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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-26 · Heft 30 (26.7.1895) · p. Seite 352

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 30 (26.7.1895)
Date
1895-07-26
Page
Seite 352 (sequence 4)
Language
German
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Brief vorgelesen, in welchem ein sehr hoher Beamter jüdischen Glallbens, H. Jsaie Levaillant, Generalzahlmeister des Loire- Departements, zehn Jahre vorher, als er noch Direktor der Surete generale (der allgemeinen Sicherheit) im Ministerium des. Innern war, seinen Glaubensgenossen Herren Schwöb, die auch damals in einen Prozeß verwickelt waren, versprochen hatte, er werde sich für sie bei den Magistraten verweisen, vor denen ihre Angelegenheit verhandelt werden sollte. Da nun bei Beröffeutlichlmg dieses Briefes einige judenfeindliche Abgeordnete sich anschickten, darüber den Minister des Innern, Herrn Ribot, zu interpelliren, glaubte dieser das Uebel in der Wurzel getilgt zu haben, indem er Herrn Levaillant absetzte und diese summarische Maßregel in die Oeffentlichkeit hinausposaunte. Er hatte es aber mit zähen Judenfeinden zu thuu, und am 11. Februar benachrichtigte einer derselben, H. Denis, ein republikanischer Abgeordneter vom Laudes-Departement, den Minister des Innern, daß er ihn in Betreff dieser Angelegenheit interpelliren werde. Hr. Ribot bewirkte aber, daß diese Interpellation auf einen Monat vertagt wurde, und wegen der Debatten bezüglich des Budgets war dieselbe fast in Bergessenheit gerathen, als ein anderer Depntirter, der Vicomte d'Hugues, am 30. März ein frisches Jnterpellationsgesuch einreichte: „Ueber die Gefahren der lmaufhörlichen Einsickerung der jüdischen Rasse in die französische". Noch vor ben Osterferien beschloß bte Kammer, beide Interpellationen in eine und dieselbe zu vereinigen, und verschob sie auf den 27. Mai. Am festgesetzten Tage erschien endlich auf der Tribüne der Anstifter der ganzen Angelegenheit, H. Denis, ein Mann, dessen Beredtsamkeit uub mit sich selbst zufriedene Miene an die selbstbewußte Geschwätzigkeit eines Geschäftsreisenden an einer tadle d'liöte erinnert. Er scheert sich wenig um die Affaire Levaillant, sie dient ihm ja nur zum Vorwand. Er gleitet schnell darüber hin, um die auswendig gelernten unb dennoch theilweise entstellten Artikel der judenfeindlichenBlütter wie eineLektion anfzusagen. Dieses so oft aufgewärmte Zellg lautet: die Inden verzehren Frankreich, Algerien und wimmeln in allen Zweigen der französischen Administration. Er beantragt, die Zahl der israelitischen Einwohner an der Ostgrenze zu beschränken. Hier unterbricht ihn der Präsident der Kammer, H. Brisson, indem er ihn aufsordert, eine ganze Klasse von Bürgern nicht auf eine solche Art ohne Beweise zu beschuldigen. H. Denis fährt nichtsdestoweniger fort, das jüdische Element im Allgemeinen zu verunglimpfen. Mittelst angehäufter Citate und Auszüge setzt er auseinander, daß die Israeliten, kaum vor einem Jahrhundert in Frankreich durch die große Revolution emanzipirt nnb zur Würde von Staatsbürgern erhoben, in dieser kurzen Zeit bis zum Gipfel der französischen Gesellschaft gelangt sind. „Die Judenfrage," setzt er hinzu, „ist eine Rassenfrage, wie selbst die gebildetsten Juden, z. B. Theodor Reinach, nicht anstehen 31t erklären (??), daß die Israeliten eine Art kosmopolitische Nation mitten in den andern Nationen bilden." Da sie nun an der Spitze der meisten Bankhäuser stehen, so verfügen diese Kosmopoliten, versichert Denis, nach Belieben über den nationalen Kredit, und folglich ist das Geschick des Vaterlands in ihren Händen. Deswegen schließt er seine Anklagerede mit einer Parodie des berühmten Ausspruchs von Gambetta: „Der Klerikalismus, das ist der Feind!" indem er ausruft: „Der Jude, das ist der Feind!" Als Denis die Rednertribüne verläßt, wird er von einem Theil der Rechten beklatscht. Der Präsident giebt nun das Wort dem Vizegrafen d'Hugues. Dieser ist nothwendigerweise zur Rolle des Wiederkauens verurtheilt, da die geschwätzige Auseinandersetzung des Vorredners Alles haarklein abgegrast und nichts mehr als Stoppeln übrig gelassen hatte. Er zeigt sich nur insofern original, daß er im Vorübergehen an H. Dreyfus, Großrabbiner von Paris, seinen Zorn ausläßt und das Vermögen der Juden unter das Volk vertheilt wissen will. Die Unbedeutendheit seiner Rede wird nur durch einen spaßhaften Zwischenfall erheitert. „Die Judenfrage," sagte er nämlich, „hat den Charakter einer Rassenfrage und einer politischen Frage. Man weiß nie, an welcher von beiden man sich anstößt, sowie man nie weiß, erlauben Sie mir diesen Vergleich, weml man einem Hirsch nachjagt, ob man ihn auf dem festen Lande oder in einem See erreichen wird." Da unterbrach ihn ein Abgeordneter, H. Baudryd'Assou, mit den geflügelten Worten: „Man erreicht ihn immer, wenn man nur gute Hunde hat," was ein allgemeines Gelächter hervorrief. Nun kam die Reihe an die Sozialisten, ein Wort in dieser Angelegenheit mitzureden. In einem meiner früheren Briese habe ich bereits meine Meinung dahin geäußert, daß die Sozialisten hier in Frankreich keine Antisemiten sind und nur deshalb ihre Stimme gegen die jüdischen Bankiers erheben, weil diese, so wie die anderer Konfessionen, die Kapitalien besitzen, welche nach sozialistischer Ansicht das Gemeingut des ganzen Volkes sein sollten. In diesem Sinne sprach nnn auch deren Wortführer, H. Rouanet. „Ich bin," „sagt er, weder mit den Antisemiten noch mit der judensreundlichen Regierung. Nicht die Juden haben das jetzige soziale Milien geschaffen, und wenn die Edelleute, die dem Reichthum nachjagen, die Salons der jüdischen Bankiers bevölkern, kann man wohl die Juden dieser Herabwürdigung der französischen Aristokratie beschuldigen, die ja ebenso ehemals die Vorzimmer eines Fouqnet und eines Law überfüllte, wie sie heute die des Herrn von Rothschild überfüllt? Man wirft den jüdischen Bankiers gewisse Verfahren im Börsenwucher vor. Aber der katholische Börsenwucher steht keiueswegs dem jüdischen nach, und das Vorgehen des Barons Hirsch, so verdammenswerth es auch sein mag. ist noch weniger zu verdammen, als das des Herrn Bontoux, des Direktors der falliten katholischen Union generale, welcher dem Grafen Kalnoly antrug, den franko-russischen Einfluß im Balkan durch Erbauung von Eisenbahnen zu bekämpfen, und der mit Geld Stimmen warb, um eine solche Kombination dnrchzuführen! Die Verkäuflichkeit spukt überall! Und was liegt den Sozialisten daran, ob die Bestecher sowie die Bestochenen Juden oder Katholiken sind? Hat man nicht gesehen, wie die Panamagesellschaft, welche Katholiken leiteten, zur Bestechung Zuflucht nahm, um ein Kanalprojekt, das Mitbewerber dem ihrigen entgegenstellten, lahm zu legen? Hat sie nicht dem Präsidenten jener amerikanischen Republik 25 Millionen dazu angeboten? Der Panamakanal war keine jüdische Unternehmung, wenn auch einige Israeliten dabei eine Rolle gespielt haben. Was sind aber die winzigen Krümchen, welche diese verschleifen konnten, verglichen mit den Hunderten von Millionen von denen man keine Spur mehr gefunden hat? Ueberall sieht man Katholikeil, die sich mit den Juden zu Habsuchtszwecken associirell. Was man also anklageu muß, ist einzig und allein die Plutokratie, der Kapitalismus. Das, was man heute den Juden vorwirft, hat der von Herrn Denis citirte Toussenel vor fünfzig Jahren den Protestanten vorgeworfen, und die Ursachell sind in der Ausschließung 311 juchen, der die Protestanten wie die Jllden zu lange unterworfen waren, und die sie gezwullgen haben, sich dem Handel der Werthe 311 ergeben. Der Antisemitismus ist keine Religionssache; es ist das letzte Gefecht des großen historischen Duells zwischen ben Besitzern des Grundbodens und denen des Jndustrieeigenthums. In Frankreich ist die katholische Feudalität die Gegnerin, in Deutschland ist es die protestantische Feudalität." Es ist, unterbricht ein anderer Depntirter, der Kampf des Geldes gegen den Boden!

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