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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-02 · Heft 31 (2.8.1895) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
Seite 372 (sequence 12)
Language
German
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372 „Wär's nicht angenehmer, Du schriebst ihm ein paar Zeilen? Doktor Schnitzler ist nicht unser Hausarzt." „Ach ja, aber bitte, schreib' Du, ich bin zu nnrnhig." „Und das Telegramm für Deinen Mann?" „Mach' Dn's! Ich bleibe bei dem Kinde." Und Adele drückte den Knaben an sich, als solle er ihr entrissen werden. (Fortsetzung folgt.) Litterarifche Mittherlungen. — I. Löwenberg: Neue Gedichte. Hamburg 1895. M. Glogau. Julius Löwenberg hat sich schon durch seine früheren Werke, von denen die anonym erschienenen „Lieder eines Semiten" und die Erzählung: „In Gängen und Höfen" die Aufmerksamkeit weitester Kreise auf sich zogen, einen solch wohlklingenden Namen in der litterarischen Welt erworben, daß man mit den höchsten Erwartungen an ein neues Erzeugniß von ihm herantreten darf, lind diese Erwartungen werden dnrch obengenanntes Werk im vollsten Mnße gerechtfertigt. Die „Neue Gedichte" sind nicht allein das jüngste, sondern auch das wohlgerathenste Kind von Löwenbergs Muse. Ein warmer poetischer Hauch, dem tiefen Grunde des Herzens entstiegen, weht uns in denselben an. Wir laben uns hier an echter, wahrer Poesie. Löwenberg versteht es meisterlich, die mannigfachsten Seiten des Lebens mit poetischem Gewände zu umkleiden. Bald befinden wir uns in warmer Winterstube und blicken durch die beeisten Fenster auf das wirre Spiel der Schneeflocken da draußen, bald stehen wir an einer Straßenecke und lassen die bunt bewegten Bilder der Großstadt an uns vorüberziehen, bald sind wir auf blumiger Haide oder hoch oben im Gebirge, bald an dem sich grenzenlos weit ausdehneuden Meere. Doch wo uns auch der Dichter hinführt, er weiß uns stets im tiefsten Herzen zu erfassen, er schlägt überall Akkorde an, die den lautesten Widerhall in uns Hervorrufen. Man merkt es diesen Gedichten an, es ist in ihnen Alles selbst gefühlt und empfunden, es ist urwüchsig aus dem Innern entfproffen, nicht mit Mühe und Noth zusammengetragen. Daher die tiefe Wirkung, die der Dichter bei dem Leser hervorruft. Es spricht eben eine seltene Innigkeit und Gemüthstiefe aus diesen Gedichten. Dabei ist die Sprache fast durchgehend vollendet schön, die Form melodisch und anmuthig. Besonders hervorgehoben zu werden verdient die Gruppe „Dem "Andenken meiner Mutter", Auch „Beruria", worin die bekannte sagenhafte Erzählung von dem Weibe Rabbi Meirs poetisch dargestellt wird, sowie „Des Nachbars Kind" zeigen uns des Dichters Können von der schönsten Seite. Wir fassen unser Urtheil über die „Nene Gedichte" Löweubergs in die Worte zusammen: Wer sich in unserer, an wahrhaft poetischen Erzeugnissen armen Zeit wieder einmal an echter Poesie erheben und erbauen will, der greise zu den Gedichten Löwenbergs er wird sich, deß sind wir sicher, eine wahrhaft genußreiche Stunde hierdurch verschaffen. U. Wie wir vernehmen, bereitet die bekannte Berlagsfirma Jakob B. Br and eis in Prag ein großangelegtes lüterarisches Unternehmen unter dem Titel „Jüdische Universal-Bibliothek", welche in zwanglosen Bändchen zum Preise von nur 20 Pfennige 12 kr. ö. W. erscheinen wird, vor. Bedeutende Schriftsteller der Gegenwart, wie Barber, Herzberg-Fränkel, Dr. Gustav Karpeles, S. Kohn, Dr. Adolf Kohnt, Ed. Kulte, Geh. Regierungsrath Prof. Lazarus, Nahida Remy - Lazarus, Clara Schott, Pros. Dr. Steinschneider, Baurath W. Stiaßny, Laudtagsabgeordneter Dr. I. Zalud u A. haben ihre Mitwirkung bereits zugesagt. Wir werden noch Gelegenheit haben, auf diese „Bibliothek" zurückzukonnnen. Kpverhsaal. Geehrter Herr Redakteur! Sch bitte um Berichtigung der im Leitartikel Nr. 80 vom 20. Juli er. geschriebenen Worte: „Im Hamburger Tempel wird der Gedächtnißtag des neunten Ab gar nicht gefeiert." Das ist nicht zutreffend. In vielen Sammlungen von Reden meiner Vorgänger im Amte, Dr. Salomon und Dr. Kley s. A., finden sich verschiedene am neunten Ab im Tempel gehaltene Predigten; es sind also litterarische Denkmäler der Feier dieses Tages vorhanden. Ferner hat Dr. Salomon ein Gebetbuch wir der Liturgie des neunten Ab für den Tempel zu Hamburg abgefaßt, in welchem die Klagelieder Jirmijas, Juda Halevi's Zioniden und auch deutsche Gesänge abgedruckt sind. Außerdem wird der Gedächtnißtag des neunten Ab auch dadurch feierlich begangen, daß am Sabbath Ehason vor der Predigt vorn Tempelchor „Eli Zion" gesungen wird, während die Predigt [,\{ 77 Jahren auf die Tischa be'Ab-Feier ex officio Bezug nimmt. Hochachtungsvoll Hamburg, 26. Juli. Dr. Leimdörfer. * Geehrter Herr Doktor! (^r^eun die Ausführungen des Herrn S. Carpiu in Nr. 28 dies-.' Blattes richtig wären, daß alle z. Z. an höheren Lehranstalt u beschäftigten jüdischen Lehrer ihr Anstellungspatent noch auf die Ae^n Falk zurückdatirten, und daß weitere Anstellungen nicht erfolgen, so müßten zwei Aktionen eingeleitet werden. Einmal müßten alle diejenigen, welche noch Gerechtigkeitsgefühl und den Wunsch haben, den simultanen Charakter der höheren Schulen fortzuerhalten, gegen solche Berfaffungsverletzuuz gemeinsam auftreten und im Anschluß an eine Petition jüdischer Schul amktskandidaten die Angelegenheit im Parlament zur Sprache zu bringen versuchen, — andererseits müßten alle diejenigen unter uns, welche für die konfessionelle Schule sind, die Errichtung eines Gymnasiums in Berlin anstreben, das nach dem Muster des Philanthropins in Frankfurt a. M. vorwiegend durch jüdische Lehrkräfte geleitet wird. Die Ironie de) Herrn S C., wonach sich Jemand zuerst erschießen wollte, weil ihm nid i gestattet wurde, Philologie zu studiren, und sich dann erschoß, weil l Philologie studirt hatte, vermögen wir trotz der hübschen Pointirun i nicht zu würdigen. Wenn unsere Altvorderen nach jedem Mißerfolg den ihnen der unersättliche Moloch, kurzweg „Rischus" genannt, bereitet-, zur Schußwaffe gegriffen hätten, so wären wir alle längst — erschösseu. Allerdings besitzt die heutige Jugend, gleichviel, ob sie Medizin, Ine oder Philologie studirt, selten die ideale Festigkeit und den Ueberzeugung: mtckh der Ahnen. Dieser Tage erst las ich, daß ein nur flüchtig b. kannter jüdischer Rechtsanwalt aus dem Anwallsstande entfernt wordc:i ist. Noch häufiger erfahre ich, daß sich jüdische Juristen taufen lassen und daß jüdische Rechtsanwälte ihre Namen christianisiren und „sich nic^n mehr zu erkennen geben." Der Artikel in Nr. 26 hatte nicht den Zweck, unbedingt die phil logische Laufbahn für Juden zu empfehlen, sondern es wurde nur ad die Überproduktion in den gelehrten Berufen hingewiesen, die sich in der Medizin und Jurisprudenz schon sehr fühlbar macht. Namentli n ärmere Abiturienten sollen durch die Ortsrabbiner darauf aufmerksar i gemacht werden, das; die Laufbahn eines Juristen für Unbemittelte ein) recht schwierige und langwierige geworden ist; die Rabbiner erfüllen dam i nur eine Pflicht, denn sonst harren des jungen Jüngers der Wissenschan der auf die offene Hand seiner reichen Glaubensgenossen in der Resideiu rechnet, mancherlei Enttäuschungen. Weshalb soll übrigens ein fold)e strebsamer Student, der sich an den Rabbiner tun Rath bezüglich feiiu Studiums wendet, nicht darauf hingewiesen werden, daß neuerding akademisch gebildete Religiouslehrer an den Gymnasien gesuci ' werdend Es ist uns unerfindlich, warum Herr S. Carpin annimml daß ein christlicher Philologe das Studium der Philologie mit der Vor bereitung für die Ertheilung des Religionsunterrichts verbinden faiui. was doch alle Tage geschieht, während ein Jude durch der Beschästiguu mit „Horazscholien" gehindert werden soll, sich die Qualifikation fnden Unterricht in seiner Religion zu erwerben. Es ist an der Zeit, da-: schon dem jüdischen Gymnasiasten klar gemacht werde, die Zeit ist eins weilen vorüber, wo jeder Abiturient nach Berlin ging in der Hoffnung, ein künftiger Lasker zu sein. Dieses Karrierereiten führt zur Ueber spannung, Apostasie. M. Friedebera Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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