Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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59. r-chr-M,. »tr. 30. JßtV tUf tttbf ^Otf* «erliit, 20. Mi 1895. /Merlage gur „Akkgemernen Zeitung öes IuöentHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. mf. Berlin, 21. Juli. Der hiesige akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratur steht jetzt im 25. Semester und reröffentlicht eine Darstellung seiner Thätigkeit in den letzten zwei fahren, die sich in Form, Inhalt und Ausstattung ganz an die bei i-nibeni akademischen Vereinen üblichen „Semesterberichte" anschließt. Am!8. Februar hat der Verein sein zwölftes Stiftungsfest gefeiert, das sich cines reichen Besuches von Seiten alter Herren und der Studentenschaft erfreute. Von allgemeinen Veranstaltungen der Studentenschaft betheiligte sch der Verein am 1 März 1895 an dem akademischen Bismarckkommers - urch Entsendung zweier Chargirter, 'denen sich mehrere Aktive anschlossen. Der Verein geht indeß nicht lediglich in burschikosem Leben uf, sondern sieht seine Hauptaufgabe in der „parteilosen, objektiven Forschung und wissenschaftlichen Arbeit" auf dem Gebiet der jüdischen beschichte und Litteratur. In den letzten vier Semestern wurden im Ganzen 57 Sitzungen abgehalten, darunter 36 mit einem wissenschaftlichen Theil. In Verfolgung seines Strebens, mit namhaften Gelehrten ars dem Gebiet der jüdischen Litteratur in nähere Beziehung zu treten, >mannte der Verein die Herren Professor Dr. Martin Philipp so n und Dt. Joel Müller zu Ehrenmitgliedern Die Aufsichtsbehörde, die Universität, versagte Anfangs die Bestätigung; nachdem aber der Minister auf die Beschwerde eines andern Vereins in einer ähnlichen Angelegenheit sich zu dessen Gunsten entschieden hatte, wiederholte der Verein für irdische Geschichte seinen Antrag, und dieses Mal wurde die Bestätigung acht versagt. Außer Herrn Prof. Philippson, der im letzten Winteremester über das Thema: „Ein jüdischer Leibarzt der Königin Elisabeth and Shakespeares Kaufmann von Venedig" sprach, wurden im Berichtsabschnitt von alten Herren noch folgende Vorträge gehalten, von Herrn Rabbiner Dr. Rosenzweig über „die Juden in Alexandria mit besonderer Berücksichtigung von Philo", von Herrn Rechtsanwalt Lewinsky über .Ehehindernisse des jüdischen Rechts mit Bezug auf das Reichscivileheaesetz", von Herrn Journalist Silbermann über „die soziale und wirthchaftliche Stellung der Juden unter Friedrich Wilhelm I., und von oerrn Dr. Stadtsinger über „der Kampf ums Recht in der Bibel". Bon Vereinsmitgliedern seien aus den letzten Semestern erwähnt die Vorträge der Herren stud. phil. Lucas über „Urkundliches Material für üe Geschichte der Juden zur Zeit der Kreuzzüge", eanä. med. Edel aber „Moses und sein Sohn David in Reuter's Stromtid", stud. phil. Zachs über „die Töchter Moses Mendelssohns", und 8tud. med. Jsenberg aber „Geschichte der Juden vom Jahre 70—118". Neben den Vorigen ist die Fortbildung der Mitglieder hauptsächlich von der Bibliohek abhängig, die zur Zeit aus 308 Werken in 346 Bänden besteht, jrößtentheils eine hochherzige Zuwendung aus dem Nachlaß eines kultusbeamten. Der Verein richtet an seine Freunde die Bitte, ihn möglichst durck Zuwendung von Büchern bei der Vervollständigung der Bibliothek zu unterstützen. Die Sitzungen finden an jedem Dienstag im Bereinslokal, Linienstraße 96, statt. Berlin, 24. Juli. Auf dem Auswandererbahnhof Ruhleben bei Spandau herrschte in den letzten Jahren ein recht schwacher Berkehr. Nicht allein aus den östlichen preußischen Provinzen, sondern auch aus Rußland, Ungarn, Galizien und Böhmen kamen nur wenig jüdische Auswanderer. Dies hat sich seit einigen Wochen geändert. Die Zahl der Reisenden, die über Ruhleben nach Hamburg oder Bremen reisen, um von dort weiter befördert zu werden, beträgt jetzt täglich mehrere Hundert und hat sich gegen die Zeit vorher wesentlich vermehrt. Russen und Böhmen bilden jetzt den weitaus größten Theil der Auswanderer, darunter nicht wenige Juden, die, in ihren Hoffnungen aus das Kommen besserer Tage für die armen russischen Juden bisher enttäuscht, sich nun in der Ferne ein neues Vaterland suchen müssen. J. B. Tilsit, 21. Juli. Vor Kurzem verabschiedete sich von uns Herr Lehrer und Kantor Jakob Bähr, um dem Rufe der jüdischen Gemeinde zu Birnbaum, die ihm ihre Prediger-und Lehrerstelle übertragen, zu folgen. Dieser tüchtige Beamte, der den Lesern dieser Blätter durch sein mannhaftes Eintreten für den Kultusbeamtenstand vortheilhaft bekannt ist, hat es in der kurzen Zeit seiner hiesigen Wirksamkeit durch seine Pflichttreue und Sachkenntniß verstanden, sich unsere Verehrung zu erwerben, so daß sein Scheiden aus unserer Mitte bedauert wird. Aus diesem Grunde nahm am letzten Sabbath unser verehrter Rabbiner Dr. Ehrlich Veranlassung, von der Kanzel herab dem scheidenden Beamten seine Anerkennung und seinen Dank zum Ausdruck zu bringen, in den sicher unsere ganze Gemeinde mit den besten Wünschen einstimmen wird. Lp. Ostrowo, im Juli. Im April 1897 kehrt der 100. Geburtstag des bekannten, 1883 zu Posen verstorbenen Predigers Salomon Pleßner wieder. Herr Rabbiner Dr. Elias Pleßner Hierselbst ist jetzt bereits an der Arbeit, als Sohn des Verewigten zu diesem denkwürdigen Tage Verschiedenes aus dem überreichen litterarischen Nachlasse seines Vaters erscheinen zu lassen Unter Anderm soll die Uebersetzung und Kommentar des Propheten Nahum, den Pleßner im Jahre 1859 in seinen „Psalmen-Uebersetzungen" als Beitrag zu Psalm 18 lieferte, veröffentlicht werden. Außerdem eine Fülle von Anmerkungen zu dem Buche Sirach, zur Mischna, zu den Agadas beider Talmuden, den Midraschim: „Rabba", „Schochar Tob" und „Jalkut". Die „Pirke de Rabbi Elieser", zur „Mechilta", zum Sifra, „Sifri" und zur „Pesikta". Herr Dr. Hartwig Hirschfelo, Professor am Montefiore- College zu Ramsgate, als Enkel Pleßners, liefert die Biographie des Verklärten, so daß dem Leser von und über Salomon Pleßner Hochinteressantes und Lehrreiches geboten werden wird Lp. Aus der Provinz Posen, im Juli. Mitte dieses Monats beging der frühere Kaufmann, jetzige Rentier Pinkus Wehlau in Fraustadt die Feier des 50jährigen Bürgerjubiläums. Der im 76. Lebens" jahre stehende Jubilar errichtete am 12. Juli 1845 daselbst ein Modewaarengeschäft, welches noch heute von seinem Sohne in größerm Umfange betrieben wird. Aus Anlaß des Jubeltages wurden ihm von Freunden und Bekannten zahlreiche Glückwünsä)e dargebracht. Der Magistrat und das Büreau des Stadtverordnetenkollegiums überbrachte die Glückwünsche der Stadt. — Dem Stadtverordneten Ignatz Rogowski, einem Glaubensgenossen in Gnesen, ist in Anerkennung seiner Verdienste um jene Stadt jüngst der Rothe Adlerorden vierter Klasse verliehen worden. — Kürzlich ist eine jüdische Auswandererin aus Rußland, die in ärmlichen Verhältnissen sich befand, auf ihrer Durchreise durch Ostrowo von einem Knaben entbunden. In ihrer bedrängten Lage nahm sich Frau Rabbiner Dr. Pleßner hier ihrer an, richtete in ihrem Hause das Beschneidungsfest aus und sorgte dafür, daß bei dieser Gelegenheit auch noch ein Sümmchen für das fernere Fortkommen der Mutter und des Kindes gesammelt wurde. Gewiß ein Beweis für wahre Nächstenliebe. — Dem langjährigen verdienstvollen Vorsteher der Synagogengemeinde zu Neustadt, Herrn Simon, wurde aus Anlaß seines 70. (&ebuvt§* tages am 13. Juli er. ein werthvoller silberner Becher von dem Vorstande der israelitischen Gemeinde feierlichst überreicht. a. Breslau, 22. Juli. Wie wir soeben vernehmen, ist die durch den Tod des unvergeßlichen David Rosin schon seit fast einem Jahre erledigte Dozentenstelle am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar Herrn Dr. S. Horo witz, Rabbiner in Bielitz, verliehen worden. Dr. Horowitz, von Geburt Russe, ist selbst ein Zögling des Seminars. Seine talmudischen Studien hat er in Kowno unter dem berühmten R. I. E. Spector gemacht. Man bezeichnet diese Wahl allgemein als eine gute, da Dr. Horowitz ein tüchtig talmudisch wie allgemein gelehrter Forscher und ein begabter Pädagoge sein soll. Im Uebrigen haben wir bei der Suche nach einem Ersatz für den sel. Rosin wohl eingesehen, wie berechtigt die Klage an der Bahre um den Unersetzlichen war.