Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 schäften bewährt. Auch für sonstige religiöse Institutionen, wie z. B. für die Abhaltung des Gottesdienstes auf den Friedhöfen, in welcher Kommission der Verstorbene selbst Vorstands-Vorsitzender war, war er stets zu gewinnen, wie er auch den ihm unterstellten Beamten ein Vorbild von Gewissenhaftigkeit und von hingebender, rücksichtsvoller Theilnahme für ihre Stellung war. Darum werden Alle, die diesen Ehrenmann kannten, sein Andenken dankbar im Herzen bewahren und segnen. Er ruhe in Frieden! — Am 21. v. Mts. starb der besonders in der Zeit von 1850—1880 hervorgetretene Lithograph Moritz Spiegel im Alter von etwas über 70 Jahren, der sich durch Fleiß und eigene Tüchtigkeit zum Besitzer des weit und breit bekannten artistischen Instituts heraufgearbeitet hatte, das lange Zeit in seiner Spezialität, der Herstellung kunstvoller Adressen und Diplome, einzig dastand. Spiegel hat in der Reaktionsperiode der fünfziger Jahre vielfache Angriffe auszuhalten gehabt, die sich besonders häuften, als er an Stelle der eingegangenen „Oder- Zeitung" das in freisinnigem Tone gehaltene „Schlesische Morgenblatt" in Breslau herausgab, das sich aber dauernd nicht halten konnte. Ohne Rücksicht auf persönliche Nachtheile hielt der Verstorbene stets seine Ueberzeugung hoch und trat auch öffentlich für dieselbe ein. Seit dem Jahre 1848 bis zu seinem Tode war der Verstorbene Mitglied des Vorstandes des „Vereins zur Beförderung des Handwerks unter den Israeliten" und hat auf diesem Gebiete großen Segen gestiftet. Seit 1853 Mitglied der „zweiten Brüdergesellschaft", wie auch in seiner Zugehörigkeit zur „Gesellschaft der Brüder" und der „Gesellschaft der Freunde", ebenso als Mitbegründer der Gesellschaft „Eintracht", wie des Turnvereins „Vorwärts", hat er manchem Freunde und Bekannten Gelegenheit zu näherem Verkehr geboten, so daß sein ehrenvolles Andenken in weiten Kreisen rege bleiben wird. Ü Dessau, 15. Juli. Auch im Herzogthum Anhalt, in dessen Hauptstadt im Jahre 1890 im Beisein des gesammten Herzog!. Hofes rc. die Einweihung des Denkmals Moses Mendelssohns stattfinden konnte, scheint jetzt leider dem Judenthum gegenüber eine andere Stellung angenommen zu werden. So hat man jetzt dem einzigen jüdischen Rechtsanwalt im Lande die erbetene Ernennung zum Notar verweigert und hierbei eröffnet, daß die abschlägliche Bescheidung allein wegen der Konfession des Petenten erfolge, und daß eine Aenderung des einmal vom Herzog!. Staatsministerium eingenommenen Standpunktes nicht zu erwarten sei. W. Stuttgart, 14. Juli. Der Verein für fakultative Feuerbestattung in Stuttgart wandte sich an die israelitische Oberkirchenbehörde mir dem Ersuchen, die israelitischen Geistlichen des Landes mit Weisung über ihre Mitwirkung bei Feuerbestattung zu versehen. Auf Grund von Referaten sämmtlicher Rabbiner hat nun die Oberkirchenbehörde Bescheid dahin ertheilt, daß die Feuerbestattung einer Leiche grundsätzlich religiös unzulässig und deshalb eine Mitwirkung des Geistlichen bei dem Akt der Verbrennung ausgeschlossen ist. Dagegen sei die Beerdigung der Aschenreste einer verbrannten Leiche religiöse Pflicht. „Die Bestattung", heißt es in dem Bescheid, „hat in einem rituellen Sarge zu erfolgen, und es sind die gleichen Gebete wie bei jeder anderen Beerdigung zu verrichten. Die Leichenrede ist in das Belieben des einzelnen Rabbiners gestellt, der aber einerseits Alles zu vermeiden hat, was den Todten oder dessen Angehörige verletzen, andererseits aber auch Alles, was die Meinung erwecken könnte, als erlaube das israelitische Religionsgesetz die Leichenverbrennung. Die Abhaltung einer religiösen Feierlichkeit vor Abführung des rituell gereinigten und bekleideten Leichnams im Trauerhaus ist wiederum in das freie Ermessen des Geistlichen gestellt, der dabei die gleichen Vorschriften, wie bei der Rede am Grabe, zu beachten hat." p. Karlsruhe, 13. Juli. Ein großes Trauergefolge geleitete am 7. d. die irdische Hülle des zwei Tage vorher im Alter von 84 Jahren verstorbenen Oberraths Adolf Bielefeld zur letzten Ruhestätte. In dem Dahingeschiedenen hat die Stadt Karlsruhe einen ihrer besten und tüchtigsten Bürger, die hiesige israelitische Gemeinde ihren hochverehrten Präsidenten verloren, der drei Jahrzehnte lang ihre Angelegenheiten mit Hingebung geleitet hat. Der 1875 vollendete Bau des neuen Gotteshauses mit dessen innerer und äußerer Ordnung ist sein Werk, und noch manche andere Institutionen unserer Gemeinde geben Kunde von seinem echt religiösen Sinn, seiner hohen Intelligenz und seiner seltenen Schaffenskraft. Seit einem Jahrzehnt gehörte er auch der israelitischen religiösen Oberbehörde des Landes, vem Oberrathe, an. Eine reiche Thätigkeit entfaltete er ebenfalls auf dem Gebiete der bürgerlichen Selbstverwaltung; besonders als Mitglied des Stadtraths, dem er von 1870 bis wenige Jahre vor seinem Tode angehörte, war er in den verschiedensten Kommissionen — wir erwähnen hier nur die Schulkommission — ein geschätzter Arbeiter, dessen Referate stets von großer Sachkenntniß zeugten. Seine selbstlose, rührige Thätigkeit für das öffentliche Wohl wurde von Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzog durch Verleihung des Ritterkreuzes des Zähringer Löwenordens I. Kl. und des Kommandeurkreuzes II. Kl. anerkannt. Wie sehr der Großhexzog den Verstorbenen schätzte, geht auch aus Hochdesselben von St. Blasien aus an die Hinterbliebenen gerichteten, in den herzlichsten Worten abgefaßten Beileidstelegramm hervor, das folgendermaßen lautet: „Die Großherzogin und ich senden Ihnen unser herzliches Beileid an dem Verlust Ihres verehrten Vaters. Wir theilen Ihre tiefe Trauer im Andenken an die verdienstvolle Lebensbahn Ihres lieben Vaters. Unsere Mitempfindung an Ihrem Schmerze ist eine recht innige. In treuem Gedächtniß bleibt die werthe Erinnerung an die Lebenszeit Ihres Vaters, unseres lieben Zeitgenossen." Auch die Gemeindemitglieder bewiesen wiederholt dem Verblichenen ihre Dankbarkeit; so am Tage seines 70. Geburtsfestes (12. Juni 1882) durch Errichtung einer den Namen „Adolf Bielefeld" tragenden Stiftung, und am Tage seines goldenen Ehejubiläums (4. Mai 1890) durch Ueberreichung einer Adresse und eines kostbaren Kunstgegenstandes. Das edle Wirken des Entschlafenen und seine ausgezeichneten Charaktereigenschaften schilderte Herr Stadtrabbiner Dr. Appel bei der Leichenfeier in Gegenwart einer zahlreichen Trauerversammlung in beredten Worten. Das Andenken des Dahingeschiedenen wird in unserer Gemeinde nie erlöschen! Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 14. Juli. Die Taufschein-Affaire gelegentlich der Besetzung eines Salinenarztes scheint wieder neu aufzuleben, denn der steiermärkische Landesausschuß schreibt eine Distriktsarztstelle aus, deren Bewerber die Verbindlichkeit der römisch-katholischen Religion zu erfüllen hat — das ist doch sehr deutlich! — Wie Sie bereits gemeldet haben, ist die Baronin Sophie Todesco gestorben. Die aus Brünn, aus dem Hause Gomperz, stammende Dame, eine Schwester der ihr im Tode vorangegangenen berühmten Josefine v. Wertheimstein, war in Wien als wohlthätige Frau bekannt. Sie gab viel an Würdige und Minderwerthige; erst in den letzten Jahren konnte sie nicht mehr aus dem Vollen Gutes thun; freundlicher Zuspruch der Angehörigen führte die Zurückhaltung herbei. Beiden Schwestern war die Schwärmerei für Kunst und Litteratur, namentlich für letztere, gemein. Um ganz bestimmt zu sprechen: sie liebten es, sich mit einem Kreis von Schriftstellern, solchen, welche das Jahr beherrschten, zu umgeben. Nur für Bauernfeld hielt die Freundschaft an. Man aß gut in den Häusern der beiden Damen, in der Stadt und auf dem Lande, und las dort die eben beendigten Stücke, Novellen oder Gedichte vor. Die Männer der zwei Frauen, Bankiers, wohnten nur selten dem litterarischen Nachtisch bei. Die Familie Todesco stammt aus Preßburg. Baron Eduard, der Gemahl der Frau Sophie, der von allen Finanz-Ministern zu Rathe gezogen wurde, ist zuerst Ritter, dann Baron geworden. Er baute, einer der Ersten, bei der Erweiterung Wiens ein Haus und ließ seine Wohnung glänzend ausstatten. Hansen entwarf den Saal und Rahl schmückte den goldenen Säulenraum mit Bildern. Der Münchener Bildhauer Gedon zierte ein Zimmer, welches der junge, durch einen Sturz vom Wagen getödtete Baron, Eduards einziger Sohn, bewohnte, im Stile der deutschen Renaissance. In diesen Räumen gab es glänzende Soireen. Der englische Politiker Henry Worms, Todeseos Schwiegersohn, ist durch Beust österreichischer Baron geworden. Im Palais Todesco, zumeist in den Gastzimmern, die sie manchmal wochenlang bewohnten, weilten auch gern Wilbrandt, Saar und Richard Voß. Der Gastfreundschaft der Baronin Sophie und der Frau v. Werthheimstein konnte sich kein Dichter entziehen, der es nicht vorzog, eine Mansardenstube in einem Wiener Hotel zu bewohnen. Die Damen besaßen auch Villen in Döbling und in der Brühl, wo Bauernfeld und die Vorgenannten oft kürzere oder längere Zeit hindurch wohnten. Auch sonst sorgte Baronin Sophie für Künstler und solche, die es werden wollten, und erzog manchmal dankbare — Antisemiten! Todescos Weine tranken sie gern und machten sich dann, auch in Witzblättern, über das Deutsch des Barons Eduard lustig. Das Leichenbegängniß fand in Döbling statt. Dr. Güdemann hielt die