Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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364 erschienen, die erste» und nngescliensten Männer unseres Stammes, aber nicht »i» sich ausznruhen, sondern um zu arbeiten für das Wohl und Heil des Gesammtjudenthums. Erst um 9 Uhr Abends begann die Sitzung und schloß nach Mitternacht um 12l/3 Uhr. Da sahen Männer der Wissenschaft und der Finanz mit Männern in hoher staatlicher Stellung beisammen, um über das Geschick ihrer Glaubensgenossen in den entferntesten Ländern zu beratheir, segenspeudende Pläne 511 entwerfen und weise Beschlüsse zu fassen. Der ehrwürdige Präsident der Alliance, Herr S. H. Goldschmidt, war wegen seines hohen Alters, er zählt einige 80 Jahre, nicht anwesend; ihn vertrat der gemeinnützig wirkende Vizepräsident, Herr Narcisse Leven, ein Mann mit warmem Herzen für Inden und Judenthnm. Neben mir saß der geniale Grandrabbin de France, Herr Zadoc Kahn, der das Judenthnm nach außen und innen in der würdigsten Weise vertritt. Neben diesem der nun verstorbene Joseph Derenbourg, menibre de l’institut, ein Greis von 87 Jahre», ergraut in wissenschaftlichen Forschungen, aber mit einein jugendlichen warmen Herzen, wo es galt, die Ehre und den Ruhm Israels zu vertreten. Da saß ferner Herr Salomo» Reinach, Direktor des Museums St. Germain, der redegewandte Jules Rvsenberg und so viele Andere gekannte und anerkannte Männer nisrt bx’W '22 'tWl ö'ÜJK 2^2 und endlich Herr Jacques Bigart, der Sekretär, ein würdiger Nachfolger des unvergeßlichen, gelehrten Isidore Loeb. Der Geschäftsgang bei den Berathungen einer Central-Komiteesitzung ist der, daß fast jedes Mitglied in einer vorigen Sitzung mit dem Referat über einen Punkt der Tagesordnung betraut wird, so daß das Interesse für alle Arbeiten der Alliance bei jedem Mitglied des Komitees rege gehalten wird. Neben vielen andern standen zwei wichtige Gegenstände auf der Tagesordnung: 1. der Ankauf einer großen Besitzung in Nordafrika unweit Tunis, und 2. die Gründung von Schulen in den argentinischen Kolonieen des Herrn Baron von Hirsch. Beide Anträge wurden gründlich dnrchberathen, besprochen und erwogen und die gefaßten Beschlüße in den letzten Monaten ausgeführt. Was nun den Ankauf jener Besitzung in Nordafrika betrifft, so möge Folgendes zur Erklärung dienen. Als die Alliance die Ackerbauschule zu Jaffa in Palästina gründete, bezweckte sie, der israelitischen Jugend in Palästina die Freude am Ackerbau beiznbringen und Männer heranzubilden, die ihr tägliches Brod nicht mehr von der Chalukka oder dem Hausirhandel erwarten, sondern durch kräftigende Arbeit der Erde abgewinnen. Im Jahre 1870 wurde die Ackerbanschule gegründet, es war die Lebensaufgabe des verewigten Charles Netter; seit jener Zeit hat sie sich in dem Grade vervollkommnet und entwickelt, daß sie das Borbild aller später in Palästina gegründeten Ackerbaukolonicn wurde und ihre tüchtig ausgebildeten Landwirthe nach dem ganzen Orient, Aeghpten u. j. w. entsendet hat. Durch diesen Erfolg ermnthigt, war das Central-Komitee der Ansicht, daß auch für die Inden Nordafrikas ein solches Institut von dem größten Belang wäre und eine neue Quelle des Wohlstandes werden könnte. Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich das Central-Komitee mit der Zukunft des tunesischen Judeiithums. In Tunesien tvohnen mehr als 60,000 Juden, darunter 40,000 in Tunis selbst. Die meisten leben kärglich und sind den größten Entbehrungen ausgesetzt. Im Jahre 1878 gründete die Alliance in Tunis und andern Städten Elementarschulen, die in höchster Blüthe stehen; die Schulen in Tunis allein werden von 2000 Kindern besucht. Im Jahre 1880 wurde in Tunis und Susa ein Lehrlingswerk gegründet. Aber Tunesien ist vorzüglich ein Ackerbauland; Industrie ist gleich Null. Die ans den Schulen austretenden Schüler waren daher gezwungen, Kleinhandel zu betreiben, da die professionellen Gewerbe durch die geringen Bedürfnisse des Landes und die Konkurrenz maltesischer und siziliauischer Handwerker sehr beschränkt sind. Der einzige Weg, »in den dortigen Inden zu einer würdigen Existenz zu verhelfen, war der des Ackerbaus. Durch die in Jaffa gemachten Erfahrungen belehrt, mußte das Central-Komitee, um nicht allzu bedeutende Ausgaben zu machen, eine Besitzung erwerben, deren Erträge so sicher sind, daß dadurch die Unterhaltungskosten gedeckt werden. Das ist dem Komitee durch den Ankauf der Besitzung Djede'ida gelungen. Der Ankaufspreis beträgt 400,000 Francs bei einer Gesammtfläche von ungefähr 1550 Hektaren. Die Besitzung Djedeltda liegt 25 Kilometer von Tunis an der Eisenbahn, von einem Fluß durchquert, in der denkbar günstigsten Lage, in einem gesunden Klima verspricht dieses große, menschenfreundliche, sozialwirthschaftliche Unternehmen eine reiche Quelle dauernden Wohlstandes für die tunesischen Juden zli werden. Der zweite wichtige Gegenstand der Tagesordnung tvar die Errichtung von Schulen in den von Baron Hirsch in Argentinien gegründeten russischen Ackerbaukolonieu. Die Jewish-Colonisatiou- Association, das ist die von Baron Hirsch in London für die argentinischen Kolonien gegründete Gesellschaft, hatte das Central- Komitee der Alliance mit der Wahl des Lehrerpersonals an den schon errichteten oder noch zu errichtenden Schulen der russischen Kolonien in der argentinischen Republik betraut. Die Alliance hat nun mehrere ihrer Lehrer aus den nordafrikanischen und türkischen Schlilen, die der spanischen Sprache, die in Argentinien gesprochen wird, mächtig sind, dorthin geschickt. Ueber die Eröffnung einer solchen Schule in der Kolonie Clara schreibt ein Lehrer an das Central-Komitee ungefähr Folgendes: „Am 27. April waren die Ban- und Einrichtungsarbeiten im Schulgebäude zu Clara beendigt, und die Schule wurde eröffnet. Da die Schule ziemlich weit von den einzelnen Kolonien entfernt ist, hatte ich im Anfang viel Schwierigkeiten zu überwinden, um Schüler zu bekommen. Ich bin selber vier bis fünf Kilometer weit gegangen und habe die Kinder im Hause ihrer Eltern ausgesucht. Am ersten Tage mußte man die Schüler erst gewinnen, um ihnen die Schule lieb zu machen. Vormittags gab ich Lesestunde, Nachmittags Schreiben und Sprechübungen. Das Hebräische wurde bald, am ersten Tage, gelehrt, und ich habe schon einen jungen Mann angestellt, der in einem Dorfe der Kolonie eine Talmud-Thora hält. Die Schüler betragen sich gut, und die Eltern geben sich Mühe, die Kinder sauber und nett in die Schule zu schicken. In einigen Monaten werden unsere Schüler spanisch schreiben und sprechen, obgleich ihnen diese Sprache schwer wird, da es so wenig Beziehungen zwischen dem Spanischen und dem deutschen Jargon giebt. Die Schülerzahl wächst von Tag zu Tag; am Tag der Eröffnung, 27. April, hatte ich nur 10 Knaben und 13 Mädchen, und am 26. Mai bereits 69 Schüler, 31 Knaben, 38 Mädchen." Ich nannte oben diesen Bericht einen Schabbos-Nachmu-Gedanken. Hinter uns liegen die „drei Wochen", die traurigen Erinnerungen an die schweren Schicksalsschläge, die einst unsere Vorfahren nicht allein auf eigenem heimathlichen Boden, sondern auch in späteren Jahrhunderten getroffen haben, Schicksalsschläge, unter denen die Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal ganz besonders betrübend hervorragt. Aber „nicht ewig will Er hadern, nicht immer zürnen"; Er läßt auf die Verwundung die Heilung, auf den Tische Beaw den Schabbos-Nachmu folgen. Die Verjüngung und Wiedergeburt des Judenthums. Die allmähliche Kräftigung des Einheitsgedankens im jüdischen Stamme erzeugt so manchen Trostgedanken, weckt so manche Hoffnung auf Heilung der uns geschlagenen Wunden. Zu keiner Zeit sind so viele Zeichen der Einigungs- und Vereiuigungsgedanken im Judenthum zu Tage getreten, wie in der Gegenwart. Die Vereinigung