Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
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353 Nach diesen Rednern verlangt H. Naquet das Wort. Da es aber spät ist, so kann er erst in der nächsten Sitzung zu Wort komme». Auch ich will erst in meinem nächsten Briefe H. Naquets Rede, das Votum der Kammer und besonders das Echo der öffentlichen Meinung über diese Angelegenheit, wie es sich in den Zeitungen abspiegelt, ausführlich erörtern. Amiti. Nie russischen Juden in den Ostseeprovimen. Bon D. Feitelberg. G& n einem früheren Aufsätze erwähnte ich den Mangel an einem TW systematisch geordneten jüdischen Unterricht in diesen Provinzen. Oö Das darf aber nicht zu der Annahme verleiten, als ob die Jugend hier ihren jüdischen Unterricht ausschließlich von ungebildeten Privatlehrern, sogenannten Melamdim, genießt. In jeder größeren Stadt (Kreisstadt) existiren vielmehr vom Staate errichtete Schulen für jüdische Knaben — Kronschnlen —, welchen in besonderen Lehrerinstituten herangebildete, oder sonst wissenschaftlich gebildete Lehrer vorstehen. Aber der Zweck dieser Schulen ist, die Kinder der ärmsten Klasse mit den nothwendigsten Kenntnissen zu versehen, wobei naturgemäß die allgemeinen Disziplinen den jüdischen Unterricht überwiegen müssen, welcher sich auf Lesen und oberflächliche Bibelkenntniß beschränkt, während beispielsweise jüdische Geschichte nur stiefmütterlich behandelt wird. Die Natur dieser Anstalten bringt es außerdem mit sich, daß sie fast durchweg von den ärmsten Kindern besucht werden, welche oft genug noch vor dem dreizehnten Jahre gezwungen sind, den Kampf ums Dasein anfzunehmen. Und ist es auch kein zu unterschätzender Vortheil, daß die in der Schule gewonnenen Kenntnisse ihnen diesen Kampf erleichtern, so ist doch das nationale Bewußtsein durch den primitiven jüdischen Unterricht bei ihnen so wenig geweckt und gefestigt worden, daß auch ihr Judenthum, wie dasjenige der älteren Generation, welche gar keinen Unterricht genossen hat, nur zu bald in Formen und Aeußerlichkeiten erstarrt. Die hier und da vorkommenden Ausnahmen, wo ein Schüler der Kronschule nach Verlassen derselben unter Entbehrungen weiterstrebend, sich sogar eine Stellung in der wissenschaftlichen Welt erobert hat, bestätigen die Regel. — Die Knaben der besser sitnirten Klassen, welche die öffentlichen jüdischen Schulen nicht besuchen, werden einige Zeit von jüdischen Privatlehrern unterrichtet und treten dann, nachdem sie solchermaßen für ihr Jndenthum genug gethan, in das Gymnasium oder die Realschule ein, oder aber sie werden von ihren Eltern für das Talmudstudium bestimmt. Während bei den Ersteren nun äußerst selten neben dem Schulbesuch auch ein jüdischer Unterricht stattsindet, vernachlässigen die Letzteren die allgemeine Bildung entweder gänzlich oder betrachten sie doch nur als etwas Nebensächliches. Nirgends ist aber ein Ausgleich zwischen beiden Richtungen wahrzunehmen, eine Verschmelzung der einen mit der andern, wie etwa in Deutschland, zu sehen. So kommt es denn, daß die Einen bald jedes Interesse für ihren Glauben, jede Fühlung mit demselben verlieren, die Andern wiederum sich fast ausschließlich in die Scholastik ihrer Doctrin vergraben, ohne dieselbe durch den frischen Strom der Bildung zu beleben. — Was nun unsere weibliche Jugend anbetrifft, so ist sie entweder gebildet oder ungebildet, spielt Klavier oder nicht; in jedem Fall kommt aber bei ihr jüdisches Wissen und jüdisches Interesse fast gar nicht in Betracht. Denn in den Häusern, in welchen jüdisches Leben unerschütterlich herrscht, sind die Töchter Jüdinnen nach der mündlichen Ueberlieferung ihrer Eltern, in allen andern Fäüen sind sie entweder „höhere Töchter" oder sonst nützliche Mitglieder der Familie. — Dieses Fernstehen unserer jungen Damen vom religiösjüdischen Leben ist um so mehr zu bedauern, als bei fast allen Völkern die Frauen sich als Hüterinnen des nationalen Gedankens zu verschiedenen Zeiten bewährt haben. Bedingt aber schon die einseitige Erziehung bei Männern und Frauen den Jndifferentismus jüdischen Fragen gegenüber, so wird derselbe in der Folge noch gesteigert durch den Mangel an Anleitung und Belehrung durch entsprechende Lektüre. Jüdische Lektüre, wie sie in den populärwissenschaftlichen Arbeiten und namentlich durch die jüdischen Zeitschriften geboten wird, sollte auch hier eifriger gepflegt werden, und namentlich sollte auch hier in keinem jüdischen Hause eine Zeitschrift fehlen, welche jüdische Interessen vertritt. Denn durch das Lesen derselben wird nicht nur in Jedem das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Solidarität belebt und gekrüftigt, sondern es wird Jedem zugleich auch die Möglichkeit geboten, falschen Anschuldigungen und Verleumdungen entgegentreten zu können. Wie schwer sich aber oft das Fehlen einer jüdischen Zeitschrift auf dem Büchertisch rächt, hatte ich ein Mal selbst Gelegenheit, an einem befreundeten jüdischen Arzt in einer kleinen Stadt Kurlands zu erleben. Demselben wurde während eines Besuchs beim christlichen Apotheker Rohlings „Talmudjude" lange nach dessen Erscheinen gezeigt. Der gute Doktor stutzte, wußte aber kein Wort ans die infamen Insinuationen zu erwiederu, sondern half sich damit, daß er das Buch mit sich nahm, um sich von den andern Glaubensgenossen des Ortes Ausklärnug zu verschaffen. Und dabei war schon längst durch christliche und jüdische Autoritäten das famose Werk Rohlings abgethan und sein wirklicher Werth zur Evidenz bewiesen. Unser Dr. med. hatte aber davon keine Ahnung, denn ihm war bis dahin vielleicht noch keine jüdische Zeitschrift zu Gesicht gekommen. Das kommt davon! Jüdische Betriebsamkeit. Aus den Akten des Breslauer Staats-Archivs Von Rabbiner Dr. B. Königsberger. den mehrjährigen Maffenausweisungen unserer Glanbensgenossen ans dem russischen Nachbarlande stellten sich bald (2^ die gleichen Folgen ein, wie nach den Vertreibungen der Juden aus den dominirenden Staaten des Mittelalters. Handel und Gewerbe erlahmten; und es konnte nicht ausbleiben, daß auch die Laudwirthschaft Rückschritte machte, weil diejenigen Faktoren fehlten, welche die gewonnenen Bodenprodukte, ungeachtet aller Mühseligkeiten und Strapazen, in den Verkehr zu bringen suchten, wenn auch die in den heutigen Kulturländern vorhandenen Handelsstraßen noch nicht so bequem zu benutzen waren wie jetzt. Daß die Inden, die ohne Zweifel dadurch den Wohlstand des Landes und seiner Einwohner fördern halfen, auch ihren, bisweilen ansehnlichen Gewinn ernteten, war nicht zum Mindesten die segensreiche Folge ihrer Unverdrossenheit und ihrer Geschäftstüchtigkeit. An der Hebung des Wohlstandes meines engeren Vaterlandes Schlesien haben jüdische Handelsleute des In- und Auslandes den regsten Antheil gehabt. Nicht uninteressant dürste nun eine Mittheilung sein, die ich bei der Durchsicht der Akten des Brestauer königlichen Staatsarchivs für die Geschichte der Bewirthschaftnug Schlesiens fand, und welche ein richtiges Licht auf die gekennzeichneten Bestrebungen unserer Glaubensgenossen wirft. Es handelte sich um den Anbau