Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Montag, dem 27. Mai Abends, stürmte» die Schiiten, ihre Geistlichen an der Spitze, die Synagoge», zerrissen eine» Theil der Gesetzbücher, trugen die andern nnt fort und verwundeten ernstlich mit ihren Jataga» sechs von unfern Glaubensgenossen. Die Panik verbreitete sich im jüdischen Viertel. Die Israeliten schlossen ihre Läden und verbarrikadirteii sich in ihren Häusern. Einige Tage hindurch verbrachten sie in Aengsten für ihre Güter, ihr Leben und Ehre und für das Leben ihrer Frauen und Kinder. Das israelitische Viertel wurde von der bewaffneten Macht beschützt, um einen erneuten Angriff des schiitischen Fanatismus zu verhüten. Als sie von diesen Thatsachen unterrichtet wurden, gaben sowohl S. E. der Vali von Bagdad, wie auch der Marschall Redjeh Pascha Befehle, damit jeder Angriff auf die Juden strengstens bestraft werde. Die beiden hohen Beamten haben diejenigen beruhigt, die sie zu Gunsten der Israeliten von Solimanieh angesprochen haben, und versprachen, dafür zu sorgen, daß die Ruhe in der Stadt wieder hergestellt werde. Der Marschall hat sich ganz besonders unwillig ausgesprochen über diejenigen Leute, welche nicht davor zurückschrecken, die Juden der Beschimpfung des Propheten anzuklagen; diese Anklagen beruhen stets auf einer Verleumdung, sagte er, und sollen zumeist schamlose Pläne verdecken. Von Nah und Fern. — Herrn Sanitätsrath Dr. Blu menthal ist das Ritterkreuz des dänischen Danebrog - Ordens verliehen worden — Der Redakteur der „Kreuzztg.", Dr. Heffter, hat in seinem Blatte den Nachweis führen müssen, daß er kein „getaufter Judenabkömmling" sei. Die Antisemiten können also beruhigt sein — Der Regierungspräsident zu Posen soll eine Verfügung erlassen haben, nach welcher das Blut von geschächteten (nach israelitischem Brauch geschlachteten) Thieren zu verkäuflichen Nahrungsmitteln nicht verwendet werden darf. — Die „Köln. Zig." hatte in einem Berichte über die Einweihung der neuen Synagoge in Hagen auch gemeldet, daß an der Feier die Geistlichen aller Bekenntnisse theilgenommen hätten. Zur Freude aller Antisemiten wurde derselben von zwei evangelischen Geistlichen geschrieben, daß diese Mittheilung auf Unwahrheit beruhe. „Uns evangelischen Geistlichen ist nach einen: Konsistorialerlaß vom Jalre 1852 die Theilnahme an jüdischen Festen streng verboten. Alle evangelischen Geistlichen sind zu der Feier eingeladen worden, aber keiner hat theilgenommen." — Dem Jahresbericht des Deutsch-Israelitischen Kinderheims in Diez an der Lahn für 1894 entnehmen wir: Die Anzahl der Zöglinge betrug während des Schuljahres 1694/95 25. Zum April dieses Jahres wurden 7 Knaben ausgenommen und zwar aus der Rheinprovinz, Hannover, Provinz Sachsen, Königreich Sachsen, Großherzogthum Hessen je 1, aus Elsaß-Lothringen 2, so daß die Anstalt jetzt 30 Knaben zählt. An Geschenken, Zinsen und regelmäßigen Beiträgen gingen im Jahre 1894 (1. Jan. — 31. Dez.) 23,094 92 Mark ein, wovon 12,305.10 Mark auf die Purimspende kommen. — Der während des Bergarbeiterausstandes im Saarrevier genannte frühere Rechtsanwalt Heyder, der sich zuletzt mit den Antisemiten Ahlwardt und Böckel verbrüderte, wurde, wie die „Franks Z." schreibt, auf Antrag seiner Frau in die Jrrenheilanstalt Saargemünd verbracht, da er an Verfolgungswahn leiden soll. — In Reichstagswahlkreise Waldeck hat bei der Stichwahl der Antisemit gesiegt Das annähernde Gesammtresultat lautet: Müller (Antisemit) 5069, Böttcher (nationalliberal) 3959 Stimmen. Im ganzen Fürstenthum wohnen 532 Juden! — In Köthen hat ein in der Gemeinde sehr thätiges und beliebtes Mitglied, Herr M. Meyerstein sen., bei dem kürzlich dort abgehaltenen 15. Provinzial-Bundesfchießen mit den besten Schützen den Kampf ausgenommen und einen Ehrenpreis erschossen, indem er auf der Silberscheibe den besten Schuß abgegeben, welcher gar nicht abzuschießen war. Hierfür dürfte ein besonderer Preis erfolgen. — Der Prinzregent von Baiern hat bei seiner letzten Anwesenheit in Würzburg dem dortigen Distriktsrabbiner Bamberger die gleiche Auszeichnung wie der Geistlichkeit der beiden christlichen Konfessionen zu Thbil werden lassen. Er ward, zu allen offlziellen Festlichkeiten hinzugezogen, beim Empfang, bei der. Brunneneinweihung, bei dem städtischen Diner zu Ehren des Prinzregenten, sowie zur Hoftafel; bei all diesen Gelegenheiten richtete Se. Königliche Hoheit huldvolle Worte an den Herrn Rabbiner und zeigte lebhaftes Interesse an dessen persönlichen und beruflichen Verhältnissen. — Dr. Wlassics, der ungarische Kultus- und Unterrichtsminister, ist einer von Denjenigen, die vom israelitischen Landes-Lehrerverein zum Ehrenmitgliede ernannt worden sind. Als ihm nun eine Deputation das Ehrendiplom überreichte, sprach der Minister seinen Dank in einer Weise aus, die dem Lehrerstande eben so wohl, als dem Judenthnme zur Ehre gereicht. „Sie wissen, daß auch ich von der Lehrkanzel zu diesem hohen Amte berufen worden bin und daß ich nur ein höheres kenne: das Amt des „Volkslehrers", Sie stehen glücklicher Weise im Dienste einer Konfession, die unerschütterlich in Beziehung auf Patriotismus ist. Die jüdischen Lehrer sind die Depositäre desselben. Darum nehme ich das Ehrendiplom mit Freuden an und betrachte mich nicht nur nominell, sondern in Wirklichkeit als zu Ihnen gehörend." — Der Stadtphysikus Dr. Ludwig Munels in Neutra ist in Anerkennung seiner Verdienste auf dem' Gebiete der Hygiene zum außerordentlichen Mitgliede des ungarischen Landes-Sanitätsrathes ernannt worden. — In Triest haben die Wiener Antisemitenführer ihren Aufenthalt benützt, um Propaganda für ihre Bestrebungen zu machen. Es soll nächstens ein antisemitisches Meeting abgehalten werden und bei dieser Gelegenheit die bisher nicht vertretene antisemitische Partei gegründet werden. Alle Versuche der Wiener Antisemiten, dort Posto zu fassen, waren, bisher vergebens, da die Italiener eine absolut ablehnende Haltung einnehmen. — Baronin Franchetti, die Mutter des bekannten Komponisten, lebt auf ihrem Landsitze bei Turin und hat sämmtliche Bauernhäuser mit dem Herrenhause telephonisch verbinden lassen, um bei jeder Gelegenheit die Wünsche ihrer Kolonisten erfahren und mit ihrer Hilfe bei der Hand sein zu können. — Der Unteroffizier Brunschwig vom algerischen Regiment hat für seine Thaten im Krieg gegen Madagaskar die militärische Medaille erhalten. — Am Jahrestage, da die Königin von England den Titel „Königin von Indien" angenommen, wurden auch zwei Juden zu Offizieren in Bombay ernannt, Eliezar Daniel und Salomon Israel,Beide bei dem Bataillon der Polizei in Rangoon. M. Israel hat sich am 28. April 1888 durch seinen Heldenmuth bei dem Angriff auf ein befestigtes Lager bei Kyonken besonders ausgezeichnet. — Dieser Tage hat Kaiser Nikolai II. den jüdischen Bildhauer Leopold Bernstamm im Peterhoser großen Palais empfangen und demselben seine Anerkennung für den „Christus und die Sünderin" und „die Schlangenbeschwörerin" ausgesprochen und sich einverstanden erklärt, daß der jüdische Skulptor ihn, den russischen Zaren, modellire. Das ist bereits das zweite Mal, daß der junge Monarch jüdische Künstler mit diesem schmeichelhaften Aufträge beehrt. Zuerst war es Marcus Antokolski, der dieser hohen Ehre theilhaftig wurde — In Berditschew bilden die Juden etwa 85 pCt. der Bevölkerung. Der Munizipal rath hat beschlossen, daß die Handelskammer aus fünf Mitgliedern bestehen solle, wovon zwei Juden. Dieser Beschluß ist annullirt worden vom Generalgouverneur der Provinz, da das neue Munizipalgesetz die Juden von jedem Antheil an den Munizipalgeschästen ausschließt. — In beit letzten Nummern berichteten wir über zahlreiche Brände, die in den letzten Wochen mehrere Städte des Territoriums zerstörten und mehr als 20,000 jüdische Familien an den Bettelstab brachten. Baron Hirsch, dessen Großmuth niemals vergebens angerufen wird, hat der Alliance ein großartiges Geschenk zugewendet, das unter die am schwersten geprüften Familien vertheilt werden soll. — Am 10. Juli begann in Roche st er die siebente Konferenz der amerikanischen Rabbiner, die jetzt aus 143 Mitgliedern besteht. Dr. I. M. Wise wurde zum Präsidenten erwählt und machte in seiner glänzenden Eröffnungsrede der Konferenz folgende Vorschläge für ihre Berathungen: 1. Die Konferenz wolle erklären, wie sie sich in allen religiösen Fragen zur nachbiblischen Litteratur stellt. 2. Ob und wie eine Sommerschule gegründet werden soll? 3. Soll die Konferenz eine Missions- Organisation in Vorschlag bringen und was soll deren Aufgabe sein? Ueber die Verhandlungen folgt ausführlicher Bericht. — Vor Kurzem wurden in Johannisburg (Süd-Afrika) drei Juden unter dem Verdacht verhaftet, einen Kaffern ermordet zu haben. Selbstverständlich wurden sie schließlich wieder entlassen, weil ihre Unschuld klar bewiesen wurde, und die Verhaftung nur in Folge einer judenfeindlichen Denunziation erfolgte. — In Capetown (Kapstadt) hat Herr Nehemio Dav. Hoffmann ein hebräisches (resp. Jargon-) Blatt gegründet mit dem Namen ,,Ha’ aur“ (das Licht.) Druck und Verlag von Rudolf Mos se in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwit; in Berlin.