Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228125--52003-3272776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 < Lübeck, 21. Juli. Der Rektor a. D. und Neichstagsabgeordnete Ah l war dt hielt gestern im Colosseum Hierselbst eine seiner üblichen Schimpf-Versammlungen gegen dreißig Pfennige Entree. Die Versammlung, zu der sich etwa 600 Personen eingefunden hatten, endete mit einer totalen Niederlage, da hier ein dunkler Punkt aus der dunklen Vergangenheit des Rektors aller Teutschen zur Sprache kam, der eine sehr dramatische Szene hervorrief. Von bösen Ahnungen gequält, gab Herr Ahlwardt in seiner mehr als zweistündigen Rede von selbst zu, daß er einmal im Eisenbahncoupo einen ihm wildfremden Menschen um einen Thaler angepumpt habe, um nach Lübeck reisen und die Sehenswürdigkeiten unserer Stadt in Augenschein nehmen zu könnem Wie das bei Vorstellungen ja oft geht, habe er den Namen seines Helfers aus der Noth nicht genau verstanden, oder er habe ihn auch vergessen, kurz, es sei ihm nicht möglich gewesen, seine Schuld bis heute abzutragen. In der Debatte, zu der erst gegen Mitternacht übergegangen wurde, konstatirte nun Herr Kaufmann Kurt Seydell, daß Ahlwardt bezüglich des Thalers gelogen habe. Der Herr, der ihm aus der Klemme geholfen, sei der Fabrikant Heinr. Dräger und hier in der Versammlung anwesend. Dieser habe Ahlwardt nicht nur den Thaler, sondern auch seine Geschäftskarte mit genauer Adresse eingehändigt, so daß es Herrn Ahlwardt unter allen Umständen hätte möglich sein können, den entliehenen Betrag per Post-Anweisung zurückzuschicken, wenn er nur gewollt hätte. Er fordere Herrn Ahlwardt auf, ehe er die Juden Betrüger schimpfe, erst seine Schulden zu bezahlen, für die er ein so merkwürdig schlechtes Gedächtniß habe. Herr Ahlwardt gerieth darauf in sichtliche Verlegenheit und erklärte, er habe heute seine Schuld berichtigen wollen; die Form, in der er es that, habe seinem Gläubiger aber nicht gepaßt, und werde er daher diesen am nächsten Tage den Thaler persönlich überbringen. Ai an traute dem Herrn Aeichstagsabgeordneten aber nicht, und schließlich erhielt sein Gläubiger unter großem Jubel der Anwesenden den Thaler, der ihn von einem Vorstandsmitgliede ausgehändigt wurde, im Saale ausbezahlt. Im Uebrigen bot die Versammlung nichts Neues, sie endete nur, wie schon erwähnt, mit einer totalen Niederlage des Rektors. o. Karlsruhe, 21. Juli. Heute wurde dahier Herr Oberrath a. D. Benjamin Millstätter unter großer Betheiligung von Stadt und Land zu Grabe getragen. Der Dahingeschiedene erreichte ein Alter von 81 Jahren. In der Leichenhalle sprachen Stadtrabbiner Dr. Appel von hier und namens des Oberraths Stadtrabbiner Dr. Steckelmacher von Mannheim, am Grabe namens des Synagogenraths Herr Stadtrath Fritz Homburger. S. Kgl. Hoheit der Großherzog, der den Verstorbenen anläßlich seines Jubiläums mit dem Konnnaudeurkreuz II. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen ausgezeichnet hatte, sprach den Hinterbliebenen seine Theilnahme auf telegraphischem Wege aus. Ein ausführlicher Bericht folgt. GD Lörrach, 21. Juli. Einen weihe-und würdevollen Tag beging am 15 d. M. die kleine israelitische Gemeinde hier. Gatt es doch, den neuen israelitischen, an den christlichen nunmehr anschließenden Friedh o f einzuweihen. Vor dem Eingang sang der neugegründete Synagogenchor einen hebräischen Psalm, und nach Eröffnung des Eingangsthores setzte derselbe Chor die Feier mit einem vierstimmigen schön zum Vortrag gebrachten deutschen Liede fort. Hierauf folgte wieder ein Psalm und das Weihegebet des Bezirksrabbiners Dr. Lewin aus Freiburg. Alsdann wurde der Friedhof umgangen und an jeder Seite, wo man hielt, ein Psalm gesungen unter Leitung des Vorbeters Herrn Eichenbaum aus Kippenheim. Hierauf folgte die Weiherede durch Bezirksrabbiner Dr. Lewin; dieselbe war nach Form wie Inhalt trefflich. Seit mehr denn 200 Jahren hatten die in der Grafschaft wohnenden Israeliten einen Friedhof besessen, der zuletzt der israelitischen Gemeinde Lörrach allein zugehörte und schließlich sich als zu klein erwiesen hat. Heute ist in feierlicher und ergreifender Handlung und Rede der neue Friedhof eingeweiht. Auf die Predigt folgte wiederum ein Psalm sowie abermals ein deutsches Lied, Schlußgebet und Segen, und die geweihte Grabesstätte wurde der Sorgfalt und Fürsorge der israelitischen Gemeinde Lörrach übergeben, dem Schutze und der Obhut der staatlichen und städtischen Behörden - und der Hut aller Einwohner der schön aufblühenden Stadt empfohlen. Bei dieser Gelegenheit sei insbesondere Herrn Dr. Lewin aus Freiburg gedankt für die schöne Weiherede, ferner Herrn Kantor Eichenbaum,! der den Gesang vortrefflich dirigirte. g. München, 19. Juli. Die jetzt dem Kaiser gehörende und durch den Kustos der Gemäldesammlungen desselben, Dr. Seidel, neu eingerichtete Schackgalerie enthält auch viele Bilder aus dem biblischen Stoffgebiet. Es sind vorhanden nach Michel Angelo: Erschaffung Adams, Sündenfall, Vertreibung aus dem Paradies, der Prophet'Jesaias und der Prophet Jeremias. Von jüdischen Malern istu. A. vertreten Jul Muhr, ein Sohn Abraham Muhr's. Er war ein Schüler Kaulbach's. An den Fresken des Meisters im Treppenhause des neuen Museums in Berlin hat Kaulbach die Züge Muhr's zu dem Bilde des Königs Salomo benutzt. Von Jul. Muhr ist auch das bekannte Bild Zunzens aus den 40er Jahren mit der Unterschrift: „Der Gedanke ist mächtig genug, ohne Anmaßung und Unrecht über die Anmaßung und das Unrecht zu siegen." Der Künstler, geboren in Pleß am 21. Juni 1819, lebte in München. Hier entriß ihn ein vorzeitiger Tod, wie Dr. M. Brann in seiner Biographie Abr. Muhr's mittheilt, dem kurzen Eheglück, das er an der Seite seiner Frau, einer Tochter des preuß. Generals von Colombe und Nichte des alten Blücher, genoß, bevor er die Hoffnungen, zu denen er berechtigte, ganz erfüllen konnte. Einige seiner Gemälde haben durch den Stich eine weitere Verbreitung gefunden. Seine „Siesta italienischer Mönche" befindet sich in der Berliner Nationalgalerie. Das von ihm gemalte Bild seines in jüdischen Kreisen bekannten Vaters erscheint wie eine Verkörperung hinreißender, überzeugender Beredtsamkeit. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 22. Juli. In der abgelaufenen Woche haben die hiesigen Antisemiten mehrere arge Exzesse gegen jüdische Hausirer und Geschäftsleute provozirt, die die antisemitischen Blättchen dann ganz kurzweg ableugneten, die aber dennoch zu der Verhaftung mehrerer Rädelsführer Anlaß boten. Trotzdem haben Dr. Lueger und Genossen eine Interpellation im Reichsrathe eingebracht, worin der Ministerpräsident aufgefordert wird, den „Judenblättern zu untersagen, durch ihre Verhetzungen Wien als den Schauplatz professionsmäßiger Judenhetze darzustellen." Wäre die Sache nicht so. furchtbar traurig, müßte man über diese Unverfrorenheit wahrhaftig lachen. — In einer Polemik, die in einer der letzten Sitzungen der abgelaufenen Reichsrathssession der Abgeordnete Dr. Menger mit dem Fürsten Liechtenstein hatte, kritisirte Dr. Menger sehr scharf das verhetzende Treiben der Antisemiten, wodurch Wiens Handel und Gedeihen schwer zu leiden habe; wenn die Kaufleute besorgen müssen, daß sie, wenn sie nach Wien kommen, den Folgen dieser Agitation in sehr peinlicher Weise ausgesetzt sind, so bleiben sie dieser Stadt eben fern. In der That macht sich dies auf allen Gebieten des Verkehrs bereits in unangenehmster Weise fühlbar. — Der Leiter des Ministeriums für Kultus und Unterricht hat erledigte Lehrstellen an Staatsmittelschulen verliehen den Professoren und Lehrern: Prof. Leopold Jsak eine Stelle an der Realschule in Elbogen, Prof. Siegmund Feitler für die Realschule in Leitmeritz, Dr. Jakob Simon für das Gymnasium in Eger, Dr. Max Singer für die Realschule in Elbogen, und zu provisorischen Lehrern an Staatsmittelschulen ernannt den Supplenten Dr. Samuel Spitzer u. A. m. — Zu kommerziellen Beiräthen wurden ernannt: die Herren Ludwig Baron v. Oppenheimer, Moritz Edler v. Kuffner, Fabrikant David Fanto, Verwaltungsrath Moritz Latzko, Fabrikbesitzer Redlich, Reichsraths- und Landtagsabgeordneter Dr. Moritz Rosen stock u. v. A. — Ein Zeichen der Zeit. Vor einem Wiener Bezirksgericht gelangten an einem Vormittag dieser Woche nicht weniger als acht Ehrenbeleid igung sklagen zur Verhandlung, denen antisemitische Schimpfereien zu Grunde lagen. Unter den acht Klägern, welche mit antisemitischen Verbalinjurien traktirt wurden, befand sich auch ein Arierreinsten Wassers, der wegen des Wortes S.d, welches ihm von einem Studenten zugerufen wurde, klagbar austrat. Nttßlnnd. 0 St. Petersburg, 17. Juli. Die Warschauer Wochenschrift „Jzraelita" hatte sich dahin ausgesprochen, daß es an der Zeit wäre, die alten jüdischen Religionsbücher, deren Sprache auch der wissenschaftlichen Welt wenig vertraut wäre, durch die Uebersetzung in eine der modernen Kultursprachen der gebildeten Welt zugänglich zu machen. Die Forderungen der deutschen Antisemiten nach einer Uebersetzung des Talmud, Schulchan-Aruch u. s. w. entstammten natürlich nicht dem Ilauterer Ihoffnw I finden lauer de Isolche i I„Pomp I^raditi I ^cift , lDie Uel Ir.iir nü m$it, t Spezia I vürde 1s chrun Grast I eberfi ,uben U'x P hrasl I > t f)ab II öglicl . hrten ISväftci 1 l ichter 1 i aben i »rer l! ahme nid) b i iesen 1ereits Meters t .;niten u erb aben. -taalür Ä lattfu aiter! eende igiom ^etrcu uff gi "arthe Haben roße aüdin raun tt'UNI Lalt. löher« oalm lnd ' "geg es T nspr eit d 'iorn 'alm as i ie di as S ncher Wisse 5d)ul en 2 Büchk logifi des v