Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Ar. 30. Allgemeine Berlin» 26. Juli 1895. eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Red acte n r: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig PHUippson-Äonn. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerulalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3tttlftlt« Leitartikel: Zum neunten Ab. — Die Woche. - Die Schulstatistik und die Inden. VonDr. S. Kay!erlinß. — Pariser Briese. Bon Amiti. — Tie russischen Juden in den Ostseeprovinzen. Bon D. Feitelberg. — Indische Betriebsamkeit. Von Dr. B. Königsberg er. — Die jüdischen Friedhöfe in Sofia. Bon Dr. M. Grün Wald. — Ueber Namensänderung. II. Bon Rechtsanwalt Bernhard Breslauer. — Feuilleton: Der Judendoktor von Herrenstein. Von Bt. v Schlägel. — Die Zionsklage von Jehuda Halevi. Bon Seligmann Heller. Dev Gemeindevoie. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Tilsit. Ostrowo. Ans der Provinz Posen. Breslau. Lübeck. Karlsruhe. Lörrach. München. Wien. Petersburg. New-Aork. Rio de Janeiro. — Von Nah und Fern. — Miseellen. Zum neunten Ab. Berlin, 24. Juli. ur noch wenige Tage trennen uns von dem nennten Ab. dem Gedächtnißtage der Zerstörung des ersten wie des zweiten Tempels, dem Tage, da Israels Selbstständigkeit für immer vernichtet wurde. Er erweckt die lebhafte Erinnerung an den Untergang des jüdischen Staates, welcher nach der Lehre unserer Weisen zum erstenmal durch Götzendienst, Unkeuschheit, Mord und Gewaltthat, zum zweitenmal durch grundlosen Haß herbeigeführt war. Schon in diesen Motiven liegt die Antwort auf die Frage, welche so oft um diese Zeit erhöben wird: ©ollen wir auch heute noch trauern? Die jüdische Reform hat bei ihren Bestrebungen für Erneuerung und Bertiefilng des religiösen Lebens diese Frage allßer Acht gelassen lind keine bestimmte Stellung zu der Feier des Tische be-Aw genommen. Wie uns scheinen will, mit Unrecht. Auch die praktische Lösung der Frage in den (Gemeinden, welche vom Herkommen sich losgesagt haben, will uns keine glückliche erscheinen. Im Hamburger- Tempel wird der Gedächtnißtag des neunten Ab gar nicht gefeiert. In der neuen Synagoge in Berlin findet die Feier in der alten, herkömmlichen Weise statt, ohne Predigt, ohne Lied, so daß die Jugend, die an diesen! Abend das Gotteshaus besucht, wie wir uns wiederholt überzeugt haben, unbefriedigt und unbelehrt dasselbe verlaßt. Da ist die Berliner Reformgemeinde noch konsequenter, indem sie in dem Gottesdienst an dem dem neunten Ab vorhergehenden Sonntag in Predigt und Gebet die Erinnerung an jene Trauerzeit feiert. Wir meinen aber, daß auf die Frage, ob wir an diesem Tage noch trauern sollen, die Zeitereignisse uns eine inhaltschwere Antwort gegeben haben. Schon vor 50 Jahren wurde diese Frage von jugendlichen Stürmern an die Männer gerichtet, welche dem Geist des Fortschritts huldigten. Ein Erzreformer, einer der freimüthigsten, aber auch ehrlichsten und gediegensten, der selige Landrabbiner Dr. Levi Herzseld, gab damals auf diese Frage in einer Tisehe be- Aw=9tebe eine Antwort, welche in allen ihren Theilen auch heute noch so zutrifft, als wäre sie in diesem Jahre gegeben worden. Verschiedenartige Empfindungen durchzogen seine Seele, da er an diesem Trauertage Israels die Kanzel bestieg. Er sollte des Unglücks seines Volkes gedenken, und noch lebte frisch in ihm die Erinnerung an den frohen Aufschwung der Geister, den die erste Rabbinerversammlung zu Braunschweig wenige Wochen zuvor hervorgerufen. „Trauer soll ich predigen, und da gedenke ich des letzten Males, daß ich hier stand vor wenigen Wochen, vor mir eine festliche, froh begeisterte Gemeinde, um Nlich eine Schaar von rüstigen, froh begeisterten Mitkämpfern, in mir das Entzücken, daß ein heißer Wunsch meines Lebens in Erfüllung zu gehen beginne, und der Entschluß, mit neuen Kräften zu reden, wo geredet, und zu handeln, wo gehandelt werden müsse." Gleichwohl weist er aber die Fragen und Plagen des Tages nicht von sich. Er erklärt vielmehr mit voller Entschiedenheit: „Wir dürfen und wir müssen diesen Tag noch feiern, denn um von vielen anderen unglückseligen Folgen jenes neunten Ab, die heute noch fortdauern, für jetzt zu schweigen und nur das hervorzuheben, woran am gewöhnlichsten bei dem Worte „Golus" gedacht wird: haben etwa die bürgerlichen Verhältnisse Israels eine andere Gestalt gewonnen? Nein, antworten wir uns mit Schmerz; wir beteten im vorigen Jahre, daß die Scheidewand sinken möge zwischen uns und den übrigen Kindern des Vaterlandes, und wir beten auch jetzt, daß sie sinke, aber ach, es ist keine Aussicht vorhanden, daß sie in naher Zukunft fallen werde, diese traurige Scheidewand! Ich rede hier nicht von dem glücklichen Ländchen, dem wir angehören, obwohl auch uns noch viel zu wünschen übrig ist, aber wollten wir so theilnahmslos sein, weil unser Loos, das Loos von zweihundert Familien, ein besseres ist, nicht zu trauern darüber, daß die Juden nur sehrweniger Länder uns hierin gleichstehm und über den Erdboden zerstreut fast neun Millionen unserer Brüder mehr oder weniger noch in herbem Drucke schniachten? Tönen nicht noch heute zu uns herüber die herzzerreißenden Klagen jener zahllosen Grenzbewohner, die von ihren Geburtsstütten so gewaltsam fortgetrieben werden, wie es kaum im verschollenen Alterthuin von einem asiatischen Machthaber geschah? Tönet nicht noch fortwährend aus Ländern sogar, die zu den gesitteten gezählt werden, jene Blut an klage herüber, ersonnen von Dämonen und fortgepflanzt von Arglist im Bunde von Dummheit? Geschah es erst nicht vor wenigen Monden, daß aus einem hochstehenden Nachbarlande die Nachrichten herüberschallten von zerstörten Judenhäusern, als wären wir zurückversetzt in die zuchtlosen Jahrhunderte des Mittelalters? Oder betteln nicht die Juden auch heute noch um armselige Zugeständnisse, wie sie es gethan seit langen Zeiten? Und in der Regel vergebens, wie ebenfalls seit