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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-26 · Heft 30 (26.7.1895) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 30 (26.7.1895)
Date
1895-07-26
Page
Seite 355 (sequence 7)
Language
German
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355 hervorragender Persönlichkeiten finden sich jedoch sehr wenig, aus dem einfachen Grunde, weil noch heutzutage fast jeder nur theilweise bemittelte Mann, wenn er das 60. Lebensjahr erreicht hat,, mit seimr Gattin, falls selbe noch ani Leben ist, nach Palästina wandert, um seine Tage in frommer Andacht zu beschließen und in geweihter Erde, im Lande der Patriarchen, seine Gebeine bestatten zu lassen. Der bekannte Reisende Prof. Adolf Strauß in Budapest schreibt in seinem Buche „Bosnien, Land und Leute", Wien 1882, Seite 281: „Auf dem jüdischen Friedhofe bestanden die Grabsteine aus nichts Anderm, als aus drei Steinstücken, ohne jedwede Schrift und Zeichen. Die Steine wurden einfach nächst der Landstraße aufgelescn und übereinandcrgelegt; dieselben aneinander zu befestigen, mit Eisen oder Holz, war streng verboten, und da die Mohamcdaner in den christlichen wie in den jüdische» Friedhöfen ihre Hausthiere weiden lassen konnten, wurden diese losen Steine bald derart zerstört, das; die einzelnen Familien schon nach Kurzem die Gräber ihrer Todten nicht zu erkennen vermochten. Das war die Ursache, daß in den alten bosnischen Juden, sobald sie ihren Tod herannahen suhlten, die heiße Sehnsucht entstand, über das weite Meer, in die Nähe der heiligen Gräber zu wandern und dort zu sterben." — Diese beschränkenden Umstände sind nunmehr in Bosnien und der Herzegowina nicht inehr vorhanden, und in Bulgarien bestanden sie seit mehr als 50 Jahren nicht mehr; nichtsdestoweniger sehen wir noch heute die altern Personen nach Palästina wandern und mit Vorliebe Jerusalem bewohnen. Es mag »n» hervorgehoben werden, daß, obwohl die überwiegcnde Majorität der israelitischen Bewohner Bulgariens wie des Orients überhaupt zu den Sefardim gezählt wird, und in der That Sillen und Bräuche mit ihnen gemeinschaftlich hat, das Hebräische mit ihnen in ganz gleicher Weise ausspricht, dieselben zu einem großen Theile nicht aus Spanien oder Portugal stammen, sondern schon vor Vertreibung der Juden aus diesen Ländern, also vor 1492 und 1196 im Orient und auch in Bulgarien gelebt und gute Aschkenasim gewesen sind, die erst mit der Zeit, und zwar zwangsweise sogenannte Spagnolen geworden sind, die allerdings heute ebenso heiße Bollblntspagnvlen sind wie die wirklichen Sefardim. Ein gewiß glaubwürdiger Zeuge, der Verfasser des Schulchan Aruch, Rabbi Josef Karo, schreibt in seinem Werke bm“) (welches Rechlsgutachte» enthält): „Zuerst kamen Sefardim und Aschkenasim »ach dem Orient, die Sefardim hatten die Majorität, und so mußten die Aschkenasim den Ritus der Sefardim annehmen." Das ist ein kurzer aber ein deutlicher Bescheid. Vollgiltige Beweise hierfür sind die Namen Madschar (= Magyar) und Tadscher, welch letzterer Name nichts anderes als die verdorbene Aussprache des Wortes Deutscher ist. Ueberhanpt sind fast sämmtliche Familien, die keine» charakteristischen spanischen Namen führen, nicht spanischen Ursprungs, sie müßten denn der Nachkommenschaft aus dem Stamm des Hohenpriesters Ahron oder aus dem Stamm Levi sich rühmen. Dann dürfte der Wegfall eines sonstigen epittreton ornans entschuldigt werden, obwohl spanischer Hidalgostolz sich schwerlich damit einverstanden erklären würde. Kehren tvir zu dem Alter der Friedhöfe ober mindestens zu dem ältesten jüdischen Friedhof zurück, so ist derselbe mindestens 500 Jahre alt. Die ältesten Grabsteine sind allerdings völlig unleserlich, da aber die Stadt Sofia, wie aus veröffentlichten Urkunden nachgewiesen wurde, schon im 14. Jahrhundert eine Gemeinde halte und es zu den ersten religiösen Bedürfnissen einer jüdischen Gemeinde gehört, einen Friedhof zu errichten, so ist kein Zweifel, daß ein solcher bereits im 14. Jahrhundert bestanden hat. Die Sitte, „Denksteine" m33Ctt dem Andenken der Verstorbenen zu setzen, war in dieser Zeit im Orient nicht verbreitet, hingegen haben die aus Spanien und Portugal konimenden Juden diese Sitte eingeführt und verallgemeinert; mit dem Unterschiede, daß, während bei den Aschkenasiem der Grabstein senkrecht gestellt wird, bei de» Sefardim die Steine horizontal (magerecht) gelegt werden. Es mag immerhin der Umstand maßgebend gewesen sein, daß sowohl in Spanien und Portugal, als auch im Orient das Vorhandensein wilder Thiere und auch habsüchtiger Menschen, die sich kein Gewissen daraus machen, Leichcnschänder und Leichenräuber;u sein, für die Gedenksteine entscheidend war. Nichtsdestoweniger finden sich bei hervorragenden Persönlichkeiten — sei es durch Fröinmigkeit, Gelehrsamkeit oder Reichthum — kuppelsörmige Grabsteine oder wie solche auf dem alten Prager Friedhöfe über dem Grabe Rabbi Mordochai Mcisels seligen Andenkens zu sehen sind, solche mit Inschriften mif mehreren Seiten. Da wir hier Böhmen, das ehenialige Mutterland wahrer Frömmigkeit und echter Gottesgelehrtheit, erwähnt haben, können wir nicht umhin, unser» Lesern mitzutheilen. daß sieh auf dem ältesten Friedhof in Sofia auch die sterblichen Reste einer Frau finden, die, durch ihren Familienadel und ihre Gelehrsamkeit hervorragend, die Stammmutter einer in Deutschland und Böhmen hochberühmten Rabbiner- und Gelehrtenfamilie ivnrde unb deren strenge Sittlichkeit von einem Glorienschein nmwoben ist. Im ersten Theile der bedeutenden Rechtsgntachten (TVfttftt? ITDlEm) des Rabbiners Jair Ehajjim, Bacharach,') Rabbiner in Worms, gedruckt in Frankfurt a. Main im Jahre, 1696 lesen wir in der Einleitung dieses Werks min >n Hebräischer Sprache Folgendes: Unter anderen Gründen habe ich auch diesen rituellen Entscheidungen den Namen „Chawtvoth jair" gegeben, damit es ein Andenken für meine verewigte Frau Großmutter, die Mutter meines Vaters, des Gaon Rabbi Schimschon — das Andenken des Gerechten ist zum Segen — sei; auch ist ihre Herzensgüte und ihr keuscher Sinn nicht zu schildern, denn im Alter von 30 Jahren tvard sie Wittwe, und ihres verstorbenen Mannes, des Rabbi Samuel wegen, wollte sie nicht mehr heirathen. Ja, ich hörte ans dem heiligen Munde meines Herrn Vaters, des gelehrten Rabbi Schimschon s. 31., daß der fromme Gaon, Rabbi Jesaja — das Andenken des Frommen ist ein Segen, — der Verfasser des Werkes JT"On mm1? TiP als er nach Palästina zog, sie ehelichen wollte, ineine Großmutter aber nicht einwilligte; und Rabbi Jesaja (Horwitz) gesagt habe: Meine Sünden haben es verschuldet, daß sie mir ihre Einwilligung, sie zu ehelichen, nicht gegeben. So lebte sie als Wittwe in Prag. Als jedoch die göttliche Lade, mein Herr Vater, der Gaon, im Jahre 5410 (1650) von Prag nach Worms als Rabbiner ging, zog sie mit ihn; dahin und blieb fast ein Jahr daselbst. Dann jedoch entschloß sie sich, nach Palästina zu gehen, aber dies gelang ihr nicht, denn auf dem Wege dahin starb sie in Sofia im Lande der Türkei; eine große Ehre erwies man ihr daselbst bei ihrem Tode, wie überhaupt überall, wohin sie kam." Wir Hütten also hier schon eine berühmte Persönlichkeit, die im Jahre 1652, also vor 241 Jahren, in Sofia begraben wurde; daß der alte Friedhof viel älter war, weil Sofia lange vorher hervorragende Rabbinen besaß, ersteht man ans folgender Stelle des Buches :rVHYlj? K*np: »Auch in dieser Zeit (im 17. Jahrhundert) lebte in der Stadt Sofia Rabbi Astruc?) Sohn des Sancho,3) ein 0 Ueber die Familie Bacharach (Bachrach) vgl. die Schrift von Professor D. Kaufmann (Trier 1894.) -) Astruc, auch Estruc und Struc, ist ein spanischer Name, der bei den heutigen Sefardim geschrieben wird. 3) Sancho, gleichfalls ein rein spanischer Name, der durch Cervantes Don Quixote unsterblich geworden u. zw. in Sancho Pansa. In einigen

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