Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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358 eigenen Heranwachsenden Kindern gegenüber scheuen muß, seinen Namen ansznsprechcn. Endlich aber verdient eine zeitweilige Namensänderung der Lesondern Erwähnung, näinlich diejenige, welche bei Vornamen von Dienstboten angewendet zu werde» Pflegt, die entweder ebenso wie ein Mitglied der Familie oder ein anderer Dicnstbvte desselben Haushalts heißen, oder deren Vorname einen gewisse» pathetischen oder hochtrabenden Klang haben (z. B. Anastasia, Anette, Phili-ne und dergleichen). (Schluß folgt) e-1 1 — 1 1 il FEUILLETON I 3 m mm. S8!iiWBii^i:itWB^uliiäWMI^IÜIiM(iiWli1IIB(lli(illiillilj|[lEIIWII!ll!iNlllPIMWaHBIHigft^ -^- 1 I-1 itmßEMUSßillWjkilrNlII&Ü Der Indendoktor von Herrenstern. Von M. v. Schlägel. /^|<jVerrciiftein spielt keine Rolle in der Weltgeschichte. Es liegt da, wo dem Volksmund noch, Hosen und Fuchse einander „gute Nacht" sagen, mitten in einer gelbsandigen Heide, auf welcher sich hier uub da eine Anzahl windverbogener Kiefern znsammengethan haben, um mit vereinten Kräften einen Wald zu bilden. Einige winzige Birken leihen ihnen dazu ihren Beistand. Tie Stadt selbst ist eine Landstadt nach dem bekannten langweiligen Zuschnitt; ihre zweitausend Einwohner zeichnen sich weder durch Tracht noch Sprache vor andern Landstädten ans; sie bewohnen eine Anzahl größerer neuer lind kleinerer alter Häuser, die selten den Schmuck von Gärtchen aufzuweisen haben, und selbst um die ältesten schwebt nichts von jenem undesinirbaren ehrfurchtgebietenden Etwas, das sich doch sonst so gern an das Alte heftet. Kurz, Herrenstein ist so unmalerisch, so nüchtern, so unglaublich uninteressant, das; ich gewiß nicht davon reden würde, wenn sich nicht die Erinnerung an ein Erlebnis; daran knüpfte, das 311 den merkwürdigsten meines Lebens gehört. Meine Eltern waren früh gestorben; ich wuchs auf in der Fanulie meines Oheims, dessen Kinder ich als Geschwister betrachtete. Meine älteste Cousine heirathete, kaum erwachsen, den Majoratsherrn von Herrenstein, dessen weitläufige Besitzungen das Städtchen gleichen Namens fast ganz umgeben. Die sämnltlichen Dörfer waren dorthin eingepfarrt; denn Herrenstein besaß eine evangelische Kirche mit eitlem Prediger und eine katholische mit einem Dekan. Außerdem befand sich dort eine Synagoge für die kleine wohlhabende jüdische Gemeinde, welche fast den ganzen Handel des Städtchens in den Händen hatte. Alle drei Konfessionen lebten einträchtig nebelt einander; die Wogen des eben beginnenden Kultur- und Rassenkampfes hörte man damals dort kaunt als schwaches fernes Ranschelt. Die Dörfler holtet! ihren ganzen Bedarf ans der Stadt, deren Wochenmärkte sie regeltnäßig besuchten und beschickten. Die Bedürfnisse unseres Schlosses hingegen wurden direkt ans der Hauptstadt bezogen. Auch für Krankheitsfälle in der Fatuilie stand uns ein dortiger Professor zur Verfügung, obschon ich tnich nicht erinnere, daß dies nöthig geworden wäre. In Herrenstein war allerdings seit langen Jahren ein Arzt ansässig, der überdies im Ruf großer Geschicklichkeit stand. Weil der alte Herr demgemäß eine sehr große Praxis besaß, wäre es indeß fast sicherer gewesen, den Professor kontlnen zu lassen, als, zntnal bei schlechten Wegell, das Geführt nach Herrenstein zu senden, wo es möglicher Weise viele Stunden lang warten mußte. Die Stadt Herrenstein lag nämlich an der Bahn zwischen zwei größeren Kreisstädten, die im Nothfall auch einen Extrazug stellen konnten. Im Sonlnter wohnten weilte Verwandten auf ihrem nach alle 1 Anforderungen der Neuzeit eingerichteten Schlosse; für den Winter siedelten sie nach der Residenz über, wohin ich ebenfalls für einig Monate geführt wurde. Die übrige Zeit des Jahres lebten wir theils bei dem Oheint auf se'utem Gute, theils abwechselnd auf ver schiedenen andern Gütern im lebhaften Verkehr mit befmmbeteu Nachbarn, und Nachbar heißt auf dem Lande Jeder, der mit einen Gespann guter Pferde irgend zu erreichet! ist. Mit Herrenstein standen wir in keinerlei Beziehungelt; nur da-', wir es häufig dtlrchfahren tnußten, um an den Bahnhof zu gelangen. Ich erinnere mich noch, welch' harntloses Vergnügen es mir in gan, jungen Jahrelt gewährte, in uteines Vetters eleganter offener Eqnipag mit einem Viererzug von Juckern in Geschirren von naturfarbenen Leder — damals etwas ganz Neues — durch die krummen holprigen Gaßchen zu fahren, iunner aufs Neue angestannt von der Bevölkerung die doch an diesen Anblick längst hätte gewöhnt sein müssen. Nantentlich die Kinder konnten sich nicht satt an ltns sehen, min Herrenstein war reich mit Kindern gesegnet. Vorzüglich in einen! Gaßchen gab es deren eine große Anzahl, die mit ihren schwarzen Augen unter den krausen, dunklen Haaren dem Kenner sofort ihn Abstammung verriethen. Das Jndengüßchen war mir daher bc unsern Fahrten weitaus der interessanteste Theit von Herrensteii und der rothe, niedrige Backsteinbau am Ende der Gasse, die Synagoge, schien mir mit einem geheimnißvollen Schimmer utngebeu - eine ganz natürliche Folge der Erzählungen von den wunderbare! Gebräuchen, welche detn jüdischen Ritus eigenthümlich sind. Alul war ich in der Hauptstadt doch nicht ganz unbeeitlflußt geblieber von jener Strömung, welche sich heute Antisemitistnus nennt, tun die schon damals hin und wieder wunderliche Blasen lvarf. Allen ich war ttoch zu jung und stano alledem im Ganzen zu fern, tut tiefer darüber zu grübeln. Mein Vetter in Herrenstein gab sich aller dings als geschworener Feind der Semiten, doch als wohlerzogene Mann verntied er in Gegenlvart von Datnen über solche und ähn liche Dinge zu reden. Dafür wurden die Debatten, besonders ttad Diners, wenn die Datnen sich zurückgezogen hatten, oft äußer! lebhaft und arteten nicht selten in Streitigkeiten unter der. Herren aus. Ich erinnere tnich ttoch mit seltener Deutlichkeit an den Ausdrm von verbissenetn Jugrilunt, den das sonst so wohlwollende edj. germanische Gesicht uteines Vetters plötzlich attnahm, als bei eine kleiltetl Abendgesellschaft bei uns int Schloß ein Nachbar erzählte der alte Doktor Schnitzler werde demnächst einen Kotlkurrenten be kotulnell, beim es werde sich ein zweiter Arzt in Herrenstein nieder lassen, eine Thatsache, die an sich sehr wünschenswerth sei, wem nicht — ltorribile die tu — der neue Arzt ein Jude wäre. Meu Vetter vergaß sich sogar, ztun Schrecken seiner Frau, soweit, einige ziemlich unparlantentarische Redensarten heratlszustoßen, intb t\ kostete ihn sichtlich große Ueberwindung, sich wieder zur Ruhe zt zwingen. Adele sagte mir später, es gäbe ein Ereigniß int Lebet ihres Mannes, von detn er niemals spräche, das ihn noch in seine! Studentenzeit zu einem unversöhnlichen Gegner der Juden gemach habe. Was für ein Ereigniß das gewesen sei, wollte oder foitut Adele mir nicht saget!. Weil mir jedoch, wie bemerkt, auf ärztliche! Beistand aus Herrenstein nicht zählten, so ward des neuen Arztes der inzwischen eingetroffen war, nicht weiter gedacht. Meine Verwandtett besaßen nur ein einziges Kind, einer reizenden, geweckten Knaben, der Abgott seiner Eltern, jedoch ein Atlgstkiud in jeder Beziehung, zumal das Majorat nun auf nur vier