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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-19 · Heft 29 (19.7.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 29 (19.7.1895)
Date
1895-07-19
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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59. Jahrgang. Nr. 29. Berlin, 19. IM 1895. Der Gemeindebote. Weilage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. £/2 Berlin, 17. Juli. Der Minister des Innern, so wird allerdings nur antisemitischen Blättern berichtet, bereitet eine Verfügung an die Regierungs- und Polizeibehörden vor, wonach nach und nach sännntliche Geburtsatteste der Juden revidirt werden sollen, „um die Unzuträglichkeiten zu beseitigen, die durch willkürliche Aenderung der Vornamen seitens jüdischer Staatsbürger hervorgerufen werden." Angeblich sei durch zahlreiche Beschwerden festgestellt, daß besonders aus den ehemaligen polnischen Provinzen zngezogene Juden, sei es zur Täuschung der Gläubiger, sei es aus anderen Gründen, ihre Vornamen umgeändert hätten. Da die Nachricht, wie gesagt, bisher blos von antisemitischen Blättern gebracht worden ist, so bedarf es wohl noch einer genauen Verifikation, um sich mit derselben näher zu beschäftigen. Berlin, 14. Juli. Herr Dr. Salomon Cohn, der langjährige beliebte Rabbiner und Prediger der Synagoge an der Potsdamer Brücke, hat aus Gesundheitsrücksichten sein Amt niedergelegt und ist nach Breslau gezogen. Zu seinem Nachfolger ist nunmehr sein bisheriger Stellvertreter Herr Rabbiner Dr. Markus Petuchowski definitiv ernannt. H- B. Schneidemühl, im Juli Die Korrespondenz aus Namslau in Nr. 25 dieses Blattes zeigt, daß es noch in vielen jüdischen Gemeinden Usus ist, die direkten Gemeindesteuern durch gewählte Vertreter der Gemeinden festsetzen und einschätzen zu lassen. Daß hierdurch viele Unannehmlichkeiten und Beschwerden entstehen, liegt auf der Hand, dies beweisen mir auch unsere alten Gemeinde-Akten. In unserer Gemeinde werden seit 1870 die nothwendig gewordenen direkten Steuern durch Repartition im Verhältniß der Staatseinkommensteuern alljährlich festgesetzt, und nach dieser Staatssteuer wird der Prozentsatz berechnet. In diesem Jahre werden z. B. 45 pCt. erhoben; wird die Staatssteuer ermäßigt oder erhöht, dannn erhöht oder ermäßigt sich für den betreffenden Steuerzahler auch eo ipso die jüdische Gemeindesteuer. Reklamationen können also nicht Vorkommen, es bleibt auch der Gemeinde-Vertretung überlassen, einzelne Gemeindemitglieder in den untersten Steuerstufen ganz von der Gemeindesteuer zu befreien. In jeder Gemeinde sollte nur nach Verhältniß der Staatseinkommensteuer die Gemeindesteuer repartirt werden. Lp. Aus der Provinz Posen, im Juli In der am 3. ds. unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Roll Hierselbst in der israelitischen Stadtschule stattgefundenen Repräsentantenwahl der jüdischen Gemeinde zu Ostrowo sind an Stelle der ausscheidenden Herren H. Krauskopf, M. Pilz und Boas Fränkel die Kaufleute A. Schloß, I. Weller und I. Hermann und Kaufmann Salomon Unger neugewählt worden. Für die ausgeschiedenen Stellvertreter H. Silber und I. Hermann sind die Herren Lehrer I. Kö rpel und Leopold Weitzen neugewählt worden. Bekanntlich ist die am 7. Februar d. I. schon einmal stattgefundene Repräsentantenwahl angefochten und wegen eines Formfehlers vom Regierungspräsidenten als ungiltig erklärt worden. Lp. Aus der Provinz Posen, im Juli. Am 8. Juli starb in Schroda, im Alter von 75 Jahren, Kaufmann Hermann Unger. lieber 50 Jahre der Gemeinde angehörend, hat derselbe während seiner langjährigen Amtsthätigkeit als Vorsteher und Repräsentant an allen Gemeindeangelegenheiten regsten Antheil genommen. Der Verstorbene war ein hochgebildeter Mann, der sich durch seinen vornehmen, humanen Charakter, seine versöhnliche Gesinnung und ausgleichende Thätigkeit allseitiger Sympathien erfreute. — Die in dieser Woche in Ostrowo aus Berlin eingetroffenen zehn jüdischen Ferienkolonisten scheinen sich auch der besondern Gunst der dortigen christlichen Bürger zu erfreuen. In anerkennenswerther Weise hat der Maurer- und Zimmermeister Kupke dortselbst den Bademeister seiner vor einem Jahre neuerbauten Badeanstalt angewiesen, die unentgeltliche Verabreichung von Bädern an sämmtliche Kolonisten während ihrer ganzen Aufenthaltszeit zu gewähren. — Durch die Berufung des Herrn Rabbiners Dr. Ludwig Rosenthal in Rogasen nach Pr. Stargard sind in diesseitiger Provinz drei Rabbinerstellen erledigt, nämlich in Krotoschin, Wreschen und Rogasen. In den beiden ersten Gemeinden haben die Probepredigten bereits begonnen, und sollen diese Stellen spätestens zu den hohen Festtagen definitiv besetzt sein. — In Adelnau, woselbst die jüdischen Schüler die evangelische Schule besuchen, beabsichtigt die jüdische Gemeinde, eine eigene jüdische Volksschule mit öffentlichem Charakter zu errichten. Die Schülerzahl beläuft sich auf 45, und würde die Gemeinde, da sie laut Gesetz von 1887 einen Zuschuß von 500 M. für den alleinstehenden Lehrer zu beanspruchen hat, in materieller Beziehung auch Vortheile haben, abgesehen davon, daß die Kinder durch diese Maßregel nie ohne systematischen Religionsunterricht sein würden. Die erforderlichen Schritte sind bereits eingeleitet, nur weigert sich die evangelische Gemeinde, der jüdischen das nach ihrem Ermessen ihr zustehende Eigenthumsrecht, wie beispielsweise ein Klassenzimmer in dem Schulhause, zuzuerkennen. g. Oletzko, 10. Juli. Am 1. d. M. feierte der Kultusbeamte der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr Frey er, sein 50 jähriges Amtsjubiläum in voller Frische und Rüstigkeit. Die letzten 39 Jahre hat er ununterbrochen in der hiesigen Gemeinde gewirkt und als Bürger unserer Stadt angehört. Von allen Seiten wurden dem Jubilar zu diesem Ehrenfeste zahlreiche Glückwünsche theils persönlich, theils schriftlich und telegraphisch zu Theil. Im Namen der städtischen Behörden erschien eine Abordnung des Magistrats und der Stadtverordneten unter Führung des Herrn Bürgermeisters Lorenz, welcher mit bewegten, herzlichen Worten den Jubilar beglückwünschte. Eine Abordnung des kaufmännischen Vereins brachte dessen Glückwünsche. Die hiesige Synagogengemeinde überreichte durch ihren Vorstand als Zeichen ihrer Dankbarkeit und Verehrung eine kunstvoll ausgeführte Adresse mit der Ernennung zum Ehrenmitgliede. Als Vertreter des Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens, des Lehrerverbandes und der Schulinspektion für die Gemeinden des Gumbinner Bezirks war Herr Rabbiner- Weinberg aus Insterburg erschienen und feierte in längerer beredter Ansprache oen Jubilar, der auch ein tüchtiger talmudischer Gelehrter und ein treu in der Gemeinde vielseitig wirkender Beamter ist. Ein Sohn desselben ist der Kreisphysikus Sanitätsrath Dr. Freyer in Stettin. Den Abend des Festes verlebten die Mitglieder der israelitischen Gemeinde mit dem Jubilar und dessen Gästen im Hotel Boie in gemüthlichem Zusammensein. r. Breslau, 14. Juli. Einen gewaltigen Verlust hat unsere Gemeinde durch das nach längerem Leiden in der Nacht zum 19. v. Mts. erfolgte Ableben des Kaufmanns Jacob Freund, des ältesten Mitinhabers der Firma Hirsch Freund, erlitten. Der Verstorbene, ein Bruder des bekannten Breslauer Stadtverordnetenvorstehers Geh. Justizrath Dr. Isidor Freund, war ein Mann von echter, biederer Frömmigkeit, die er mit selbstloser Hingabe und persönlicher Liebenswürdigkeit in Werken der Nächstenliebe und Barmherzigkeit bethätigte, und die Anspruchslosigkeit seines Wesens, wie seine gewinnende Herzensgüte erwarben dem Dahingeschiedenen die Liebe und Hochachtung derer, denen es vergönnt gewesen, mit ihm zu verkehren, und lassen die Größe des Verlustes um so schwerer empfinden! Schon früh wurde der Verewigte, der ein Alter von 73 Jahren erreichte, infolge seiner hervorragenden Eigenschaften zur Theilnahme an der Gemeindeverwaltung berufen. So hat er über drei Jahrzehnte dem Gemeindevorstand angehört und fast ebenso lange dem Vorsitz in der Kommission der „Alten Synagoge", wo er alle Bestrebungen zur Hebung und Belebung des Kultus aufs Eifrigste förderte, sowie in der Kultuskommission I, war mehr als 31 Jahre Mitglied des Vorstandes der Israelitischen Kranken-Versicherungs-Anstalt und Beerdigungsgesellschaft, dessen Vorsitz er nahezu 18 Jahre so verdienstvoll führte, daß er seiner Zeit zum Ehrenmitglied der Gesellschaft ernannt wurde, und hat auch als Mitglied der zweiten und dritten Brüdergesellschast die edelsten Eigen-

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