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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-19 · Heft 29 (19.7.1895) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 29 (19.7.1895)
Date
1895-07-19
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
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346 lich. — Er verstand es aber »ach wenigen Gedanken und richtet sich auf. — Der wundervolle, berauschende Traum ist verflogen; er verstand nun, daß er kein Simson war, jener mächtige und poetische Held der Bibel, sondern daß er nur Schimele, der Sohn Gerschon's, ein armer Gelehrter dieser neuen Zeit war, der seine ganze Vergangenheit und seine ganze Zukunst in der engen, grauen Stube verbringen wird, über jenes Buch, welches sich fast auch zu wundern scheint, daß er es so lange verlassen, gebeugt, und das offen auf dem Tische liegt. Merkwürdig, wenn er auf das Buch hinblickt, bedeckt ein seltsamer, fast scheuer Ausdruck sein blasses Gesicht. Er wendet seine Augen ab und setzt sich still auf die Bank am Fenster. Wahrscheinlich kann er auf das Buch nicht sehen, denn er wendet fortwährend seinen traurigen Blick davon ab. Eine tiefe Falte liegt zwischen seinen Augenbrauen und wirft auf das ganze Gesicht den Ausdruck düsterer Tiefsinnigkeit. Er hat nun das Leben der That versucht, des peinigenden, aber zugleich ergötzlichen Leidens und hohen Glücks, das Leben der Niederlage und der Triumphe. Aber es war ein Traum, er muß jetzt zu deu großen Folianten zurückkehren, zu mühseligen Studien, die ihn vordem beschäftigt. „Und was wird den Menschen und mir davon herauskommen?" Er dachte an die Menschen. . . . Was wird er jetzt mit der heißen, rührenden Liebe zu den Menschen anfaugen? Mit der Liebe, die dort auf der armseligen Theaterdiele ausflammte in dem mächtigen Herzen Simson's, und die auch in der schwachen Brust Schimele's stark und mächtig pochte? Wie wird er sie ausdrücke»? Wozu wird er sie benutzen? Mit welchen Thaten wird er ihr glühendes Begehren stillen? Was wird er mit dem Vorgefühl der andern Liebe beginnen, die das flammende Auge und die geschmeidige Taille der Delila entzündete? Was soll aus dem Vorgefühl jener rührenden und glücklichen Liebe, welche in dem großen Herzen Simson's entstanden, mit Thränen und Seufzern einer unaussprechlichen Sehnsucht es erfüllt hat, nun werden in dieser grauen Alltäglichkeit ohne Ideale? Schimele kannte nicht einmal dieses Wort, aber da sie einmal vor seinen Augen vorbeigegangen, hing er an ihnen mit seiner ganzen Seele. Ja, vor seinen Auge» sind die Ideale der That, der Liebe und des Ruhmes vorbeigezogen. . . . Er beugte seinen Kopf nieder und blickte auf seinen Anzug. Ein merkwürdiges Lächeln spielte auf seinen Lippen. Der weiße Mantel umhüllte weich seine Knie und Füße, das Scharlachgewand schimmerte von Gold, die Kette von Glasperlen bedeckte noch seine Brust, bei dem Lichle der kleinen Lampe blinkte er vom Glanz der Rubinen, Smaragden und des Silbers, auf der Stirn fühlte er das Wehen des Federbuschcs, welcher vom ritterlichen Helm herabhing. Er lächelte eigenthümlich, dann erhob er seine Hände, und langsam nahm er den vergoldeten Helm mit dem Federbusch von seinem Kopf herunter. Er legte ihn auf den Tisch und blickte ihn mit seinen brennenden Augen an, von welchen nach einem Augenblick zwei große Thränen über seine Wangen flössen, — „Lebe wohl, du starker Simso»! Du großer Mann, der mich gelehrt hat, daß es in der Welt große Heldenthaten, große Liebe für die Menschen, schöne Delila's und schwache, unglückliche Schimele's giebt." ... Er faltete seine Hände so gewaltig, daß die Knochen in den Gelenken knackten, dann erhob er sie zu seinem Hals und fing an, die Kette von Rubinen, Smaragden und Silber abzulösen, er hielt sie vor sich, und durch das Netz der schimmernden Schnüre glänzten seine Thränen. — „Lebe wohl, du starker Simson, du großer Mann!" — Plötzlich erhob er die Augenlider, und die Hände, welche die Kette hielten, fielen auf seine Knie. Er sah vor sich ein Bild und wußte im ersten Augenblick nicht, was es bedeuten sollte: Ihm gegenüber stand das Stübchen, welches wie eine dunkle Höhle aussah und mit sechs Paar lebhaft blitzenden Punkten besäet war. Diese Punkte waren menschliche Augen und schimmerten aus verschiedenen Höhen und Entfernungen; die menschlichen Gestalten, zu welchen sie gehörten, waren ganz in der Dunkelheit verborgen. Die sechs Paar Augen ruhten auf dem Gesicht Schimele's und drückten Staunen, Entzückung und freudige Bewunderung aus. In dem Moment, wo er die Kette aus die Knie fallen ließ, fingen die blauen, grauen und schwarzen Punkte sich ihm zu nähern an. Alle waren durch einen glänzenden Funke» entbrannt, und in der Höhe wieder, auf dem höchsten Punkt, glänzten noch zwei kleine Lichter, die wie goldene Dukaten aussahen, und von der Höhe, von welcher sie kamen, hörte man ein ständiges, monotones Murmeln. — Es war die Katze, die in der hohen Oeffnung des Ofens saß und den Herrn des Hauses anglotzte! Neben ihr befand sich die ganze Familie, die, als Schimele kam, geschlafen hatte, dann aber aufgewacht war. Jeder saß an seinem Ort auf der Erde und schaute auf das herrliche Kostüm des Vaters und des Mannes. . . . So schauten sie ihn Alle seit langer Zeit an, den Athen: in der Brust hemmend, um die Erscheinung in Scharlach und Gold nicht scheu zu machen, welche ihnen wie im Traume erschien. Daun kam Zipa aus der Dunkelheit hervor. Sie setzte sich ihm zu Füßen, hob ihr dunkles, verrunzeltes Gesicht in die Höhe, welches von den schwarzen Bändern einer runden Haube eingerahmt war, die sie in der Nacht anstatt des Scheitels trug, faltete ihre Hände und blickte in sein Gesicht mit dem Ausdruck voller Zärtlichkeit. Hinter ihr guckten aus dem Dunkel die rothhaarigen Köpfe Mendels und Esterchens heraus. Auch Enoch's blaffes, schmales Gesicht war zu sehen. Hinter ihnen Allen stand Liba mit dem aufgeflochtenen Zopf und mit dem kleinen Lesser auf dem Arm. Alle schwiegen. — Und auch Schimele schwieg lange, der Reihe nach die ihn schon nahe umringenden Gestalten ansehend. Dann maß er sie Alle mit einem Blick, und rasch sein Gesicht in die Hände verbergend, fing er laut und jämmerlich zu weinen an. Und weinend sprach er: „Meine armen, armen Kinder, meine armen Fische, meine Brillanten! Was werde ich für Euch thun? Was kann ich für Euch thun? Ich bin selbst arm, schwach, klein und so — ohnmächtig, und Ihr werdet immer arm, klein und unaufgeklärt bleiben!" — Plötzlich hörte er auf zu stöhnen und zu ächzen, erhob sich von dem Stuhle, und vor dem Fenster stehen bleibend, versenkte er seinen Blick in die Dunkelheit. So stand er lange, lange sinnend, bis er wieder den langen Streifen sah, der auf dem Boden der schwarzen Nacht eine goldene Leiter bildete, deren Stufen mit Engeln besät waren; und an der Spitze stand wieder der weiße, mildleuchtende Engel des Gebetes, der mit Dornen gekrönt war und selbst Kränze flocht. Schimele wendete sich zu der kleinen Schaar, die seine Familie bildete, und nahm den kleinen Leffer aus den Händen Liba's. — Wenn Jemand damals auf dem engen Hofe gestanden hätte, so hätte er hinter dem Fenster bei dem matten Licht einer kleinen Laiupe ein eigenthümliches Bild gesehen. In der Tiefe der Stube leuchteten »och immer, wie in der Luft hängend, die goldenen Angen der Katze. Näher strahlten von dem dunklen Boden die blassen, schmalen Gesichter von Liba und Enoch, die den Mund vor Verwunderung öffneten; noch näher standen Ester und Mendele, sie hielten sich an den Händen und öffneten weit ihre blauen Augen. Schimele bückte sich über den Tisch — in den beiden ausgestreckten

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