Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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354 des Reis in Schlesien, für welchen sich der Jude Eli Levin eine Subvention „des dirigirenden Kriegs- und Etats-Ministers in Schlesien, wie auch Chef-Prüsidents Herrn von Hoyms Excellence" erbat. Sein Gesuch wurde jedoch abgeschlagen uitb damit sein Bestreben vereitelt; aber es bleibt doch zugleich für die Geschichte der Juden in Schlesien interessant, die nähere Miltheilung über dieses Vorkommnis; kennen zu lernen. Die betreffenden beiden Schriftstücke finden sich in MR. V, 54 f und lauten: Hochgebohrener Herr Sr. Koenigl. Maiestaet in Preußen Hochbestallter Dirigirender Etats und Kriegs Ministre in Schlesien wie auch Chef-Praesident Gnädigster und Höchstgebiethender Herr! Ueberzeugt, daß Ew. Excellenz einem ieden Gehör geben, der dem Lande, deßen Vater Sie sind, nur irgend nützlich seyn will, wage ich es, Hochdenenselben meine Gedanken untertänigst vorzulegen. Ich bin der Sohn eines der ehemaligen bei dem Münz Lieferanten in famulitis gestandenen Juden Rahmens Eli Levin aus Breslau gebürtig. Vor 19 Jahren ging ich von hier weg, um mich etwas zu versuchen und bin seit der zeit in England, Holland gewesen. Besonders aber habe ich mich in Amerika bei der Stadt Surinam aufgehalten, um daselbst den Neißbau vollkommen zu erlernen. Um die Meinigen doch noch einmal zu sehen, und von meiner ganzen Familie Nachricht zu haben, bin ich hierher gekommen, doch mit dem Vorsaz, bald wieder abzureisen. Jndeß wollen mich doch die Meinigen so gern hier behalten, und haben mir den Vorschlag den Reißbau hieselbst zu introduciren gethan. Run ist freilich daß noch Niemand hier Ortes gewesen seyn mag, der so genaue Kenntniß von dem Anbau dieser Frucht besitzen könnte als ich, und ich habe auch Gelegenheit, guten Saamen hierher zu bekommen. Es käme also lediglich auf einen Versuch an, ob der Reiß in der hiesigen etwas kälteren Gegend fortkommen würde. Dieser Versuch kann ohnmöglich viel Kosten. Gelingt es mir, und diese Frucht geräth; so hat das Land so wohl wegen des Reißes selbst als auch wegen des Arracks ungemeine Vortheile. Und in dieser Rücksicht darf ich es wagen, Ew. Excellenz unterthänigst zu bitten: ob Hochdieselben nicht die wenigen Kosten von ungefähr 300 Rth. zur Verschreibung des Saamens und zur Einräumung eines kleinen Stück Landes gnädigst aus irgend einer Kasse accordiren wollen. Der ich in tiefster Ehrfurcht ersterbe Breslau, Ew. Excellenz unterthänigster Eli Lev in den 5. April 1784. Im Blauen Rade auf der Reuschen Gasse. Das vorstehende Schreiben ist übrigens auch deshalb so interessant, weil es uns vielleicht den Namen eines Gehilfen eines der damaligen Münzlieferanten zur Kenntniß bringt. Aus dem Jahre 1765, bis zu welchem der vorerwähnte Eli Levin wahrscheinlich zu den im Haushalte der Familie Lazarus wohnenden Familienjuden gehörte, welche seit längerer Zeit das Privileg iunehatte, das zur Prägung erforderliche Silber an die königliche Münze zu liefern, haben wir sonst längst keine detaillirten Nachrichten über die Münzlieferanten mehr. Seit der furchtbaren Pulverthurmkatastrophe im Jahre 1749 (in Breslau), bei welcher auch der zur genannten Familie gehörige kaiserliche Hoffaktor Philipp Lazarus Hirfchel sein Leben einbüßte, haben wir von der öffentlichen Stellung der Mitglieder dieser hochangesehenen Fanlilie sonst sehr spärliche Nachrichten. Wie erwähnt, erhielt unser Eli Levin vom Minister Hovm eine abschlägige Antwort, die laut der Kopie in den Regierungsakten folgenden Wortlaut hatte: An den Juden Eli Levin im blauen Rade auf der Reuschen Gasse. Dem Juden Eli Levin wird auf seine unterm 5. dieses mir überreichte Vorstellung, den Reißbau in Schlesien betreffend, hiermit zur Resolution ertheilt, daß sein Gesuch nicht stattfinden könne, weil die Methode, wie der Reiß in den verschiedenen Welttheilen und Ländern in Europa gebauet wird, schon zur Genüge bekannt ist und der Sinn bey der unterm 17. März a. c., in den öffentlichen Zeitungen ausgestellten Preißfrage dahin geht, durch Versuche die Art auszumitteln, ob und wie der Reiß auf eine veränderte und dem Schlesischen Klima angemessene Art mit Vortheil in Schlesien angebaut werden könne, wozu die bloße Kenntniß des Reißbaues in Surinam nichts beyträgt. Was übrigens noch den Vorschuß von 300 rth zur Verschreibung des Saamens aus Surinam anbelangt, so finde ich ihn so überflüssig, als übertrieben, weil man den Reiß näher haben und mit ungleich weniger Kosten aus Italien ziehen kann. Breslau, den 8. April 1784. H. Die jüdischen Friedhöfe in Sofia? Von Dr. M. Grünwald, Großrabbiner in Bulgarien. Lottes ist der -Orient! — Gotteo ist der Occident! Nord- und südliches Gelände — Nutzt im Frieden seiner Hönde. Ö 0 c 11) c. den mannigfachen Pflichten eines geistlichen Führers in Israel zähle ich unter anderen auch diese, für die Geschichte per Gemeinde oder des Landes, in welchem man lebt, sein Scherflein beizutragen, und dadurch, durch die Erkenntnis der Geschichte, auf das Herz und Gemüth der Glaubensgenossen zu wirken. Denn die Geschichte ist nicht nur die Lehrmeisterin des Kopfes, sondern nicht minder auch die des Gemüthes und des Herzens. Und die Ausbildung des Herzens, das Neben der Herzenspflichten, sie wurden von den hervorragenden, führenden Geistern in Israel stets wärmstens empfohlen. Aus diesem Grunde wurde and) der Monat Ellul bei den Juden Sofias, wie bei den spagnolischen Inders-) überhaupt „Rachnminr" (Monat des Erbarrnens) genannt -- als ganz besonders geeignet, die Gräber theurer Verwandten zir besuchen, um Herz und Gemüth zur Andacht, zur Reue und Buße zu stimmen, da doch die Gräberstätte dem Menschen am deutlichsten die rnenschliche Vergärrglichkeit vor Augen führt. Mit der Ausarbeitung einer Geschichte der Juden Bulgariens beschäftigt, habe ich naturgemäß auch die Friedhöfe der Hauptstadt des Larrdes besucht und den Vorsatz gefaßt, das Audenkerr an daselbst bestattete hervorragende Persönlichkeiten der Vergessenheit zu entreißen. Sofias führt im jüdischen Schriftthum stets den Namen 1WB1Ö und wird auch öfters der nähern Bestinnnnng halber JHKS PrfcPB'ID „Sofia im Lande der Türkei" genannt und geschrieben. Sofia ist eine der ältesten Städte des Landes, und ist der älteste jüdische Friedhof mindestens 500 Jahre alt. Grabsteine ') Es war dies der letzte Beitrag, den der edle und begabte, in der Blüthe der Jahre dahingeschiedene Mann uns wenige Wochen vor seinem Tode zugeschickt hat. Die Red. 2) Ueber die verschiedenen Sitten und Bräuche der Juden im Orient handle ich ausführlich in meinem Buche: „Sitten und Bräuche der Juden im Orient". Es ist diese Schrift, soweit mir bekannt, die erste, die diesen sowohl von litterarischer als kulturhistorischer Seite wichtigen und interessanten Gegenstand ausführlich behandelt. 3) Die Quellen, die wir für unsere Arbeit benutzt, sind außer den vorhandenen Grabsteininschriften in Sofia und R. Jizchak Lampronti's höchst werthvoller Encyklopädie sub voce -Qp folio 67 — 62 (hebräisch) Constantin Jirecek's Bücher „Geschichte Bulgariens", von welcher soeben eine zweite Auflage in der Presse sich befindet, und dessen im Jahre 1891 erschienenes Werk: Das Fürstenthum Bulgarien (Wien 1891). — Adolf Strauß' Buch „Bosnien, Land und Leute" (Wien 1882) und die in hebräischer und spagnolischer Sprache in Adrianopel erscheinende Zeitschrift loset daath — El Progresso. Mündliche Mittheilungen über hervorragende Persönlichkeiten verdanke ich der Güte des hiesigen Roschbeth-din, Charbi (— Chacham rabbi) Preciado Bakisch.