Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
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— Emin Pas chas Glau bensbekenntniß. Herr Julius Edward Cohen in New-Iork, welcher eine Reihe von Jahren in Afrika zubrachte und dort in einem intimen Verhältniß zu Emin Pascha stand, liefert in den Spalten des Blattes „Jewish South" einen interessanten Beitrag zu Emin Paschas, bezw. Dr. Eduard Schnitzer's, wie er ursprünglich hieß, Uebertritt zum Protestantismus und später zum Mohamedanismus. Beide waren in Tripolis am Vorabend des Versöhnungsfestes zusammen und besuchten gemeinschaftlich die Synagoge. Hierbei äußerte sich Emin Pascha zu seinem Freunde folgendermaßen: „Daß ich ein jüdischer Renegat bin, weißt Du. Nun, trotz meines Uebertritts zum Christenthum, und später zum Islam, habe ich nie aufgehört, meiner Religion treu zu bleiben, in der ich geboren und später aufj erzogen worden bin. Ja, ich sehe täglich vor meinem Geiste meine geliebte Mutter und besonders an diesem Tage, wo sie Alles für den heiligen Abend vorbereitete. Ich gedenke noch der eigenthümlichen! Kuchen, die wir zum Abendmahle erhielten, und wenn wir nach Beendigung! desselben, meine Schwester Cäcilie und ich, vor die gute Seele hintraten > und sie, indem sie ihre Hand auf unsere Köpfchen legte, uns mit einer! Innigkeit segnete, wie eben nur eine Mutter segnen kann. O! Glaube mir, es ist außerordentlich hart, so dazustehen, wie ich jetzt dastehe, ohne Vaterland, ohne Familie, ohne Glauben. Nein, Religion habe ich, nur äußerlich habe ich meinem Glauben entsagt, innerlich wurde ich demselben nie entfremdet." ( Herr Cohen war es auch, der nach Emms Tode seine Tochter j Ferida, als letztes Vermächtniß des Freundes, nach Deutschland brachte.; * ----- War Könrg Saul nervenkrank? Diese Frage ist schon verschiedentlich aufgeworfen worden, in Hinsicht auf die Thatsache, daß dieser König der Juden in der Schlacht von Gilboa, um nicht in die Hände der Philister zu fallen, sich selbst mit seinem Degen durchbohrte. Der bekannte Forschungsreisende Dieulafoy trat, in einer der Akademie der 1 Inschriften unterbreiteten Arbeit für die Bejahung dieser Frage ein. Seiner Meinung nach war Saul ein Prophet im wahren Sinne des Wortes, kein her- - vorragender Geist, aber eine sehr stolze Seele. Saul war in der That i nervenleidend, die Neurose nahm bei ihm den Charakter jener Hysterie- Epidemien an, von denen sich in jedem Jahrhundert in gewissen Zwischenräumen Beispiele finden. Dieulafoy weist an der Hand der Bibel nach, daß zur Zeit Samuels die Hysterie in ansteckender Form unter den Juden herrschte. Sie war übrigens bereits abgeschwächt und die Folge einer religiösen Ueberreizung! und einer seelischen und moralischen Depression, die durch die Seuchen : und die langen Entbehrungen verursacht war. Die den Krisen Sauls! besonders gewidmeten Verse bestätigen die Schlüsse. Wir bemerken da der Reihe nach die Einweihung des Monarchen in die Bräuche des Prophetenthums, seine durch Harfenklänge beruhigten Wuthanfälle, seine seltsame Haltung nach dem Tode Goliaths, seinen hartnäckigen Wunsch, zuerst David und dann seinen ältesten Sohn Jonathan zu tödten, und schließlich die Verurtheilung und das Hinschlachten der Leviter von Nod. Das sind alles Kennzeichen des dämonischen Wahnsinns, der auch besonders durch die so seltsame und gut beschriebene Ansteckungsszene gekennzeichnet wird, der die königlichen Sendlinge und Saul selbst erliegen. Diese Krankheit ist heute unter dem Namen Cisterodaemonopathie bekannt. Es geht aus diesen Festsetzungen hervor, daß Saul zuerst kurzen Krisen in langen Zwischenräumen unterworfen war, daß das Uebel im Laufe der Zeit sich verschärfte und der König schließlich die Verantwortlichkeit für seine Handlungen verlor. Die Gestalt Davids nimmt dadurch eine besondere Größe an, indem er im Kampfe gegen einen unzurechnungsfähigen König alle seine Intelligenz und Charakterstärke aufbieten mußte, um sein Volk vor Unheil zu bewahren. Es wird dadurch auch bewiesen, wie aufrichtig die Bibel seinem König gegenüber ist, dessen Uebel sie nicht versteht. Das giebt einen neuen Beweis für den historischen Werth, den das Buch der Bücher besitzt. & — Russische Censur. Den Memoiren des ehemaligen Petersburger Universitäts-Professors Nikitimko, welche außerhalb Rußlands erschienen sind, entnehmen wir folgende köstliche Censurprobe, welche in die Regierungszeit Alexanders III. fällt. In einen: Gespräche mit einem Warschauer Schriftsteller sagte einmal ein Censor: „Sie haben keinen Begriff, was der Censor alles streichen muß. Sehen Sie, z. B. das Gedicht „Hagar in der Wüste" könnten wir absolut nicht durchlassen." „Warum?" fragte verwundert der Schriftsteller. „Ich glaube, es ist eine sehr unschuldige Dichtung; die kann doch überall vorgetragen werden." — „O, nein! Stellen Sie sich doch vor, im Konzertsaale in der ersten Reihe sitzen General Gurko und seine hohe Gemahlin Maria Andriewna, Baron Meven, Seine Eminenz Leontius und andere hohe Persönlichkeiten. Da kommt eine Künstlerin heraus und beginnt: „Ringsumher Schakale!" Nun sagen Sie selbst, kann man das durchlassen?" £ — Die Nr. 29 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 417.)) hat folgenden Inhalt: Der Antisemitismus und die Volksschullehrer — Die Sittlichkeit auf dem Lande. II. - Juden auf den Schlachtfeldern. — Zur Abwehr. — Aus dem antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Unredlicher Wettbewerb in Rußland. — Briefkasten. Misoellen I Berliner Tageblatt Als Zeitung großen Stnls hat das täglich zweimal in einer Morgen- und Abend-Ausgabe erscheinende „Berliner Tageblatt" in Folge seines reichen, gediegenen Inhalts. sowie durch die Raschheil und Zuverlässigkeit in der Berichterstattung (vermöge der an allen Weltplätzen angestellten eigenen Korrespondenten) die stärkste Derbreitung im In- und Auslände erreicht. Nicht minder haben zu diesem großen Erfolge die ausgezeichneten Original-Feuilletons aus allen Gebieten der Wissenschaft und der schönen Künste sowie die hervorragenden belletristischen Gaben, insbesondere die vorzüglichen Romane und Novellen beigetragen, welche im täglichen Roman- Feuilleton des „Berliner Tageblatt" erscheinen. So erscheinen im Monat August u. September die beiden reizvollen Romane: G. von Stockmann: „Tod und Keden", Dantschenko: „Auf verschiedenen Wegen". Die Romane und Feuilletons des B. T. erscheinen in Deutschland zuerst allein im B. 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