Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Herren Dr. Stein und Dr. Ziemlich referirten über einen Normallehrplan für den Religionsunterricht am Gymnasium. Ihre Referate wurden zunächst der Kommission überwiesen, ferner fand über den Religionsunterricht an andern Schulen ein Meinungsaustausch statt. Der geschäftsführende Ausschuß wurde wieder gewählt. Im Anschluß an die Konferenz der Rabbiner tagte am Nachmittag des i5. Juli der Ausschuß des Landesvereins zur Unterstützung aothleidender israelitischer Kultusgemeinden in Bayern, welcher die Rabbiner und eine größere Anzahl von Vertretern der Kultusgemeinden Bayerns in sich vereinigt. Auf das an den Prinzegenten gesandte Huldigungstelegramm lief folgende Antwort ein: .Seine kgl. Hoheit der Prinz-Regent hat die loyale Kundgebung der in Vamberg tagenden Konferenz der bayerischen Rabbiner gern entgegengenommen und lassen allen Theilnehmern allerhöchst ihren huldvollen Dank cntbieten. Im allerhöchsten Aufträge: Frhr. von Zoller, Generalmajor. Generaladjutant." Oesterreich -Ungarn. kH Wien, 29. Juli. Die statistische Centralkommission hat kürzlich eine Statistik der Selbstmorde veröffentlicht, die in Wien während der Jahre 1854 bis 1894 vorgekommen sind, und die Berücksichtigung rer Konfession der Selbstmörder ergiebt die relativ höchste Selbstmord- Sequenz bei den Mitgliedern der griechisch-orientalischen Kirche; auf riese folgen in absteigender Ordnung die Bekenner der evangelischen, atholischen und israelitischen Religion. — Der Präsident des Abgeordnetenhauses, Baron Chlumecky, sprach bei einem Festabend, den die Bürger von Znaim ihm zu Ehren veranstalteten, in einer politisch bedeutsamen Rede auch über den Antisemitismus, „der der häßlichste Auswuchs des Radikalismus" ist. „Es ist eine tiefbeklagenswerthe Erscheinung," sagte Baron Chlumecky im Verlauf seiner glänzenden -iede, „daß am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, und zwar bechämenderweise vorwiegend nur unter Deutschen, ein Schlagwort zu inern politischen und wirthschaftlichen Programmpunkt gemacht wird, welcher allen Grundsätzen der Humanität, sowie auch der Freiheit Hohn pricht. Gerade die Lehren der katholischen Kirche, die erhabenen Grundätze des Christenthums stehen mit diesem Schlagworte in grellstem Widerspruch, und die allbekannten, traurigen und nicht rief genug zu ^klagenden Erscheinungen des öffentlichen Lebens — zumal in Wien - welche in so innigem Zusammenhang mit jenem Schlagworte stehen, sie nlden eine so große Gefahr für Freiheit, Kultur und Humanität, für Staat und Gesellschaft, daß man nicht lebhaft genug wünschen kann, mß diese schwere Krankheit bald überwunden werde und man alle zulässigen Mittel zu ihrer Heilung anwende." — Die Balgereien zwischen den Christlich-Sozialen und den Deutschnationalen dauern fort. Vorgestern Abend haben die Deutschnationalen beim „Wilden Mann" u Währing den ehemaligen Gemeinderath Jedliczka, der auf das christlich-soziale Programm kandidiren will, als über seine Kandidatur ^gestimmt wurde, mit Glanz durchfallen lassen, und gestern Abend ächten sich bei der „Blauen Weintraube" in Margarethen die Christlich- Sozialen dafür, indem sie die Deutschnationalen beschimpften. Als sie zar nichts Anderes mehr wußten, nannten sie die Deutschnationalen 'ogar — „Judenknechte", und man kann sich vorstellen, welche Entrüstung dieser unerhörte Schimpf in den Reihen der schwarz-roth- Ivldenen Herren hervorrief. — Dem „N. W. Tagblatt" schreibt ein Abonnent aus dem mährischen Kurorte Roznau: „Seit 14 Tagen sind die hier weilenden israelitischen Kurgäste speziell seitens der Mitglieder der Kurkapelle fortwährenden Verspottungen ausgesetzt. Heute, am 25. d., ereignete sich folgender Zwischenfall: Während die Kurmusik am Morgen spielte, promenirte ein Mitglied der Kapelle durch den Park und steckte den dort promenirenden israelitischen Kranken Musikprogramme in die Tasche oder hinter den Rockkragen, welche mit Karikaturen versehen waren, in denen die Juden verspottet werden. Ein diesbezüglicher Appell an den Kapellmeister blieb fruchtlos, ja es kam sogar später noch zu widerlichen Szenen, indem einzelne Mitglieder der Kurkapelle die Kurgäste verspotteten. Eine sechsgliedrige Deputation von Kurgästen hat sich zum Bürgermeister Herrn Holub begeben und über dieses Treiben Beschwerde geführt. Herr Holub sagte der Depuation in der freundlichsten Weise zu, daß er ihr Genugthuung verschaffen werde." — Wir bemerken hierzu, daß wir aus dem vorstehenden Schreiben einige Stellen eliminirt haben, weil uns die darin enthaltenen Beschuldigungen gegen die Mitglieder der Kurkapelle fast unglaublich erscheinen. Indessen ist es ja genug, wenn es in einem Kurorte, in welchem sich, wie nian weiß, Schwerkranke befinden, soweit kommen kann, -aß Patienten, die ja gerade so gut wie alle Uebrigen ihre Kur- und Musiktaxe erlegen müssen, lediglich wegen ihrer Konfession von den Mitgliedern der Kurkapelle beschimpft werden, wobei hervorzuheben ist, daß die Mitglieder dieser Kurkapelle ausschließlich aus den Taxen, welche die Kranken ohne Unterschied der Konfession zu erlegen haben, bezahlt werden. Wir setzen voraus, daß der Bürgermeister von Roznau sich beeilen wird, fciefeni unerhörten Zustande ein Ende zu machen und hierdurch den Kurort vor Schaden zu bewahren." — Der Kaiser hat dem Großindustriellen Heinrich Friedländer in Neubydzow das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen. — Der Assistent an der deutschen technischen Hochschule in Prag, Herr Max Morgenstern, wurde zum Professor an der Staatsgewerbeschule in Czernowitz ernannt. 6. Budapests 21. Juli. Die Millenniumsausstellung, die ein treues Bild dessen entwerfen soll, was in und aus Ungarn seit einem Jahrtausend geworden ist, beginnt mehr und mehr erkennbare Schatten vorauszuwerfen. Die Regierung, die Stadtvertretung, die Bürger wirken einmüthig zusammen, um den Gästen, die von Nah und Fern herbeiströmen werden, das Streben und Können, die Ziele und Leistungen Ungarns im besten Lichte vorzuführen, um die Ebenbürtigkeit mit andern Kulturvölkern zu erweisen. Es muß zugegeben werden, daß überall, wo die Entwickelung Ungarns am schärfsten hervortritt, auf dem Gebiete des Handels und der Industrie, der Kunst und der Litteratur u. s. w. die Juden eifrige und emsige Mitarbeiter waren. Sie haben einen wahren Bienenfleiß entwickelt, um Ungarn zu jener Stufe zu verhelfen, die in den westlichen Kulturstaaten bereits erklommen ist, und entfalten jetzt eine rege Thätigkeit, um dem großen Ausstellungswerke einen erhöhten Glanz zu verleihen. Wir wollen diesmal nicht den Lesern dieser, auch bei uns sehr beliebten Zeitschrift einzelne Detaills vorführen, um den Beweis zu erbringen, daß an der seltenen Prosperität, zu der sich Ungarn in den letzten Jahrzehnten emporarbeitete, die Juden den Löwenanthei! haben. Wir wollen nur auf jene Abtheilung der historischen Ausstellung Hinweisen, in der sich die tausendjährige Vergangenheit der ungarländischen Juden treu widerspiegeln wird. Der Blick des Gelehrten, des Kunstkenners und aller derer, die eine tiefere Einsicht in die Geschichte der Juden Ungarns erlangen wollen, wird sich an den historischen Denkmälern Tempelgeräthen, Urkunden und Manuskripten und an alldem, woran sich eine jüdisch-historische Reminiszenz knüpft, erfreuen. Dank der kompetenten Ortes erfolgten Anregung und dem staunenswerthen Eifer des Max Szabolesi, des Redakteurs des Egyenlöseg, wird diese reichhaltige Gruppe von unanfechtbarer Bedeutung und dem höchsten wissenschaftlichen und moralischen Werth sein. Ein nicht zu unterschätzendes Verdienst des Herrn Szabolesi ist es, daß er mit gehöriger Umsicht viele historische Denkmäler erforscht, die bisher einer Besichtigung entzogen oder erschwert waren. — Die Alliance Jsraelite Universelle verschickte an die Gemeinden Ungarns einen warm gehaltenen Aufruf, in welchem mit Berufung auf die vielen Verdienste, welche sie sich erwarb, der Wunsch ausgesprochen wird, daß Gemeinden, Vereine, sie thatkräftigst unterstützen uiögen. Dies bot den Organen der schon sattsam bekannten ultramontanen Volkspartei willkommenen Anlaß, um den Juden etwas am Zeuge zu flicken. Es wird aus dem Ausrufe so Manches herausgelesen, was nicht gesagt wird, es werden nach altem, bewährtem Muster einzelne Sätze aus dem Zusammenhänge gerissen, daran geklügelt und gedeutelt, und schließlich wird die Unterstützung der A. I. U. als Landesverrath erklärt. Sie faseln von einem „Kahal", unter dessen Einflüsse die Regierung neue Gesetze schafft, sie träumen von Bestechungen und andern ähnlichen Dingen. — Wie wir schon meldeten, sprach eine Abordnung des israelitischen Landes-Lehrervereins beim Kultus-und Unterrichtsminister Dr. Julius Wlassics vor. In seiner auf die Begrüßungsansprache gegebenen Antwort sagte er unter Anderm: „Sie stehen zum Glücke in dem Dienste eine Konfession, die bezüglich des Patriotismus unerschütterlich ist. Es geschieht leider nicht in jeder Gegend Alles, was zur Verbreitung und Hebung der Kultur nothwendig wäre, aber auch da ist die jüdische