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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-02 · Heft 31 (2.8.1895) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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365 der jüdischen Gemeinden zn einer Einheit, wie sie in Deutschland in dem Deutsch-Israel. Gemeinde-Bund zum Ausdruck gelangt und jetzt auch in Oesterreich angestrebt wird, Rabbinerverbünde, ein Lehrerverein für ganz Dentschland, Bne-Brith-Logen und last not least die Alliance Israelite Universelle, die seit 35 Jahren unablässig für die Gesammtheit wirkt und für die Juden in der ganzen Welt ein Einheitsband bildet, sind ein erfreuliches Zeichen der gemeinsamen idealen Bestrebungen der Judenheit der Gegenwart. Als Israel seine palästinensische Heimath verlor, jagte es der Feind hinaus in die weite Welt und riß ihm, dem ursprünglichen Ackerbauer, Pflug und Sense, Schaufel und Hacke aus der Hand; viele Jahrhunderte lagen sie weit von ihm entfernt, diese Werkzeuge des Friedens; m den letzten Jahrzehnten erinnerte sich Israel, was cs ehemals gewesen und „kehrt zu seinem Boden zurück". Die großartige Gründung und Einrichtung des Ackerbauwerkes in Djedetda in Nordafrika für die dort ansässigen, einst ans Spanien und Portugal vertriebenen Juden, ein Werk der Alliance, an welchem aber alle Juden, die zur Alliance gehören, theiluehmen, giebt den Juden zum Theil das wieder, was die Zerstörung Jerusalems ihnen genommen, sie werden wieder verstehen lernen das Bibelwort: „ich werde geben den Regen eurem Laude zu seiner Zeit, daß du einsammelst dein Getreide, deinen Most und dein Oel". Und die Gründung der Alliance-Schulen in Argentinien für russische, vertriebene Juden, ja, es ist dein Geist, Rabbi Jochanan ben Sakkai, der dich von dem römischen Belagerer Jerusalems, Vespasian, die Erlaubniß erbitten hieß, in Jabne eine Schule gründen zu dürfen, der hier in Argentinien erwacht! Und wo sie hinkamen und hinkommen, die gehetzten und verzagten Juden, gründeten und gründen sic Schulen im Geiste Rabbi Jochanans b. Sakkai, um der Jugend das heilige Vermächtniß der Väter zu erhalten. Welch eine Ironie des Geschickes! Russische Judenkinder lernen die Bibel übersetzen in der spanischen Sprache, in der Sprache des Volkes, das vor 400 Jahren hunderttausende Inden von der iberischen Insel vertrieb; Spanien, das Mutterland Argentiniens, liegt danieder, entmannt, entkräftet, entnervt, und in seinen ehemaligen Kolonien siedeln sich russische Inden an, verjüngt, ermannt sich Israel und entwickelt sich zum neuen Leben. Spanien und Rußland wecken Tische-Beaw- Gedanken, Nordafrika und Argentinien, Ackerbau und Schule Schabbos- Nachmu-Gedanke«, und die da die Brücke schlägt zwischen Zerstörung und Aufbau, zwischen Niedergang und Aufgang, zwischen Absterben und Wiederbelebung, heißt, Alliance Israelite Universelle, fürwahr: Ss-ltT1 “1S2TO jEb l6l Dir vb rwn „Er schläft und schlummert nicht der Hüter Israels." Geselligkeit und Geselligkeitsfreuden in Sibet und Tutmud. Von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Berlin. U Einleitendes. Der Gruß. 1. Aristoteles nennt den Menschen ein politisches, d. i. staatliches Wesen. Offenbar entstammt diese Definition dem beschränkten, antikheidnischen Standpunkte, deni der Staat, die nationale Gemeinschaft als Verkörperung des höchsten Gedankens gilt; wir meinen, mit besserm Recht sagen zu dürfen, der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen — Geselligkeit ist des Menschen Lebenselement, ihr gilt sein Sehnen, sie ist seine Kraft. „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei" (Ge». 2, 18), das ist das erste Gottesurtheil über den Menschen, und weil Alleinsein nicht gut ist, darum schuf Gott das Weib und gab es dem Menschen. Aus der Rippe des Menschen ward das Weib geschaffen, auf daß die Sehnsucht Eines zum Andern treibe, daß die Ahnung und der Drang Beider in dem Wunsch unlöslicher Einheit sich begegnen. — Die Ehe ist die erste und bedeutsamste Gemeinschaft; das Ich sucht sich in einem andern Ich »och einmal zu sehen, das Ich sucht ein Du — Ich und Du vervielfältigen sich in dem Familienkreise. Und Familie reiht sich an Faniilie. Gleichartigkeit sowohl, wie auch Furcht, beide mit den ihnen innewohnenden Reizmitteln, suchen den Kreis zu erweitern, — aus Ich und Du wird Wir. Schon in der Thierwelt begegnen wir nicht selten einer wohlorganisirten Gemeinschaft — wir brauchen nur auf die Zugvögel, auf die Bienen und Ameisen zu verweisen —, in der bereits das für lins iroch moderne Prinzip voll der Theilung der Arbeit instinktiv befolgt lvird; allein vollendet, weil belvußt, erscheint das Geineinbewußtsein erst in der Menschenwelt: die Kultiir des menschlichen Geschlechtes ist das Produkt geiueinsamen Zusainineiilebens, gemeinsamer Arbeit, gemeinsamen Kampfes. Ohne Trieb zur Geselligkeit könnte die menschliche Gesellschaft nicht sein, nicht bestehen. Ohne Gesellschaft ist der sittliche Mensch undenkbar. Erst dilrch den Verkehr mit Andern gelangt der Mensch zum rechten Verständniß seiner selbst, zum vollen Erfassen seines Berufes, aber auch zum rechten und vollen Genuß seines Könnens, seines Lebens: Geselligkeit ist der Triumph des Höher« im Menschen über die niedrigen Instinkte des Egoismus. In dem Kreise Gleichgesinnter und Gleichgestimmter findet der Mensch Erholung nach der Arbeit, Befriedigung und Freude an seiner Arbeit; dort vergißt er das Leid, das ihn getroffen, die Sorge, die ihn drückt; dort weckt Wetteifer den Muth, das unmöglich Scheinende zu wagen, dort gewinnt der Geist die Schwungkraft, die ihn aus dem Dunstkreise der Alltäglichkeit zu reinern Höhen hebt. Und doch ist die Werthschätzung der Geselligkeit und des geselligen Lebens nicht in alle Kreise gedrungen: der Brahmanismus hat die Erreichung des menschlichen Zieles darin zu sehen geglaubt, daß der Mensch Haus und Hos verlasse und Waldsiedler (Vanazu-astlm) werde, und mit noch furchtbarerer Konsequenz verfolgt der Buddhismus diese Anschauung: das Hebel, an dem der Mensch krankt, ist, nach der Lehre Buddha's, das Sein. Um den Schmerz zu vernichten, muß die Geburt vernichtet werden; um die Geburt zn vernichten, muß das Dasein vernichtet werden; um das Dasein zu vernichten, muß die Anhänglichkeit an es, müssen Verlangen und Empfinde-: vernichtet werden; um diese zu vernichten, muß der Kontakt mit der Welt zerstört lverden, und demgemäß meint auch Schopenhauer, der begeisterte Apostel des Buddhismus: „Der geistreiche Mensch müsse vor Allem nach Schmerzlosigkeit, Ungebundenheit, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles, bescheidenes, aber möglichst unangefochtenes Leben suchen, und demgemäß nach einiger Bekanntschaft mit den sogenannten Menschen die Zurückgezogenheit und bei großem Geiste sogar die Einsamkeit wühlen. Denn je mehr Einer an sich selber hat, desto weniger bedarf er von außen, rmd desto weniger können die Uebrigen ihm sein. Darum führt die Eminenz des Geistes zur Ungeselligkeit. Einen ähnlichen Standpunkt nehmen auch die Stoiker und Cyniker ein, der Mensch hat nach ihrer Ansicht so viel zn thun, daß er der Gesellschaft und der Geselligkeit gar nicht bedarf. Anders der Optimismus Israels, im biblischen und talmudischen Schriftthuni; hier wie dort wird jede Neigung zum Loslösen vom Leben und seinen Freuden niedergehalten: schon dem Nasiräerthum stand das altisraelitische Bewußtsein als einer fremdartigen Erscheinung gegenüber — ein Sündopfer sollte der Nasiräer bringen, weil er dem Weine entsagt hat (Nuni. 6, 10 ff.); vor Gott sich freuen, heischte der Feste Gebot (Deutr. 16, 11 u. ö), und selbst

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