Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 359 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch war allerdings keine unmittelbare Gefahr und somit kein Grund, die Uebersiedeliing in die Hauptstadt zu beschleunigen, zumal im Stadthanse eine Schaar von Handwerkern beschäftigt war; Überdies begann die Zeit der großen Jagden, für welche mein Vetter eine leidenschaftliche Vorliebe besaß. Trotzdem konnten wir Alle uns eines gewissen Unbehagens nicht erwehren bei dem Gedanken, was zu thun sei, wenn diese heimtückische Krankheit auch die Schwelle unseres Schlosses überschreiten sollte. Den» unser Arzt in der Residenz war augenblicklich ans einer Erholungs- und Studienreise abwesend, und die Nahe von Herrenstein bot unter den bekannten Umständen mir einen höchst schwächlichen Trost. In den Kreisstädten gab es zwar noch Aerzte, doch wußten wir nichts von ihnen. Der Spätsommer verging unter steter Abwechslung wie in jedem Jahr. Mein Vetter war viel abwesend, um Jagden mitzumachen. Zu einigen befreundeten Familien begleiteten wir ihn, doch häufig zog Adele vor, zu Hanse zu bleiben, um den kleinen Hans Ulrich, den man nicht immer mitnehmen konnte, nicht allein zu lassen. Eines Tages — Kurt war für kurze Zeit verreist — saßen, meine Cousine und ich ans der Gartenterrasse: der Knabe tummelte sich, unter Obhut der Bonne, im Freie», wie immer ein Bild blühenden Lebens. Im Lauf der Unterhaltung hatten wir auch darüber gesprochen, was zu beginnen sein würde, wenn bei uns ein Krankheitsfall Vorkommen würde, so lange der Professor »och im Süden weilte. „Schade, daß der neue Arzt in Herrenstein ein Jude ist," sagte Adele. „Man hört überall von seiner Geschicklichkeit, und vor Allein wird seine Gewissenhaftigkeit gerühmt, gleichviel wer seine Patienten sind." „Er soll neulich das einzige Kind eines Erbbauern noch in der letzten Stunde gerettet haben," berichtete ich iin», „ganz allein, mitten in der Nacht, ohne jeglichen Beistand hat er die schwierige Operation gemacht, und den verzweifelnden Eltern den Sohn und Erben erhalten." „Welche Operation? Was fehlte dem Kinde?" „Diphtheritis." „Also den Lnftröhrenschnitt," sagte Adele zusammenschanernd, „allerdings ein kühnes Unternehmen! Nicht Jeder würde sein Kind dazu hergeben! Wenn es nun mißglückt wäre?" „Das sehe ich nicht ein. Das Kind war ohnehin verloren; cs soll nur noch schrecklich geröchelt haben. Im schlimmsten Falle hätte es doch ein weniger qualvolles Ende gehabt." „Gott behüte jede' Mutter davor, einer solchen Frage gegenüber gestellt zu werden," sagte Adele mit gepreßter Stimme und ihr örtlicher Blick suchte fast angstvoll den spielenden Knaben. Um sie von diesem Thema abznlenkcn, fragte ich ziemlich unvermittelt: „Sag nur, warum hat Dein Man» solchen Haß ans Alles, was Jude heißt? Es sind doch auch Menschen wie wir Alle." „Ich konnte ihn anfangs auch nicht verstehen," cntgegnete Adele, sichtlich bereit, das andere Thema fallen zu lassen. „Indessen was ich heute weiß, macht mir die Sache bei Kurts Temperament begreiflicher. Ich fürchte nämlich," setzte sie leiser hinzu, „Kurt fühlt selbst, daß er damals nicht richtig gehandelt hat, und das macht ihn leider um so verbiflener." Sie seufzte und blickte trübe vor sich hin. „Er ist doch sonst ein so guter Mensch," warf ich ein, „wie mag mir Alles gekommen sein? Erzähle doch." „Erzählen kann ich es Dir nicht. Kurt darf auch nie erfahren, daß Du davon weißt; aber ich werde Dir ein paar Briefe anvertranen ans jener Zeit, die vollkommenen Ausschluß gebe»." Da wir wie Geschwister zu einander waren, nahm ich keinen Anstand, die Briefe zu lesen, und erzähle mm im Zusammenhang. Als Kurt noch in X. stndirte, hatte er sich mit ganzer Seele dem lustigen Stndenlenlreiben in die Arme geworfen. Seine Jugend war ziemlich einförmig auf dem väterlichen Gut verflossen, und so nahm ihn das neue anregende Leben bald völlig hi». Er trieb neben seinem Studium alle möglichen Leibesübungen weiter und ward bald Meister im Stoßen und Fechten, wie er ei» solcher schon im Schießen, Reiten und allen ritterlichen Künsten gewesen war. Vielleicht führte er die Gelegenheiten oft absichtlich herbei, um seine Geschicklichkeit zu übe», jedenfalls hatte er Händel über Händel, in denen er zumeist Sieger blieb. Eines Abends fand ein großer Kommers statt. Die Gemüther fingen bald an sich zu erhitzen, und Kurt war auf dem beste» Wege, sich ein paar ernsthafte Mensuren anznschaffeii. Er hatte, wie fast Alle, ziemlich viel Bier getrunken; mehr an Wein als an Bier gewöhnt, vertrug er letzteres nur schlecht, und von da zu größerer Erregung war immer nicht weit. Seine Freunde, die ihn kannten, schonten diese Schwäche, weil er im klebrigen der beste, umgängliche Mensch war, dessen reich gefüllte Börse stets für seine Freunde offen stand. Kurls Reibereien fanden deshalb meistens mit fremden Studenten statt. An diesem Abend waren eine ganze Anzahl ihm fremder Gesichter zugegen, und eine Reihe neuer Namen waren ihm bereits genannt. Nicht weit von Kurt, an einem kleineren Tisch saß unter Andern ein junger Mann, dessen ruhig vornehmes Wesen bereits angenehm ausgefallen war, ebenso wie seine eigenartige südliche Schönheit. „Wer ist den» der?" fragte Kurt seinen Nachbar, einen Herrn von Wolkner, von dem die mir anvertranten Briefe herrnhrtc». „Kennt Ihr Euch noch nicht?" fragte der Letztere. „Er ist erst seit Kurzem hier, ein Italiener, glaube ich; er spricht übrigens perfekt Deutsch." „Ein Italiener? Was stndirt er denn?" „Medizin und noch Allerlei daneben. Ein talentvoller, schneidiger Bursch, ungemein begabt, besonders für Musik, und dabei geistvoll und schlagfertig wie selten Einer. Hör' nur!" Nebenan ertönte wieder eine donnernde Lachsalve ans eine Bemerkung des Italieners. „Du machst ja ein wahres Weltwunder ans ihm," spottete Kurt. „Dem muß man gelegentlich mal ans den Zahn fühlen." „Dann nimm Dich in Acht, Hüne, das; er nicht znbeißt," mischte sich ein Anderer ins Gespräch. „In Acht nehmen?" fragte Kurt schon etwas gereizt. „Nun ja, er ficht nicht nur mit Worten, sondern mit Floret und Rappier." „Ein Grund mehr, sich das Bürschchen näher anznsehen," sagte Kurt nachlässig, der ans seine Gewandtheit im Fechten etwas eifersüchtig war, drehte sich halb ans seinem Stuhl um und begann den Italiener zu fixiren. Dieser »ahm nicht die geringste Notiz von ihm. Die Unterhaltung an seinem Tisch schien besonders angeregt und fesselnd, auch wurde sehr wenig getrunken. Man sprach vom Orient, der dem Italiener ans eigener Anschauung bekannt schien, von den südlichen alten und neuer» Völkern und ihrer Litteratnr. Das Thema wurde in ruhiger, sachlicher Weise erörtert; durch eine Zwischenfrage wurde es direkt ans die Juden gelenkt. Nach einigem Hin- und Herredcn sagte der Italiener iu seinem dialektfreie» Deutsch: „Die Inden waren, wie aus dem alten Testament schon genügend erhellt, ein hochbegabtes, intelligentes Volk, doch vor Allem