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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-26 · Heft 30 (26.7.1895) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 30 (26.7.1895)
Date
1895-07-26
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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351 Glaubensgenossen Peter Gabe auf ähnliche Weise aus der Sobranje herausmanövrirt, selbst gegen den klaren Wortlaut des Gesetzes. Was aber geschieht hier zur Abwehr der kommenden Gefahr? Bereitet man etwa Proteste vor oder sucht man dieselbe auf andere Weise zu beschwören? Oder glaubt man, daß blos die Wrazzaer Blutbeschuldigung, deren Verlogenheit allen Bulgaren offenkundig war — mit Ausnahme des Staatsanwalts — die Juden zur Abwehr verpflichte, während die gesetzliche Zurücksetzung, die Verhinderung jedes moralischen Emporkommens für die jüngere Generation, das Verschließen aller Pforten zum Dienste im Staate und der Gesellschaft gar nichts bedeute? Für ein derartiges gesetzliches Rischus dürfte kein Rath zu theuer sein! — Hier müßte eine Verständigung aller Gemeinden durch Einberufung einer Assemblee generale herbeigeführt werden, um gegen den Gesetzentwurf schon von vorherein zu protestiren. Thun die Juden Bulgariens in dieser Angelegenheit nichts, so werden ihre Kinder und Enkel es büßen. Jene Enkel, denen es nicht gelingt, sich nach Palästina zurückzuziehen, wie es bei den reichen Leuten hier und in ganz Bulgarien Sitte und Brauch ist, jene Enkel, welche ihre Lebenskraft im Studium und ihren Körper in kommenden Kriegen zerstört haben werden." Nie Schnlstatistik und die Inden. Von Dr. S. Kayserling. ie Zahlen spielen bekanntlich in den antisemitischen Streitschriften und Tagesblättern eine recht bedeutungsvolle Rolle, und bei geschickter Zusammenstellung und Gruppirung läßt sich aus ihnen Alles deuten und lesen, was dem augenblicklichen Zwecke förderlich ist. Es ist diese Kampfesweise zu erklären, wenn auch nicht zu entschuldigen; bedauerlich und verwerflich ist es jedoch, ivenn in einem streng wissenschaftlichen Werke mit der Statistik dasselbe Spiel getrieben wird, »m antisemitische Expektorationen daran zu knüpfen, wie es in dem Werke: Theologisches Hilfslexikon, bearbeitet unter Leitung der Redaktion von Perthes Handlexikon für evangelische Theologen, Gotha, Fried. And. Perthes 1894 Bd. 2 S. 68 geschieht. An die dem Staatsanzeiger entnonimenen Zahlen über das Perhältniß der jüdischen Schüler der höheren Schulen zu den christlichen schließt der Versasser folgende Betrachtung: „Man wird also ohnellebertreibung annehmen können, daß die höheren Schulen Berlins zu einem Drittel von Juden in Anspruch genommen sind. Wenn mm wenigstens damit die Fluth ihren Höhepunkt erreicht und nun eine Ebbe zu erwarten wäre! Doch im Gegentheil: jedes Jahr verschiebt die Verhältnisse immer mehr zu Ungunsten der Christen; Klaffen, wo jüdische Schüler die Hälfte oder gar die Mehrzahl bilden, sind keine Seltenheit mehr, und loeun dies so weiter geht, so werden nach einem Jahrzehnt die höheren Schulen der größten evangelischen Stadt des europäischen Festlandes in der Mehrheit von Juden besucht sein. Der Herr Kultusminister ist seitens des Abgeordnetenhauses sehr gebeten worden, auf Hebung dieses Nothstandes bedacht zu sein. Wenn derselbe äußerte, es sei schwer, hier Abhilfe zu schaffen, da möchten wir doch bemerken: kann er denn den Juden nicht ein oder zwei Gymnasien überweisen, oder ein neues Gymnasium errichten rein für sie? Da sind diese doch unter sich. Das wollen sie freilich nicht." Der eine verbissene antisemitische Gesinnung verrathende Schlußsatz gehört in eine Ahlwardt'sche Radaurede, nicht aber in ein streng wissenschaftliches, von christlichen Theologen viel und gern benutztes Werk. Wie steht es nun mit der Voraussagung, daß in einem Jahrzehnt die höheren Schulen Berlins in der Mehrheit von Juden besucht sein werden? Die Hälfte des Jahrzehnts liegt bereits hinter uns, und es zeigt sich, daß einige der als vorzüglich von Inden besuchten aufgesührten Gymnasien in auffälliger Weise an jüdischen Schülern abgenommen haben, wenn die im Werke angegebenen Zahlen richtig sind. Es sollen im Jahre 1890 besucht haben: das Königstädtische Gymnasium 440 christliche, 231 jüdische Schüler, das Friedrichs-Gymnasium. . . 486 „ 258 „ „ das Französische Gymnasium . 341 „ 252 „ nach den letzten Schulberichten von Ostern 1895 dagegen: das Königstädtische Gymnasium 586 christliche, 207 jüdische Schüler, das Friedrichs-Gymnasium. . . 659 „ 259 das Französische Gymnasium . 410 „ 184 „ „ Ob örtliche Verhältniffe oder andere tiefer liegende Gründe diese Abnahme bewirkt haben, können wir nicht bestimmen, auffällig ist es nur, daß auch an anderen Orten ähnliche Beobachtungen gemacht werden. So ergiebt eine Tabelle der Schüler der Gyumasien in Hannover-Linden, verglichen mit der vor 7 Jahren ausgestellten, ein Anwachsen der evangelischen Schüler um 563, der katholischen um 69, der Diffidenten um 13, hingegen eine Abnahme der israelitischen um 60, trotzdem die israelitische Gemeinde in diesem Zeitraum nicht unwesentlich an Mitgliederzahl zugenommen hat. Eine Erscheinung, die zu denken giebt, wenn darin sich die Wirkung der antisemitische», auch in vielen jüdischen Kreisen allzu laute Zustimmung findenden Klagen über den hohen Prozentsatz der studirenden Jugend zeigen sollte. Roch eine andere Auslassung des Verfaffers verdient unsere ganze Beachtung. Er schreibt: „Daß von den jüdischen Schülern weder irgend welche Religionskenntniß noch sonst ein Nachweis sittlicher Reife bei der Maturitätsprüfung verlangt wird, wie dies doch bei den christlichen Schülern geschieht, ist auffallend. Gleichwohl ivcrden die jüdischen Abiturienten ohne Bedenken den christlichen auch ohne solche Prüfung gleichberechtigt erachtet und erwerben mit der Ablegung des Abiturientenexamens ohne Religionsprüfnng dieselben Rechte für künftige Staatskarrieren wie diese, (sie!) Das ist nicht Gleichberechtigung, sondern Bevorzugung der Juden vor den Christen." Die Darstellung entspricht leider! den thatsächlichen Verhältnissen; wir erblicken aber in der Nichtachtung der jüdischen Neligionslehre nicht eine „Bevorzugung der Juden vor den Christen", sondern vielinehr eine verletzende Zurücksetzung. Wen trifft die Schuld? Nicht die Juden, die cs freudig begrüßen würden, wenn in allen Schulen nicht allein bei dem Abiturientenexame», sondern bei allen Schulzeugnissen der Religionsunterricht die gebührende Beachtung fände und auch von ihren Jünglingen eine eingehende Kenntniß ihrer Religionslehre und ihrer Geschichte gefordert würde. — Der Drang nach Bildung, der den Juden von jeher auszeichnete und hoffentlich nie erlischt und erstickt wird, kommt in einer andere», in dem Werke aufgeführten Statistik zum Ausdruck. Von 221 Rekruten konnten im Jahre 1872/73 195 Römische, 25 Evangelische und 1 Jude nicht lesen noch schreiben. Dieses günstige Resultat wird selbstverständlich ohne weitere Anmerkung gegeben; uns wird man es nicht verargen, wenn ivir es mit besonderem Nachdruck hervorheben. Pariser Briefe. Paris, im Juli. «L^er jüngste Anlauf, den die Antisemiten in der französischen Deputirtenkammer gegen die Juden Frankreichs genomnien, ging aus folgender Thatsache hervor: Anfangs Februar l. I. hatte der Rechtsanwalt Audrieux, der berüchtigte, einstmalige Polizeipräfekt, in einem Korrektionalprozeß, worin er gegen die Angeklagten Gebrüder Schwöb plaidirte, einen

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