Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 363 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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363 Joseph Derenbourg. Von Dr. A. Kisch. Ems, 29. Juli. iner der größten Orientalisten und Forscher Prof. Derenbourg vom Institut de France hat heute Nacht (29. Juli) seine edle Seele ausgehaucht, nachdem er nur wenige Stunden krank gewesen. Er starb in den Armen seiner treuen Jünger und Freunde, die seit Jahren ihre Ferien in Ems verleben, um mit ihm zusammen zu sein, der Herren Rabbiner Dr. I. Guttmaun aus Breslau und Oberrabbiuer Dr. Simonsen aus Kopenhagen, in den letzten Stunden von diesen und deren edlen Frauen betraut. Es liegt nicht in meiner Absicht, ex abrupto hier im Bade, ohne Hilfsmittel, ein Bild der wissenschaftlichen Bedeutung dieses großen Mannes zu geben, der im 84. Lebensjahre mit einer geistigen Frische arbeitete, mit welcher nur seine unendliche Liebenswürdigkeit und sein edles Herz wetteiferten. Ich will in den nachstehenden Zeilen nur ein flüchtiges Bild seiner letzten Lebenstage geben, um zu zeigen, in welch' seltener Weise er das Glück hatte, in Frieden einzugeheu in den ewigen Frieden. Seit vielen Jahren war der, leider bereits seit acht Jahren des Augenlichts beraubte Greis, ein regelmäßiger Gast von Ems, wo jedes Kind den freundlichen, ehrwürdige» Gelehrten kannte. Aufrecht ging er festen und raschen Schrittes am Arme seines Begleiters, eines jungen Gelehrten ans Paris, Dr. Brill, der während der Ferien liebevoll das Sekretärsamt bei ihm versah. Von einer peinlichen Reinlichkeit und Nettigkeit machte er den Eindruck eines Sehenden, der nur aus Freundschaft de» Arm des Begleiters annahm. Die zahlreichen Gelehrten, die hierherkamen, nicht zum geringen Theile, um sich an den freigebig gespendeten Gaben seines Geistes zu erfreuen, rechneten es sich als Gunst an, ihn führen zu dürfen. Namentlich sah man ihn oft am Arme des Herrn Dr. Guttmann aus Breslau, mit dem ihn die engsten Bande tiefherzlicher Freundschaft verbanden. Dr. Guttmann und sein Schwager, Oberrabbiner Simonsen, wohnten stets im selben Hause wie Derenbourg, und deren Frauen wetteiferten mit den Gelehrten in zarter Aufmerisamkeit und liebevoller Pflege des liebenswürdigen Greises. In diesem Kreise herrschte ein Ton, wie er nnr in den edelsten Familien zu Hause ist. Aber auch für alle anderen hier anwesenden Rabbiner zeigte er in seiner beispiellosen Bescheidenheit das lebhafteste Interesse, suchte sie auf und zog sie in seine Kreise. Am Sonnabend (27. Juli) machte er noch einen zweistündigen Besuch bei dem Hamburger Oberrabbiner Hirsch, während dessen er neben liebevollen geistigen Darbietungen in witziger Weise Erlebnisse aus seiner Kindheit, Szenen aus dem damaligen Mainz (seiner Geburtsstadt) erzählte. In seiner anziehenden schönen Sprache schilderte er das Wetteifern der damaligen israelitischen Patrizier in der Errichtung von Laubhütten u. s. w. Trotz großer Munterkeit, die sich im Erzählen und herzlichen Belachen von „Wörtchen" äußerte, kam er aber doch auch auf den Tod zu sprechen und äußerte sich, er sei zwar alt, er fühle sich aber noch so kräftig, daß er die Vollendung seines großes Werkes über Saadia erhoffe. Auf die Frage des Oberrabbiners Hirsch, wie lange das wohl noch dauern werde, erwiederte er mit der größten Ruhe: Ungefähr sechs Jahre. Ueberhaupt sprach er mit großer Ruhe und anscheinend gern vom Tode, den er jedoch nicht so nahe ahnte. Vor wenigen Tagen erzählte er mir, als man von Leichenreden sprach, er habe ursprünglich in sein Testament die Bestimmung ausgenommen, daß an seinem Sarge jede Trauerrede zu unterbleiben habe. Bei dem Leichenbegängnisse seiner Frau hätten jedoch die vortrefflichen Reden der Großrabbincr Isidor und Zadoc Kahn auf die Anwesenden einen so tiefen Eindruck gemacht, daß er diese Bestimmung abgeändert habe. Er wünsche, daß an seinem Sarge ein Rabbiner spreche. Die Prunkrede» von Laien, so insbesondere eines Mitgliedes des Instituts, wie dies üblich sei, habe er sich verbeten. Ebenso habe er im Testament sich die militärische Begleitung, die ihm als Ritter der Ehrenlegion zukomme, abgelehnt. Als ich gegen diese letzte Bestimmung mich wendete, weil sie leicht mißverstanden werden könne, als wären wir Israeliten gegen-' über dem uns bewiesenen Liberalismus intolerant und sagte, daß ich im Gegentheil in mein Testament die Bestimmung aufgenommen hätte, daß ich gegen die mir als Militärgeistlicher gebührenden militärischen Ehren keine Einwendung mache, beharrte er bei seiner Ansicht, daß er gegen das Ausrücken von Militär entschieden eingenommen sei. So floß die profane Unterhaltung, von ihm geführt, munter hin. Kam er auf wissenschaftliche Dinge zu sprechen, war der Genuß natürlich ein noch viel höherer. Auch hier arbeitete er täglich viele Stunden und benutzte die seltene Gelegenheit, sich der hellsehenden Augen seiner gelehrten Freunde, insbesondere des hervorragenden Saadiaforschers Guttmann, bedienen zu können, aufs Eifrigste. Noch an seinem letzten Lebenstage arbeitete er mit den Herren Dr. Guttmann und Dr. Simonsen bis Mitternacht. Am letzten Freitag war ihm die Freude, daß Herr Dr. Bainberger aus Königsberg und Herr Dr. Frank aus Köln, letzterer nur auf wenige Stunden, nach Ems kamen, um ihren ehrwürdigen Freund und Kollegen im Central-Komitee der Alliance Israelite Universelle zu sehen und zu sprechen. Sie reisten Beide ab, ohne zu ahnen, daß sie den geliebten „Alten" nicht mehr sehen würden. Herrn Dr. Bamberger, der am Sterbetage selbst Vormittags abreisle, begleitete er noch persönlich zum Bahnhofe und »ahm dort heiter und liebenswürdig von ihm Abschied. Doch fühlte er sich bereits leidend und ging Mittag nicht in die Restauration. Die Herren Dr. Guttmann und Dr. Simonsen wichen von da nicht mehr von seiner Seite. Am Nachmittag klagte er zwar über Schmerzen, aber bis um 1/212 Uhr Nachts unterhielt er sich noch mit den beiden Freunden. Um Mitternacht wurden die Schmerzen unerträglich, trotzdem zwei Aerzte um ihn bemüht waren. Um diese Stunde war sein letzter Ruf mit freundlich erhobenen Händen: „Adieu Guttmann!" Um ein Uhr hauchte der edle Mensch, der große Denker seine reine Seele aus. Eine Sitzung des Central-Komitees der Alliance Israelite Universelle. Ein Schabbos-Nachmu-Gedanke. Von Rabbiner D r. Frank in Köln. s war am 21. November vergangenen Jahres, als ich einer Sitzung des Eentral-Komitees der Alliance Israelite Universelle in Paris beiwohnte. Draußen stürmte es, und der kalte Herbstwind trieb die Spaziergänger von den sonst bevölkerten Boulevards in die Cafes und andern Lokale, um von der Tages- Arbeit Erholung und Zerstreuung zu suchen. In der Rue de Trevise 35, in dem Sitzungssaale der Alliance, waren sie auch