurzem im engsten Kreise seiner Familie Herr Leopold Flesch in Augsburg, aus welchem Anlaß derselbe namentlich aus Oettingen, wo er jahrelang Mitglied des Kollegiums und des Magistrats, sowie Kultusvorstand war, Glückwünsche erhielt. — Einer der namhaftesten Aerzte Wiens, Dr. Karl Bettelheim, ist, 50 Jahre alt, gestorben. Der Verstorbene war auch litterarisch thätig. — Nach dem Beschluß des Kuratoriums der Baron Hirsch-Stiftung sollen in Galizien im Laufe des Monats September weitere 10Schulen eröffnet werden. — Wie man aus Paris berichtet, wurde dem österreichischen Rechtsgelehrten Professor Dr. Salomon Mayer, der seit einigen Jahren in Paris lebt, das Ritterkreuz der Ehrenlegion verliehen. — Professor Dr. Adamkiewicz ist für hervorragende wissenschaftliche Leistungen besonders in der Erforschung und Behandlung des Krebses von der Akademie der Medizin zu Paris zum Mitglied ernannt worden. — Der langjährige Präsident der jüdischen Gemeinde zu Elbeus, Js. Weill- Kinsbourg, ist, allgemein betrauert, im 53. Lebensjahre plötzlich gestorben. — Die jüdische Gemeinde zu Turin beklagt den Verlust ihres beliebten Oberrabiners Samuele Ghiron, der im Alter von 66 Jahren kürzlich gestorben ist. — Der russische Bischof Schareschewski hat die von ihm 1886 übernommene Arbeit, die ganze Bibel ins Chinesische zu übersetzen, nun nach achtjähriger Arbeit vollendet. Die Übersetzung und die Drucklegung dieses Werkes werden nahezu 1,200,000 Mark kosten, und wird diese Summe von einer amerikanischen Bibelgesellschaft herbeigeschafft werden. — Der Gemeinderath zu Warschau hat den Beschuß gefaßt, ein Asyl für arme jüdische Wöchnerinnen auf städtischem Grund und Boden errichten zu lassen. In dem betreffenden Beschlüsse heißt es : „Unsere Mitbürger mosaischer Konfession haben stets eine offene Hand für alle Nöthen der Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens. Viele humanitäre Anstalten unserer Stadt sind durch die kräftige Unterstützung unserer jüdischen Mitbürger entstanden. Es wäre direkt unmoralisch, die Errichtung einer humanitären Anstalt speziell für Juden zu hintertreiben oder ihr die Berechtigung abzusprechen. Dem Gemeinderathe liegt übrigens nichts vor, was gegen die Nützlichkeit der Juden für unser städtisches Leben sprechen könnte, und in Erwägung dieser Umstände beschließt der Gemeinderath, den Bau des Asyls für jüdische Wöchnerinnen in Angriff zu nehmen." — Vor einigen Tagen ereignete sich auf dem Moskauer Bahnhof bei der Ankunft des Petersburger Zuges folgende aufregende Szene. Ein verabschiedeter russischer Rittmeister, der eben einem Waggon entstieg, trat auf einen jüdischen jungen Mann zu und schoß auf ihn aus einem Revolver mehrere Male, bis derselbe blutüberströmt und gefährlich verwundet zu Boden stürzte. Als der Verbrecherergriffen wurde, sagte er aus, er wäre seit längerer Zeit zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Juden an allem Unglück schuld sind, die Welt beherrschen und Alle vernichten, die ihnen Hindernisse bieten. Deshalb habe er beschlossen, den ersten besten Juden, den er bei seiner Ankunft in Moskau treffen werde, zu erschießen, was er auch ausführte! - Aus Jerusalem meldet man: An dem jüngsten jüdischen Feste empfing der Chacham Baschi den Besuch des Pascha von Jerusalem. Es ist dies das erste Mal, daß der Pascha das Oberhaupt der jüdischen Konfession in dieser Weise ehrt. Am 2. Cheschwan erhielt der Chacham Baschi einen Erlaß Sr. Majestät des Sultans, welcher die Aufnahme der türkischen Sprache als Unterrichtsgegenstand in den jüdischen Schulen Palästinas anordnet. Die sephardische Gemeinde wählte in ihren Vorstand die Herren: Bankier Valero, Arieh und Stadtverordneten Nabon; dieser Vorstand ist eifrig bemüht, den Frieden zwischen der sephardischen und aschkenasischen Gemeinde herzustellen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwih in Berlin.