Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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347 Armen hielt er das zweijährige Kind im grauen Hemde, und indem er es fast an die Scheiben des Fensters drückte, richtete er seinen flehentlichen, thränenvollen Blick hoch empor und rief aus voller Brust: „Sandalfon, Sandalfon! Du Engel des Lichtes, bitte du zu Gott, daß er ihn zu einem „starken Simson" mache!" Unterwegs, in. 0N den dentschen Alpen zum deutschen Meere! Aber ich glaube, daß mich meine freundlichen Leser bei dieser Hitze gern auf meinem Wege begleiten werden, wenn wir dabei auch von 1000 Meter auf 10 Meter Seehöhe herunterkommen. Berg und Meer sind allerdings die größten landschaftlichen Gegensätze, aber gerade darum sucht der moderne Mensch in seiner Lust an „Sensationen" gern beide hintereinander auf. Das weite, ewig bewegte Meer, in welchem die schaffende Natur ihre Größe durch Unendlichkeit ausgedrückt hat, und der starre, stolz aufragende Berg, in dessen schroffen Formen sie ihre Kraft im engsten Raume zusammenzufaffen suchte, sie beide sind die entgegengesetzten Pole des Naturschönen. Mit Recht hat sie der Psalmist immer in einen wirksamen Gegensatz gebracht. Seine Bilder sind von ergreifender Gewalt, wenn man sie im Studierzimmer oder in der Synagoge liest; sie ivachsen zu gigantischer Höhe voller Natrirpoesie, >ve»n man sie auf weitem Meere andachtsvoll wiederholt. Seit acht Tagen sitze ich auf dem rothen Thonfelsen von Helgoland und wiederhole mir immerfort, wie eine unendliche Melodie, den Psalmvers: „Dieses Meer, groß und mit breiten Händen, du hast es geschaffen. . . . „die Häupter der Uugethiime, die es füüen, du hast sie in die Tiefen geworfen!" Wahrlich, die Naturbilder des Homer sind nicht plastischer und auch nicht charakteristischer als die der Bibel, die schon Alexander v. Humboldt über aüe Poesie des Alterthums gestellt hat. Dabei fällt mir ein, daß hier auf demselben Felsen vor fünfundsechzig Jahren Heinrich Heine gesessen und die Bibel gelesen hat. Ich greife zu seinen „Briefen aus Helgoland", die noch heute dieselbe Frische und Grazie haben wie vor mehr als einem halben Jahrhlindert und freue mich an der Hellen Begeisterung, mit der der ungläubige Poet das heilige Buch wie eine neue Offenbarung begrüßt hat. In der That, dieser Dichter gehörte zu den Geistern, von welchen der Talmud in seiner drastischen und knappen Weise so treffend sagt, daß sie „wider ihren Willen Amen sagen müffen". Sein Preis der heiligen Schrift ist darum auch wirksamer als alle homiletischen und exegetischen Lobsprüche auf die Bibel von frommen Männern. Damals, als Heine auf diesem Felsen saß, war Helgoland als Seebad noch sehr jung, kaum drei Jahre alt. Aber es zählte doch schon 300 Kurgäste. Heute hat es wohl mehr als das Dreißigfache an Besuchern während eines Sommers aufzuweisen. Der meerumspülte Felsen hat eine eigenthümliche Anziehungskraft, etwas wie einen Zauberbann, der Jeden fesselt, der einnial in seinen Kreis gerathen. Auch ich niuß mich dieseni Zauber gefangen geben, und so sitze ich hier und träume angesichts des weithiir aufrauschenden Meeres das seltsamste Zeug zusammen. Nur daß leider keine rechten „Nordseebilder" daraus entstehen. Ja, nicht einmal einen rechtschaffenen Plauderbrief kann ich hier zu Stande bringen. Angesichts der erhabenen Unendlichkeit des Meeres verstummt der alberne Menschenwitz. Die meisten Menschen werden an der See schwermüthig. melancholisch oder mindestens sentiinental. Und wenn Sie wollen, können Sie noch heute bei einem schönen Sonnenuntergang das bewußte Fräulein am Meere stehen sehen und laug und bang seufzen hören, bis ihr Jemand mit dem Dichter znruft: „Mein Fräulein, sein Sie munter, das ist ein altes Stück", und so weiter. Aber diese Schwermuth ist doch wohl begründet. Nirgends kommt dem Menschen das Bewußtsein seiner Geringfügigkeit im Weltenraum und seiner Schwäche und Ohnmacht so zum Bewußtsein als angesichts des unendlichen Weltmeeres. Namentlichdem Menschen, welchem das Waffer nicht von Jugend auf vertrautes Lebenselement ist. Und da durch meine Heimathsstadt nur ein so kleines Flüßchen zieht, daß man es nicht einmal der Mühe werth gefunden, ihm einen Namen beiznlegeu, ja, daß man anständiger Weise kaum an demselben Taschlich machen kann, so muß man mir schon diese Bewunderung und diese Schwermuth zu Gute halten. Am Ende giebt es einen Augenblick, wo, wie gesagt, wirklich aller Witz aufhört und selbst der begnadete Humor verstunimen muß. Der Blick in die Unendlichkeit ist ein solcher Moment. Wer die Erde verhöhnt, wird auch Gott verhöhnen, dem: die Erde ist der Stuhl des Herr», der Schemel seiner Füße, das Kleid, das seine Glieder umhüllt. Der Witz aber, der die Thorheiten der Menschen geißelt, ist ein neckischer Kobold, der sich nicht in die höhern Luftregionen des Erdenlebens wagt lind nur im Bereiche des Scheins der Dinge dieser Welt sich tummelt. Und darum schweigt hier jeder Scherz, und jeder Versuch, einen Witz zu machen, wird von einer majestätisch heranrollenden Woge schon im Keime erstickt. Es ist etwas Wahres an dem Worte eines Kulturhistorikers, daß ein Zeitalter, wie es badet, auch lebt. Die alten Juden tauchten wie zum Gebet die Glieder in den Strom und stiegen mit einem Gefühl inniger Dankbarkeit gegen ihren Schöpfer wie neugeboren ans dem Wellenbade. Was treiben wir, die Modernen, in den Bädern? Wir, die wir alle Kulturfortschritte der Weltgeschichte in unsere Lebenskränze einzuflechten uns rühmen? Frage die Woge, die bergehoch sich thürmt und gewaltig heranrollt, um dann später wieder in ihr Bett zurückzukehren und in Millionen Wassertropfen sich aufzulösen! Wir treiben nichts in den Bädern, wir vertreiben höchstens, was uns stört, nämlich die Ungeheuer von Krankheiten, die in unserer Zeit so beutesüchtig wie sonst nie das Menschengeschlecht verfolgen, und von denen unsere Alten absolut nichts gewußt haben. Im Uebrigen folgt uns der ganze Kulturapparat des Jahrhunderts ins Bad wie in die entfernteste Sommerfrische getreulich nach. Wann werden wir es endlich einmal lernen, die Natur des Lebens wieder zu begreifen, wie unsere Alten? Und werden wir je wieder die Natur lieben niit reinem, „ungeschminkten!" Herzen? Warum müssen wir, wenn wir ans einen Sommermonat dem Gewühl und der aufreibenden Arbeit des Weltlebens entfliehen, den ganzen großen Apparat der Kulturthorheiten und Modelaster, denen wir zu entfliehen gedachten, in den Bergen und am Meere wiederfinden? „Und ein Narr wartet auf Antwort!" Ich aber will nicht der Narr sein, der die Kultur anklagt und dann doch keine Antwort bekommt, sondern ziehe es vor, das Fragen aufzugeben, mein Badezelt in Helgoland abzubrechen und aus der Melancholie des Lebens am Meere zu der Arbeit des Berufslebens zurückzukehren, die meiner in der Heimath wartet. Allen Lesern aber, die mir treulich gefolgt, ob sie auf hohen Bergen oder am weiten Meeresstrande weilen, wünsche ich zum Danke die gute Erholung, die sie dort suchen werden und in vollem Maße finden möge». 6. K.