Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Besitztitel im Hypothekenbuche des Schulgrundstücks noch für die israelitische Korporation eingetragen stehe, und beanspruchten auf Grund dessen das Eigenthumsrecht für die Synagogen-Gemeinde dergestalt, daß dieser allein das Verfügungsrecht darüber zustehe und diese berechtigt sei, die Schulgemeinde jederzeit daraus zu entsetzen. Selbstverständlich bestreitet der Schulvorstand alles dies, hält den Rechtsweg nicht für zulässig und rechnet mit Bestimmtheit darauf, daß die Vorgesetzte Behörde mit Rücksicht auf das eigenthümliche Berhältniß, den Kompetenzkonflikt erheben werde, um zunächst die Sache im Verwaltungswege schlichten zu können. O Kiel, 26. Juli. Auf seiner Geschäftsreise ist der Rektor a D. Ahlwardt jetzt auch hierher gekommen. Es hatten sich zu der von ihm angekündigten Versammlung am Dienstag etwa 2000 Personen eingefunden; die brachten ihm bei 30 Pfennig Entree über 60O Mark. Darob war er sehr vergnügt und regalirte die Versammelten mit den ältesten Kalauern. Sehr ungemüthlich wurde er aber, als der Stadtverordnete Heinzel den Antrag stellte, daß der Reinertrag des Abends der Provinzial-Llindenanstalt überwiesen werden solle. Ahlwardt wandte sich gegen dieses Ansinnen mit etwa folgenden Worten: „Es handelt sich heute nicht um eine öffentliche Volksversammlung; ich habe ausdrücklich angekündigt, daß ich einen Vortrag halten wolle. Der Vortrag ist ein Produkt meines Wissens, meines Studiums. Der Antrag ist eines jener Raubgelüste, die ich in meinem Vortrage geschildert habe Ihnen gegenüber ist die Einnahme mein Ei g ent hum. Der Ueberschuß wird an die Kasse der antisemitischen Volkspartei von mir abgesührt. (Rufe: Na, na! Gelächter.) Ich bestreite Ihnen jedes Verfügungsrecht über die heutige Einnahme. Wer von meinem Vortrag nicht befriedigt ist, hätte die 30 Pfennig behalten und zu Hause bleiben können. Mein sauer erworbenes Geld lasse ich mir von Keinem streitig machen." Bis auf die Bemerkung, daß das Geld sauer erworben sei, können wir in diesem Falle dem Rektor nicht Unrecht geben. Im Uebrigen streift der Betrag von 30 Pf. als Gegenleistung für einen Vortrag von Ahlwardt hart an das Wuchergesetz! Q Kehl, 29. Juli. Der aus verschiedenen antisemitischen Prozessen bekannte Redakteur Thomas Reuth er, früher bei dem antisemitischen „Volksboten" in Heidelberg, jetzt in Offenbach a. M., derselbe, welcher in Hessen bei ländlichen Versammlungen einen stets gleichbedeutenden, von dem Abg. Bindewald geschmackvoll als „Kuhschwanzrede" bezeichneten Vortrag gehalten hat, wurde am 27. d. vom hiesigen Schöffengericht wegen Beleidigung jüdischer Soldaten zu drei Wochen Haft und Tragung sämmtlicher Kosten verurtheilt. In einer im September v. I. zu Helmlingen gehaltenen Agitationsrede hatte Reuther geäußert, „die jüdischen Soldaten, welche den Krieg 1870 71 mitgemacht, hätten dies nicht aus Patriotismus gethan, sondern weil sie eben mußten, übrigens hätten sie sich gedrückt, wo sie nur irgend konnten." Wir kommen auf die interessante Prozeßverhandlung noch zurück. Für die Verbissenheit des Reuther spricht auch folgende Thatsache: Als in einer Versammlung in Sinsheim Reuther der Nachweis geliefert wurde, daß von den aus Baden ausmarschirten jüdischen Soldaten im deutsch-französischen Kriege nicht weniger als sechs dekorirt worden seien, da meinte Reuther: „die Juden hätten eben, als die Auszeichnungen vertheilt worden seien, wieder einmal ihr bekanntes Glück gehabt und feien ohne jede Berechtigung zu einer Dekoration gekommen"! 6. Vom Rhein, 24. Juli. Die vor nahezu 60 Jahren in Remagen gegründete „Chewroh Kadischoh", ein „Verein zur Hebung und Verbesserung der sozialen Lage des Judenthums", bezweckt „Verbreitung und Förderung des Handwerks unter den Juden", daneben aber auch die „Erhaltung und Festigung des Bandes der religiösen Gemeinschaft." Zur Erreichung dieses letzten Zieles veranstaltet der jetzt aus mehr als 200 Mitgliedern bestehende Verein, an dessen Spitze seit einem Vierteljahrhundert ein für alles Edle und Gute begeisterter Mann, Herr Abraham Cahn, steht, alljährlich theils in Remagen, theils an andern nahegelegenen Plätzen Vorträge, die das Gefühl der religiösen Zusammengehörigkeit zu stärken vermögen. Einen solchen, mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag hielt am 21 d. M. in Neuenahr Herr Rechtsanwalt Gottschalk aus Köln, und zwar über das Thema: „Dr. Gabriel Rießer". Der Redner verstand es, durch seinen interessanten Vortrag für die Persönlichkeit des unvergeßlichen Mannes zu begeistern, der grundsätzlich den Namen „Jude" durch keine andere Bezeichnung umschrieben wissen wollte, und schließlich, wenn auch nach mannigfachen trüben Erfahrungen, doch als Jude zu hohen Aemtern und Ehren gelangte. Bei dem einige Stunden später im Hotel Mayer veranstalteten gemeinsamen Abendessen der Vereinsmitglieder fehlte es nicht an trefflichen Reden, zu welchen der gediegene Vortrag des Herrn Rechtsanwalts Gottschalk Veranlassung und Stoff gegeben hatte. p. Karlsruhe, 30. Juli. Ueber das Leben und Wirken des verewigten Oberraths Millstätter, dessen Hinscheiden wir in der vorigen Nummer gemeldet haben, theilen wir Folgendes mit: Benjamin Millstätter wurde am 17. Dezember 1813 dahier geboren. Er besuchte die israelitische Volksschule und später das Lyceum, von 1832 bis 1834 die Universitär Heidelberg, wo er philologische, philosophische und historische Vorlesungen besuchte. 1835 legte er das für die badischen Rabbinatskandidaten vorgeschriebene Examen ab Seine talmudische Ausbildung verdankte er in erster Reihe seinem ältesten Bruder (aus erster Ehe) Elias Millstätter, der als Substitut des Oberlandesrabbiners Ascher Löb und später als Rabbinatsverweser fungirte. Nach dessen frühem Tode wurde er im Jahre 1842 zunächst zum Rabbinatsverweser und 1647 zum Bezirks- und Stadtrabbiner dahier ernannt. Zugleich leitete er eine Privatlehranstalt, die er 1839 errichtet hatte, mit großem Erfolge bis 1852. 1851 verheirathete er sich mit Auguste Ellstätter, der Schwester des nachmaligen Finanzministers Dr. Ellstätter. Als Rabbiner der hiesigen Gemeinde fungirte er bis 1875, in welchem Jahre er als theologisches Mitglied in den Oberrath berufen wurde. Anfangs 1894 trat er nach 51jähriger amtlicher Thätigkeit in den Ruhestand und starb am 18. d. M. nach längerem Leiden. Dies ist der äußere Rahmen zu dem Lebensbilde Benjamin Willstätters. Seine Thätigkeit als Rabbiner und Oberrath war eine gesegnete und erfolgreiche. Er vereinigte gute klassische Bildung mit bedeutender Gelehrsamkeit auf talmudischem Gebiete, seine gemüthvollen Predigten fanden großen Anklang, als Seelsorger erfreute er sich eines seltenen Vertrauens, als Lehrer erzielte er gute Erfolge. In der Synagoge hat er die Neuordnung des Kultus in die Wege geleitet. Eine besonders fruchtbare Thätigkeit entfaltete er auf dem Gebiete des Unterrichts. Außer dem Religionsunterricht, den er an den Mittelschulen ertheilte, unterwies er fünfzig Jahre lang die israelitischen Zöglinge des hiesigen Lehrerseminars in allen Religionsfächern, so daß die meisten badischen Lehrer ihn als ihren Lehrer verehren. Als Mitglied des Oberraths sorgte er für die materielle Besserstellung und soziale Hebung des Lehrerstandes; der jetzt geltende Lehrplan für den Religionsunterricht der badischen Volks- und Religionsschulen ist hauptsächlich sein Werk. Sein gemeinnütziges Wirken fand vielseitige Anerkennung. Zu drei verschiedenen Malen wurde er vom Großherzog durch Ordensdekorationen ausgezeichnet. Bei Gelegenheit seines 70. Geburtstags wurden ihm von der Gemeinde Karlsruhe, den Rabbinern und Lehrern des Landes anerkennende Adressen und kostbare Ehrengeschenke überreicht. In gleicher Weise wurde er zu seinem 50jährigen Amtsjubiläum gefeiert. Bei der Versetzung in den Ruhestand richtete der Oberrath an ihn ein Schreiben, in dem es heißt: „Sie beschließen damit eine mehr als 50jährige Thätigkeit im Dienste der israelitischen Religionsgemeinschaft des Großherzogsthums. Als Sie in denselben eintraten, war die Zahl der an deutschen Hochschulen ausgebildeten Rabbiner noch eine sehr geringe. Mit an der Spitze dieses neuen Rabbinergeschlechtes stehend, haben Sie Ihre Lebensaufgabe darein gesetzt, für Verinnerlichung des religiösen Lebens, für Förderung der Sittlichkeit durch dasselbe und für die Erfüllung der israelitischen Jugend mit echt deutscher Bildung zu arbeiten. Mit Befriedigung und Genugthuung können Sie sich sagen, daß Ihre Arbeit von Erfolg gewesen, und daß dieselbe bedeutende Fortschritte im Bereiche des israelitischen Kultus und Religionsunterrichts gezeitigt hat." Das Beileidstelegramm des Großherzogs an die trauernde Wittwe lautete: „Mit aufrichtigem Leidwesen erfahre ich das Ableben Ihres Gemahls. Es drängt mich. Ihnen mein Beileid auszusprechen, und Sie zu versichern, daß ich Ihrem Gemahl ein dankbares Andenken widme. Auch die Großherzogin schließt sich diesen meinen Theilnahmsäußerungen von Herzen an. Friedrich, Großherzog." So liegt nun ein arbeits- und erfolgreiches Leben abgeschlossen vor uns, und wir dürfen am Ende desselben die Worte ausrufen: „Das Andenken des Gerechten sei gesegnet!" 8 Bamberg, 28. Juli. In der vorigen Woche, am 15. und 16., hat hier die dritte freie Konferenz der bayerischen Rabbiner stattgefunden. Es wurde über geeignete Maßnahmen berathen, den