Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
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366 Kohelet, dessen pessimistische Anschauung ätzende Lauge des Spottes über die Welt und deren Erscheinungen ausgießt, selbst Kohelet meint: „Besser sind Zwei denn Einer; sie finden guten Lohn für ihre Mühsal; denn fallen sie, dann richtet der Eine den Andern auf; wer aber allein ist und fällt — kein Zweiter ist da, ihn zu erheben." Aehnlich wird auch im Talmud als Norm für Menschenleben der Satz ausgestellt: „Entweder Gesellschaft oder Tod"; daher es uns leicht begreiflich wird, weshalb der weltflüchtige Essenismus keinen Anhang und keinen Einfluß gewonnen, daß der Talmud ihn nicht nennt und nicht kennt, daß seine Spuren nur in einzelnen Verordnungen des ihm oppositionell gegenüberstehenden Pharisäismus, sowie in denr aus dem Judenthum sich entwickelnden Urchristenthum zurückgeblieben sind. 2. Den Wunsch »ach Annäherung äußert der Mensch in erster Reihe durch den Gruß. Durch ihn bekunden wir, daß wir mit Jenem, den wir grüßen, in eine Verbindung, in ein Vcrhältniß treten wollen. Der Gruß des Morgenländer», auch des Israeliten, ist ein Segensspruch, ein Wunsch für göttliche Gnade. Schalom mit dir! mit euch! Auch, der Herr sei mit dir! mit euch! Oder, der Herr segne dich! segne euch! sind gebräuchliche Formeln. Dem Grub folgt der Gegengruß fast mit denselben Worten. Ten Gruß erwiedern gebietet nicht nur die Pflicht der Wohlanständigkeit, sondern das Rechtsbewußtsein im Menschen. Mit dein Gruße hat der Mensch dem Menschen sein Wohlwollen anvertraut; wer den Gruß nicht erwiedert, ist dem Räuber gleich geachtet. Zuvorkommenheit beim Grüßen ist das Zeichen eines freundlichen, demüthigen Wesens. Triffst dn Jemand, der dich gcwohnterwcise grüßt, dann grüße du zuerst — komme jedem Menschen mit dem Gruße zuvor! — so that es R. Jochanan b. Saccai; auch Fremde und Heiden grüßte er zuerst. Ehe der Grüßende seinen Gruß gesprochen, trat er, um seine Ehrfurcht zu erweisen, drei Schritte zurück. — Leute gleichen Standes, auch Verwandte umarmten und küßten sich beim Kommen und Gehen. Auch weiblichen Verwandten gegenüber war der Kuß gegestattet. Väter küßten ihre Kinder auf die Stirn, zum Zeichen der Anerkennung und der besondern Liebe auch das Haupt der kleineren Kinder. Der bei den Medern heimische Brauch, die Hand zu küssen, fand den Beifall Vieler und war namentlich in Verwandtenkreisen heimisch. Vornehmen gegenüber bekundete man Ehrfurcht beim Kommen und Gehen durch Verbeugung oder Niederwelsen zur Erde. Geringere stiegen von dem Thicre, auf dem sie ritten, um ihre Reverenz zu enveisen. Bei feierliche» Anlässen neigte man mehrere Male das Haupt. Besondere Hochachtung ward dem Greise gezollt (Lev. 19, 32). Von R. Jochanan b. Saccai wird erzählt, er habe sich stets sofort erhüben, sobald er einen Greis, selbst einen heidnischen, erblickte. In gleicher Weise wurde auch dem Lehrer Ehrfurcht erwiesen: denn Zuvorkommenheit gegen den Lehrer gleicht der Zuvorkommenheit gegen Gott, rmd jeder Dienst, dem Lehrer erwiesen, ist dem Gottesdienste gleich; daher es als religiöse Pflicht angesehen wurde, seinen Lehrer am Feiertage zu begrüßen. Als nnangemessen galt es, den 'ehrer zu grüßen, ohne seine Stellung hervorznheben; der Schüler ch demnach den Gruß: Heil dir, mein Lehrer und mein Herr! >d der Gegengruß des Lehrers: Heil dir! lautete. Der der sich von seinem Lehrer verabschiedete, wandte sein Gesicht ite hin. eingeschärft wird die Achtung vor jedem Weisen. Die die für das Alter gefordert wird, bezieht sich nach L spru währe Schüler, nach der D> Besondere. Werthschätzung talmudischer Deutung auch auf Jene, die Weisheit erworben: vor den Weisen erhebe sich Jeder! So that es König Josaphat — sobald er einen Weisen erblickte, erhob er sich von seinem Thron, und begrüßte und umarmte ihn. Thöricht sind Jene, die da vor den Gesetzesrollen aufstehen, wenn sie vor ihnen einhergetragen werden, nicht aber vordem Weisen, wenn sie seiner ansichtig werden. Nur Arbeiter und Handwerker sind dieser Pflicht enthoben, sie brauchen sich in ihrer Arbeit nicht zu stören, um ihre Ehrfurcht vor den Weisen zu bekunden. Den tiefsten Ernst soll man bei der Begrüßring der Heiden bekunden— mau grüße Heiden mit dem Gruße Israels; ob von ihnen auch das Psalmwort gilt: „es sprechen nicht die Vorüberziehenden: Der Segen Gottes komme über euch!" Israel spreche doch zu ihnen: Wir grüßen euch im Namen des Herrn! Im Gegensätze zu Rom, wo die Untergebenen und Abhängigen, die Klienten, am frühen Morgen im Hause des Vornehmen, ihres Patrons sich einfanden, um den Morgengruß, snlutatio, entgegen zu bringen, sollte in Israel das erste Wort, der Morgengruß, ihm dargebracht werden, der Himmel und Erde erschaffen; daher es als unstatthaft galt, am frühen Morgen zu grüßen. Ebenso soll der Gruß während des Gebetes unerwiedert bleiben. Auch im Badehause und in dem Dunkel der Nacht unterblieb jede Begrüßung. Als der Sitte widersprechend galt die Begrüßung des Weibes. Nach Sinieon b. Jochai sollte der Schuldner seinen Gläubiger, wenn dieser ihn sonst nicht zu begrüßen pflegte, nicht mit einem Gruße entgegen kommen, weil solcher Gruß leicht als Wucherzins angesehen werden könnte. 2. Nachbar, Genosse und Freund. 1. Aus der Werthschätzung der Geselligkeit an sich ergiebt sich naturgemäß die Bedeutung, welche dem nachbarlichen und freundschaftlichen Verhältnisse beigelegt tvird. Das nächstgegebene Vorbild für menschliche Arbeit und Anschauungsweise ist die Nachbarschaft, der Nachbar; daher dieser in gewisser Beziehung einen Theil des eigenen Hauses ausmacht: das Passalamm, diese erste grundlegende Institution des israelitischen Gemeinbewußtseins, das Opfer der engen Familiengemeinschaft, sollte im Kreise der Familie genossen werden; wo dieser Kreis allzu eng war, sollte er durch Einbeziehung des Nachbars erweitert werden (Ex. 12, 4). Die Nachbarschaft nimmt innigen Antheil an den Freuden des Hauses (Ruth 9, 17), sie verdoppelt die Freude; doppelt schwer aber lasten Schmerz und Schande, wenn sie offen vor den Augen des Nachbars liegen, oder wenn sie gar von ihm ausgehen (Ps. 31, 12; 44, 14; 79, 12); daher ein guter Nachbar zu den schätzeuswerthcsten Gütern des Menschenlebens gehört (Ab. 2, 9) —, besser ist ein nahestehender Nachbar, denn ein entfernter Bruder (Spr. 27, 10). Das Urtheil des Nachbars ist das maßgebende: nicht, was deine Mutter von dir spricht, gilt der Welt, sondern das, was der Nachbar von dir aussagt. So schützenswerth und bedeutungsvoll der gute Nachbar ist, so gefährlich kann durch sein Beispiel der böse Nachbar werden —, ihn meide man; denn alt und in Geschichte und Leben bewährt ist der Satz: „Wehe dem Frevler, wehe seinem Nachbar"! Die Nachbarschaft Korachs stürzte auch einen Theil des Stamnies Rüben ins Verderben; Juda, Jsachar und Zebulon aber, die in der Nachbarschaft Mosis und Arons lagerten, sahen Männer des Wissens, die gewandt den Griffel des Schriftstellers handhabten, aus ihrer Mitte hervorgehen. Auch die Nachbarschaft eines frommen, aber unwissenden Menschen kann leicht unangenehm werden, — man meide sie! 2. Bedeutsamer als der Nachbar ist der Genosse durch den Einfluß, den sein unmittelbarer Verkehr auf die Entwickelung von Gewohnheiten übt. Allezeit suche der Mensch den Umgang mit einem guten