Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
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360 waren sie damals ein kriegerisches, kampfgeübtes, wehrhaftes Väk, das wenig Umstände machte mit den heidnischen, raublustigen Nachbarn und sie häufig zu Paaren trieb. ..." „Wenn es nicht gerade umgekehrt der Fall war," spottete Kurt halblaut. Der Redner streifte ihn mit einem.flüchtigen Blick, fuhr aber unbeirrt fort: „Der Talmud, bekanntlich ihr heiligstes Buch, ist eine mustergiltige Sammlung aller Lebensweisheit. . . ." „Schade nur, daß die heutige Generatioir so wenig davon profilirt hat," kommentirte Kurt wieder. Ani Nebentisch mußte man ihn verstanden haben, nahm aber nicht Notiz davon. „Die Psalmen, die doch wohl Jeder kennt, gebe» ein vollkommencs Bilv der damaligen orientalischen Dichtungsweise," sprach der Italiener weiter; „doch sind noch andere Dichtungen erhalten, meistens ernsten Inhaltes, und durch die Klagen der Juden um das verlorene Zion tönt eine tieftraurige, oft wilde Poesie. . . ." „Nichts zu handeln, nichts zu handeln? Schacherei ist Schacherei . . pfiff Kurt deutlich vernehmbar den Refrain eines damals neuen, überall bekannten Couplets. „Aber Pinnowitz!" mahnte Wolkner, da ihm die Sache zu weit getrieben wurde, obschon er wußte, daß Kurt durch Widerspruch nur noch mehr gestachelt zu werden pflegte. Am Nebentisch begann man, mißbilligend herüber zu sehe». Nur der Italiener allein gönnte dem Störer keinen Blick. „Ich denke, der Mensch stndirt Medizin?" wandte Kurt sich an seinen Tischnachbar. „Wie kommt er hier zu solchem Vortrag?" „Last' ihn," wehrte Wolkner ihm unmnthig. „es ist doch nicht für uns bestimmt. Du brauchst ja nicht hinzuhöre»." Allein Kurt war schon zu sehr seiner Schwäche verfallen, Reibereien herbeizuführen. Er drehte seinen Stuhl noch mehr hcruui und setzte sich unverkennbar in Position, gegebenen Falles sich an der Unterhaltung zu betheiligen. Peinlich berührt, zog Wolkner sich von Kurt zurück. Er kannte ihn zu genau, um nicht zu wissen, daß jetzt jede Einrede die Sache nur verschlimmern würde, und tvollte zugleich andcuten, daß er nnbetheiligt sei. Der Italiener sprach ruhig weiter, während sein kleiner Kreis aufmerksam lauschte. Er schien sich eingehend mit diesem Thema beschäftigt zu haben; seine Stimme klang voll und weich, und sein Anfangs bleiches Gesicht hatte sich leicht geröthet. „Der vierzig Jahre dauernde Zug durch die Wüste giebt das interessanteste Bild vom damaligen Nomadenleben. . ." „Durch die Wüste der Sahara zog der Nathan mit der Sarah," summte Kurt deutlich vernehmbar, „er hansirt mit Hosenfutter, sie war seine Schwiegermutter." Ueber einige der jugendlichen Gesichter flog ein verstohlenes Lächeln, andere schleuderten zornige Blicke auf Pinnowitz, nur der Italiener schien nicht hören zu wollen. „Der Mensch hat eine großartige Selbstbeherrschung," flüsterte Wolkner einem neben ihm Sitzenden zu, „Pinnowitz spielt keine schöne Rolle dabei." Dieser war fertig mit seiner Strophe und schunkelte nachlässig auf seinem Stuhl. Nom Nebenlisch tönte es in der lautlosen Stille deutlich herüber : „So kriegerisch das jüdische Volk sich damals bewies. . ." „So feige ist es heut," kommentirte Kurt absichtlich lauter als zuvor. Das konnte nicht mehr überhört werden. Der Sprecher wandte sich leicht um, daß es aussah, als schaute er Kurt von oben herab über die Achsel an. „Wiinschen Sie vielleicht einen Vortrag darüber zu halten?" fragte er mit ironischer Höflichkeit. „Wenn die Herren einverstanden sind, ich trete zurück!" Kurt wurde duuk^elroth. Ueberlegeneu Spott konnte er am aller, wenigsten ertragen. Zudem glaubte er in allen' Gesichtern Schaden freude zu lesen. Er erhob sich hastig. „Ich weiß nicht, wie Sie dazu kommen, hier das Lob der Judezu singen," sagte er in seinem hochmüthigsten Ton, „in meinen Augen sind sie alle ein feiges, charakterloses, betrügerisches Gesindel! Die Augen des Italieners schossen plötzlich Flammen. Er tro: dicht vor Kurt hin. „Alle?" fragte er scharf. Bereits hatte sich ein größerer Kreis um die Beiden gebilde, und die Blicke ruhten theils gespannt, theils mit Besorgniß ans ihnen Einige gönnten dem „großthuerischen Landjunker" eine heilsame Lehrandere hofften ans einen gründlichen Skandal. (Forts, folgt.- Me Zionsklage von Iehuda Katern. Deutsch von Seligmann Heller') Zion, bietest du denn keinen Gruß Den Kindern dein, die nah und fern dich grüßen? Gebannt auf fremder Scholle weilt ihr Fuß. O nimm den Gruß von mir, den thränensüßen. Ach, stund' ich schon, im Blick der Thräne Thau, Auf deinen Bergen, läge dir zu Füßen! Wie seufzt mein Herz nach deines Aethers Blau, Der offen zeigt des Himmels goldne Pforten, Nach deines Landes Paradiesesau! O, trügen Flügel mich zu jenen Orten, Beglückt von der Propheten Lichtgestalt, Der Seele tiefsten Frieden fänd' ich dorten! O, Leben ist die Luft, die dich umwallt! Es birgt dein edler Staub Gewürzesdüfte, Und Honig deines Wunderstroms Gehalt! Barfuß durchzög' ich Berg und Wald und Klüfte, Zu weinen auf den Trümmern deiner Pracht, Zu schau'n der Seher Grab, der Väter Grüfte, Wo sichtbar, leuchtend thronte Gottes Macht, Wo unter der Leviten Chorgesängen Hell ward der Opferflamme Brand entfacht. Hier lauschte Davids frohen Harfenklängen Das Volk entzückt — o still, du mehrst, mein Lied, Die Thränen, die sich aus den Augen drängen! Das Auge weint, wenn es den Löwen steht Geschleift von niedern, jämmerlichen Hunden, Beweint, ach, dein geheiligtes Gebiet! Bon Kaabaknechten liegt es überwunden. Von Kreuzesknechten — kann in tiefem Gram Mir noch der Trank, die Speise munden? Und weinen muß ich, bis die Stunde kam, Wo Gott dir wieder leiht die goldnen Schwingen, Den Glanz dir wiedergiebt, den er dir nahm. Dann soll mein Herz wie Davids Harfe klingen. Dann soll mein Liederkranz dein duftig Haar Im Aufstrahl deines Morgenroths umschlingen! l) Wie unsere Leser sich noch erinnern werden, haben wir im Jahrgang 1890 (Nr. 28) eine Uebersetzung der weltberühmten Zionsklage Jehudc Halevi's von S. Heller, dem Dichter der echten hebräichen Melodien gebracht. Dem Poeten, der sich in seiner Uebersetzerarbeit nie genug Ihm konnte, mag diese Uebertragung vielleicht noch immer nicht dem Originavöllig entsprochen haben, und so versuchte er es noch einmal auf ander-' Weise, demselben nahe zu kommen. Die obige Uebertragung des Liedes hat sich im Nachlasse Hellers gesunden. Die Red. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.