Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 31. Allgemeine Kerlin, 2. August 1895. eitung öes Dudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Red acte nr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr-Ludwig Philippson-Äonn Verlags-Expedition: Lerlin, Jerujalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ÄnhlLÜ. Leitarttkelr Trostaedanken. — Die Woche. — Joseph Derenbourg. Von Dr. A. Kisch. — Eine Sitzung des Central-Komitees der Alliance Israelite | Universelle. Von Dr. A. Frank. — Geselligkeit und Geselligkeitssreuden in Bibel und Talmud. Von Dr. Adols Rosen zweig. — lieber Namensändeung. III. Von Rechtsanwalt Bernbard Breslauer — FeuMetonr Der Judendoktor von Herrenstein. Von Ai. v. Schlägel. — Literarische Mityettungen. — Sprechsaal. Der Gerneindebole. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, öosm. Gnesen. Kiel. Kehl. Vom Rhein. Karlsruhe. Bamberg. Wien. Budapest. London. — Von Nah und Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Trostgedankrn. Berlin, 31. Juli. uf die Trauerwochen Jsrciels folgen die sieben Trostessabbathe. Haben wir die Nothwendigkeit erkannt, auch ferner noch den Tag der Trauer um verlorene Güter beizubehalten, so »raucht das Bedürfniß nach Trost wohl kaum einer Erläuterung oder 6egründung. O ja, wir bedürfen gar sehr des Trostes in dieser rüben Zeit, und dankbar erkenne» wir die erhabene und sinnreiche?dee an, durch welche die Religion Israel alljährlich an diesen Sabbathen »'rost und Muth zusprechen will. In der Anordnung der Haftara ür den ersten der Trostsabbathe bekundet sich vor Allem die Erhabenheit dieser Trostgedanken. Sie ist aus dem 40. Kapitel des Propheten Jesaja genommen und beginnt mit den Worten: „Tröste, oste dich, mein Volk, spricht der Herr, redet Muth zu dem Herzen Jerusalems und verkündet ihm, daß seine Lcidenszeit zu Ende geht nid seine Schuld gesühnt." Ist es nicht, als spräche der Prophet in diesen Worten zu uns, i dem Geschlecht der Gegenwart, das die Trauerjahre der juden- » indlichen Bewegung schaudernd miterlebt hat? Ja, wir benöthigen t.s Trostes als Menschen, die an jedem Tage und zu jeder Stunde » kennen, wie weit die Menschheit noch entfernt ist von dem Ideal, > elches die Propheten schon vor Jahrtausenden dieser vorgezeichnet, nid wir bedürfen des Trostes als Israeliten, die immer von Neuem » kennen, daß ihre Sendung noch nicht abgeschlossen, und die in den » ämpfen und Leiden, welche sie um ihrer Religion willen zu erdulden l aben, gar oft nur die Sühne ihrer Schuld erblicken können. Worin liegt aber diese Schuld? Wir hatten geglaubt, daß wir des religiösen Trostes nicht mehr ^dürfen, daß die Höhen des Unglücks sich schon gesenkt und die! ummen Wege des Unrechts geebnet hätten. Wir hatten geglaubt, laß mit der Gleichberechtigung auch unsere Leidenszeit dahin sei, und wir hatten die große Schuld des Abfalls und der Undankbarkeit auf uns geladen. In den Tagen des Glücks vergaß Israel, wie so oft im Verlaufe ler Geschichte, seines Gottes und verachtete die Religion seiner Väter. Diese Schuld muß erst gesühnt werden. Wir müssen in der freien, bürgerlichen Entwickelung auch die Religion treu behalten, wir müssen als freie Bürger auch treue Israeliten bleiben. In der That, ohne Religion ist ein freies, bürgerliches Leben gar nicht wünschenswerth, ja kaum möglich, weil man da nur äußerlich, aber nicht innerlich frei wird. Und schon unsere Weisen sagen: „Der seine Pflichten treu erfüllt, ist wahrhaft frei." Hätten wir unsere Religion aufgeben wollen, so wären wir ja längst frei, gleich allen andern Bekenntnissen um uns her. Und unsere Väter, die für ihren Glauben zu Tausenden sich hinwürgen ließe», und unsere Mütter, die in ewiger Augst ihre Tage verbrachten, und die unschuldigen Kinder, die in der Blüthe des Lebens schon Schmach und Verfolgung erdulden mußten, Hütten uiusonst sich aufgeopfert. Ja, wir wären frei gewesen, aber llnser Name wäre längst verschollen. Nein, wir müssen Diejenigen eines Besser» belehren, die da behaupten, daß nur die Verfolgungen Israel bis heute erhalten haben, daß es aber im Sonnenschein des Glückes untergehen müsse. Darum, willst du, o mein Israel, daß deine Leidenszeit zu Ende gehe, dann mußt du auch die Schuld gegen deinen Gott und gegen deinen Glauben tilgen, daun mußt du auch einer Welt von Feinden gegenüber zeigen, daß du auch heute noch dieselbe Kraft besitzest und von demselben Geist erfüllt seiest, der deine Ahnen durch die Jahrtausende der Verfolgungen erhalten hat. Und so, wie wir die Religion in der freien bürgerlichen Entwickelung, so müssen wir aber auch die freie Entwickelung in der Religion uns bewahren. Wir dürfen die Religion nicht mehr mit den Augen der vom Druck Gebeugten und Geknechteten betrachten, wir müssen sie mit freudigem, frohem Gemüth in ihrem vollen Glanz erkennen und die Lehre verkünden, daß unsere Religion die erste war, die einen Gott der Liebe und des Erbarmens gekannt. Ja, auch diese Schuld muß getilgt werden, wenn die Trostverheißung zur Wahrheit werden soll. Getilgt muß werden die Schuld des Aberglaubens und des Unglaubens, die freie Entwickelung in der Religion muß gefördert und Israel mit Gott und der Welt tvieder versöhnt werden. Israel und die Menschheit dürfen sich einander nicht mehr wegen des Glaubens anfeinden und verfolgen, dann wird der Trost au uns in Erfüllung gehen, den das Prophetenwort der dieswöchentlichen Haftara uns verkündet: In Wüsteneien, inmitten einer Welt von Feinden, bahnet dem Herrn einen Weg; dann werden die schrecklichen Abgründe des Unglaubens sich erheben, die steilen Höhen des Aberglaubens sich senken, und die Herrlichkeit Gottes wird sich durch uns abermals offenbaren vor den Augen aller Menschenkinder. Denn der Mund Gottes hat dies verkündet!