Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
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362 Berlin, 31. Juli. us Ems erhalten wir die Trauerkunde, daß dort am 29. d. M. Josef Derenbourg gestorben ist. In ihm verliert das Judenthum einen seiner besten Männer, die Wissenschaft einen ihrer hervorragendsten Bertreter. Was er so schön in dem Nachruf auf seinen Freund Abraham Geiger gesagt, gilt nun von ihm selbst: Die Werkstatte des tiefe» Denkers ist zertrümmert, das für Religion und Wissenschast so warm schlagende Herz ist gebrochen! Wir müssen es Berufenen überlassen, dieses Leben ausführlich zu schildern, und begnügen uns unter dem unmittelbaren Eindruck der Trauerbotschast mit wenigen biographischen Strichen. Josef Derenbourg wurde am 2L August 1811 zu Mainz geboren und durch seinen Vater, eine» jüdischen Gelehrten von Ruf, in die talmudische Wissenschaft eingeführt. Er begann mit dem Studium der hebräischen Sprache und Litteratur. Auf den Universitäten Bonn und Gießen erweiterte er seine orientalische Sprachkenntniß; zugleich legte er dort den Grund zu seinem allgemeinen, insbesondere seinem philosophischen und geschichtlichen Wissen. Nachdem er 1834 zum Doktor promovirt hatte, ging er als Erzieher nach Amsterdam. Bon dort kam er 1839 nach Paris, das seine zweite Heimath wurde. Zu Anfang hatte er in der Seine-Hauptstadt mit Mühsal zu kämpfen. Nur mit Noth konnte er unter Caussiu de Perceval und Reinaud die orientalischen Studien, vornehmlich das Studium des Arabische», Persischen und des Sanskrit, weiter fortsetzen. Auf Betreiben seiner Lehrer wurde ihm 1853 ein Amt übertragen, das ihn bis zu einem gewissen Grad wirthschaftlich sicher stellte und ihm die dauernde wissenschaftliche Arbeit möglich machte. Er wurde Korrektor bei der Staatsdrnckerei, 1856 erhielt er den Sonderauftrag, die Drucklegung der orientalischen Werke zu überwachen. 1871 erfolgte seine Aufnahme in das Institut. 1877 wurde er zum Professor für hebräische Sprache und Litteratur an der Ecole piatique des liautes etudes berufen. Das litterarische Schaffen Derenbourgs ist umfangreich. Seine Schaffenskraft wuchs stetig und beträchtlich. Eine seiner bedeutsamsten Veröffentlichungen fällt gerade in die letzten Jahre, da er das 80. Jahr schon überschritten hatte. Den Reigen der größer» selbstständigen Schriften Derenbourgs eröffnet seineAusgabe der Fabeln des mythischen Arabers Lolman. Es folgte 1847—1853 die mit Reinaud gemeinsam gefertigte Ausgabe des Hariri. Auch außerhalb der engeren Fachkreise fand Derenbourgs bedeutsamstes Werk, der Essay über die Geschichte und Landeskunde Palästinas nach biblischen und rabbinischen Quellen Beachtung. Anzureihen sind die Ausgaben zweier hebräischer und einer lateinischen Uebersetzung des Buches Kalilah und Dimnah des Kaschefi und die Ausgabe der hebräischarabischen Grammatik und der kleineren Schriften des Jbn Ganach. Besonders zu vermerken sind die von Derenbourg besorgten hiinjaritischen Texte des Lorpus inscriptionuni semiticarum und die daniit verwandten „Noles epigraphiques“ (1877). Die letzten Lebensjahre Derenbourgs waren ganz der Schaffung einer Ausgabe der Werke des Saadja Gaon gewidmet. Derenbourg war einer der besten Kenner der jüdischen Wiffenschaft, einer ihrer treuesten Pfleger Zu einem andern Theile liegt seine Bedeutung darin, daß er überall eingreifen konnte, wo hebräisches und arabisches Wissen zugleich erforderlich ist. Ein würdiger Erbe seines Geistes ist sein Sohn Hartwig Derenbonrg, der schon in jnngen Jahren eine bedeutende Stellung in der Orientalistenwelt einnimmt. Josef Derenbourgs Bedeutung ist aber für uns nicht mit seinen wissenschaftlichen Leistungen erschöpft. Er blieb bis an sein Lebensende ein glaubenstreuer, begeisterter Jude, der an allen Angelegenheiten seiner Glaubensgemeinde regsten Antheil nahm. Im französischen Centralkonsistorium, in der Leitung der Alliance, der Societe des etudes juives und in vielen anderen Vereinen bewährte sich die Klarheit seines Geistes, die Reinheit seines Herzens, die Treue, die er seinen Brüdern bewahrte. So wird auch sein Andenken fortdauernd zum Segen gereichen! 4 Gegen Junker und Juden eifern die Antisemiten in Deutschland, soweit ihr Geschäftsinteresse das verlangt, gegen Protestanten und Juden ziehe:« die Antisemiten in Frankreich zu Felde. Die deutsch-evangelische Kirchenzeitung des Herrn Stöcker berichtet über eine antisemitische Versammlung in Paris, was folgt: „Trotz aller Aufklärung und Freiheit herrschen in Frankreich noch merkwürdige Unklarheiten und Unfreiheiten in religiöser Beziehung vor. So hielt kürzlich ein früherer Boulangist, Thieband, der sich mit Edmund Drumond, dem Redakteur des „Freien Wortes", zur Bekämpfung des Protestantismus verbunden hat, um den antisemitischen Kampf zu verstärken, einen Vortrag in Paris über „die Fortschritte der Reforin in Frankreich seit 25 Jahren", der von Unrichtigkeiten wimmelte. Er suchte zu beweisen, daß der Protestantismus eine englisch-deutsche Religion und eine dem französischen Genie feindliche sei, deren Anhänger, die keine Patrioten sein können, es trotzdem erreicht hätte», in der Republik eine unglaubliche Anzahl von ivichtigen Posten und Stellungen zu besetzen, so daß eine Million Protestanten die Gesetze für 36 Millionen Katholiken machten, Nach Auftischung der gröbsten Jrrthünier und Unrichtigkeiten schloß der Vortrag mit Annahme einer Resolution, in welcher verlangt wurde, daß der politische Einfluß der Protestanten und der Israeliten gemindert werden sollte, so daß er dem Zahlenverhältniß seiner Anhänger entspräche." Es fehlte nur noch, daß Herr Stöcker über diese Früchte seiner Saat sich wundert. 4- England ist und bleibt das klassische Land der praktisch durchgeführten Gleichberechtigung. Bei den allgemeinei« Wahlen sind bis jetzt acht jüdische Kandidaten gewählt und neun unterlegen. Gewählt sind Benj. L. Cohen, Sir Julian Goldsmid, Sir Samuel Montagu, Harry H. Marcks (ein Sohn des Predigers Dr. Marcks), Harry S. Samuel, Baron Ferdiuaird Rothschild, Baron Henry Worins, Arthur Strauß. Dieselben gehören zum größeren Theil der konservativen Partei an. Unterlegen sind im Wahlkampfe: S. F. Mendl, Bertram S. Strauß, H. H. Raphael, John Jacobs, Herbert S. Leon, Israel Hart. Colonel Lucas, Lionel E. Pyke, Herbert Samuel. 4 In Bulgarien ist mau endlich dahin gelangt, auch Stambulow zum Semiten zu machen. In einem Aufruf birlgarischer Chauvinisten, der am Tage der Beerdigung Stambulows in allen Straßen Sofias öffentlich angeschlagen wurde, heißt es: „Der Feind alles Slavischen, Stambulow, gab sich vollkominen der kosinopolitisch-semitischen Politik hin. Er ivollte aus der bulgarischen Hauptstadt ein Budapester Boulevard machen." Thatsächlich war Stambulow i« jungen Jahren eher antisemitisch als judenfreundlich gesinnt. Erst später wurde er de» Juden mehr geneigt und ermöglichte es ihnen auch, sich einen Oberrabbiner zu wählen, dessen Jurisdiktion sich über sämintliche Israeliten des Fürstenthums erstreckte. Auch wachte er selbst darüber, daß die den Juden von der Verfassung eingeräumten Rechte nicht geschmälert wurden.