Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
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350 langen Zeiten? Oder darf das jüdische Wort jetzt freimüthiger sein - als früher? Unsere Religion zu lästern ist erlaubt, sie unumwunden zu vertheidigen, ist verboten, ist bedenklich; oder ist dem nicht so? Sie wissen es; und wie Vieles übergehe ich! Sie wissen es." Wird man es wohl später einmal glauben, daß diese Schilderung ' 1844 entworfen und 1895 leider noch wortwörtlich zutreffend gewesen ist? Es sind recht wehmüthige, traurige Gedanken nnd Empfindungen, die der neunte Ab damals wie heute hervorgerufen, und es wäre geradezu thöricht, wenn wir diese Empfindungen von uns weisen ' wollen. Der neunte Ab ist ein historischer Gedenktag, den wir beibehalten müssen, zunächst um unserer geschichtlichen Stellung willen, sodann aber auch, weil er uns zur Einkehr mahnt. Aus den Empfindungen der Trauer um die verlorenen Güter erwacht der ' Gedanke an die Güter, die uns geblieben, die wir zu Pflegen und zu erhalten haben, die freudige Ueberzeugung von der weltgeschichtlichen Mission Israels, die nicht an ein bestimmtes Land gebunden war, sondern sich über das ganze Erdenrund erstrecken sollte. Und deshalb haben wir wohl Grund zu trauern, nicht aber gu verzweifeln. Mit jenem alten Vertreter der historischen Reform, der uns gelehrt, wie wir jenen Gedächtnißtag heute noch feiern sollen, spreche!! auch wir zu allen aufinerksam lauschenden Zuhörern: „Unsere Religion gleicht einen! herrlichen Garten, der aber seit langer Zeit ohne Gärtner dasteht. Doch es wird Frühling, die Luft verkündet es. nnd tausend schwellende Knospen verrathen seine Nähe. Gott, du willst einst Israels Ehre wieder vom Staube aufrichten, und dies wird sich erfüllen! Denn als Ziel der Menschheit hast du aufgestellt die allgenieine Anerkennung deines Namens, und daß zur Wahrheit werden die Worte, daß die Welt sich werde umformen zu einen! Gottesreich. Und wir glauben fest, daß dieses folgen wird vermittelst deiner Lehre an uns: Denn von Zion geht die Thora aus, und Gottes Wort von Jerusalen!! so wie daß, nach jahrtausendlangem Sträuben. Zion, unser Zion, doch wird anerkannt werden als die Mutterstadt Aller, die Gottes sind, und erstehen wird aus seiner Erniedrigung auf den Ruf des zum Dank bekehrten Erdenrundes. Noch wird einst der Herr Zion trösten; so hoffet denn unwandelbar, ihr Söhne desselben!" Aic Woche. B e r l i n, 23. Juli. an Rudolf v. Gneist, der am 22. d. Mts. gestorben, hat Deutschland einen seiner besten Patrioten, einen seiner hervorragendsten Mitbürger, das Judenthrnn aber einen warmen und eifrigen Nertheidiger im Kampfe gegen die dasselbe bedrohenden Mächte verloren. Seit Beginn der antisemitischen Bewegung hat Gneist stets gegen dieselbe in Wort und Schrift entschieden Front gemacht. Er war 1891 der Mitbegründer und bis zu seinem Tode der Vorsitzende des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", in welcher Stellung er oft Gelegenheit hatte, mit seiner vollen Autorität der antiseinitischen Hetze entgegenzntreten. Mit Rudolf Gneist ist einer der letzten Vertreter jener Humanitätsperiode dahingegangen, die in dem Menschen nur den Menschen sah und für den religiösen Frieden unter den Konfessionen mit Begeisterung eintrat. Wir werden sein Andenken hoch in Ehren halten. * Der Boykott, den die Antisemiten namentlich in kleinen Städten und auf dem Lande fortwährend durch ihr „Kauft nicht bei den Juden!" über viele Geschäftsleute verhängen, ist schon wiederholt als ein rechtswidriges Vorgehen bezeichnet worden. Nun hat auch das Reichsgericht eine Entscheidung erlassen, nach der eine solche Aufforderung einfach als „grober Unfug" bestraft werden müßte. Die „Kölnische Zeitung" schreibt hierüber: „Die Frage, ob durch eine Aufforderung zu der Verrufserklärung das Publikum als solches belästigt wird, läßt sich nun einmal nicht in vollständiger Trennung von den politischen, religiösen und sozialen Ansichten des Richters beantworten. Sehr begierig darf man darauf sein, ob nunmehr die bekannten Schlachtrufe der Antisemiten „Kaust nicht bei Juden" auf Grund des Unfugsparagraphen verfolgt werden. Bislang waren die Gerichte in ihrer großen Mehrheit hierzu nicht geneigt." * Die Zustände in Wien haben sich derart zugespitzt, daß man wirklich eine Katastrophe befürchten muß. Die Autiseinitensührer Lueger und Lichtenstein wird selbst ihre Schlauheit von dem Vorwurf keineswegs freisprechen, diese Zustände durch ihre Hetze herbeigeführt zu haben. Sie haben närnlich einen Aufruf erlassen, in dem sie in Abrede stellen, daß Wien der Schauplatz der nichtswürdigsten antisemitischen Exzesse sei, daß die Juden in einzelnen Gegenden der Stadt thatsächlich ihres Lebens nicht sicher wären. Aber dieser Aufruf an ihre Horden, alle Exzesse zu vermeiden, lvird ihnen nur wenig nützen, und das Heer der bösen Geister, die sie gerufen, werden sie nun nie mehr loswerden. * Auch in Bulgarien, das durch den Mord an seinem bedeutendsten Staatsmann Stambulow die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, scheint der Antiselnitismns in höhere Regionen einznziehen. Unser Korrespondent in Sofia sendet uns darüber den folgenden Bericht: „Der Minister der Justiz (Prawosudija) beabsichtigt, einen Gesetzentwurf der hohen Sobranje vorzulegen, in dem besagt wird, das Amt eines Richters und Untersuchungsrichters könne nur eiu bulgarischer Bürger bekleiden, welcher die Eidesformel bei der Dreieinigkeit ablegt, das Amt eines Notars dürfe nur einem bulgarischen Staatsbürger anvertraut werden Man sieht, was für Spitzfindigkeit ein ehemaliger Raja entfalten kann, so derselbe nur ein wenig in das Abwaschwasser der europäischen Civilisation hineingetaucht wird. Das heißt Bresche legen in die von allen Mächten anerkannten Staatsgrundgesetze, denen zufolge alle Bürger des bulgarischen Reiches gleich und frei sind. Noch hat sich ein gewisser Theil der Unterthancn, nämlich Türken und Juden, der Freiheit und der Gleichheit in der Verwaltung des Staatskörpers nicht erfreut, als bereits die erste Attaque seitens des schlauen Staatsmanns auf ihre bürgerlichen Rechte gemacht wird. Wer nun soll in Bulgarien der Verwilderung und der Korrumpirung des noch gar nicht eingelebten Rechtsbewußtseins Einhalt Ihun? Etwa der Straßenpflasterer Mitakow? Wer mag aber dem Minister für Prawosudija einen solchen Vorschlag diktirt haben? Der rechtgläubige (prawoslawni) Antisemitismus nach russischer Manier allein. Der besorgte Staatsmann mußte ja auch Gefahr wittern von der Rechtsgleichheit aller bulgarischen Bürger — und diese ist wirklich vorhanden. Man höre und staune! Die berühmte Hochschule „Welika Schkola" in Sofia besuchen etwa schon jetzt unter mehreren hundert Rechtshörern zwei, sage zwei, jüdische Studenten, welche bedenklich fleißig studiren, und es kann nun geschehen, daß sie eines Tages zum Minister für Prawosudija kommen und sagen: „Gieb uns, unfern Antheil an den Staatsanstellungen!" Man wird nun vielleicht der Ansicht sein, daß die Notariatsposten nach dem neuen Gesetze nicht in den Kreis der hohen Berufe, zu deren Erlangung der Schwur bei der Dreieinigkeit nöthig ist, gehören, — wer dieses glaubt, täuscht sich. Denn so hellsehend sind die parlamentarischen Parteigänger auch, herauszufinden, daß das der Herzenswunsch des Lenkers der Justiz ist, und daß Andere das Werk seiner Hände durch einen Zusatzantrag amendiren werden. Haben sie ja auch unfern