Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Me religiösen Zustände in den jüdischen Gemeinden Böhmens. Aon Rabbiner Dr. Klotz in Jungbunzlau. #chon lange hegte ich die Absicht, die religiösen Zustande der jüdischen Gemeinden Böhmens in diesem geschützten Blatte einer Besprechung zu unterziehen. So oft ich aber diesen Gedanken verwirklichen wollte, hielt mich eine gewisse Scheu vor dem Bilde zurück, das sich da vor den Augen der Leser entrollen würde. Plötzlich bemerkte ich in Nr. 18 dieses Jahrganges einen Artikel mit der Ueberschrift: „Briefe aus Böhmen". War ich angenehm überrascht, bevor ich diese „Briefe aus Böhmen" noch gelesen hatte, da ich eine genaue Schilderung und eine wahrheitsgetreue Darstellung des religiösen Lebens der jüdischen Gemeinden Böhmens erwartete und mich somit der unangenehmen Arbeit, selbst öffentlich darüber zu berichten, entzogen zu sehen hoffte, so war meine Enttäuschung keine geringe, nachdem ich dieselben gelesen. Ich erhielt den Eindruck, daß Verfasser dieser Briefe entweder die religiösen Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden Böhmens nicht kenne, oder daß er nicht den Muth habe, schonungslos, ohne nach rechts und links zu schauen, die Zustände in ihrem wahren Lichte vor aller Welt anfzudecken. Zögerte ich noch vor dem Erscheinen dieser Briefe mit der Veröffentlichung dieses heiklen Gegenstandes, so erscheint mir dieselbe jetzt als eine unabweisbare Pflicht, da manches darin Vorgebrachte einer Berichtigung bedarf. Der Verfasser hat vollkommen Recht, wenn er der Prager Kultnsgemeinde den Vorwurf macht, daß sie mit den Kultusgemeinden des Landes nie in Harmonie und Eintracht gelebt habe. Während wir die Wahrnehmung machen, daß überall die jüdische Gemeinde in der Hauptstadt tonangebend für die Gemeinden des Landes ist und der belebende und befruchtende Keim auf dem religiösen Gebiete von dort aus sich weiter verbreitet und Wurzel faßt, so hat es die Prager Kultusgemeinde verstanden, nicht nur nicht auf die ihr gebührende Führerrolle freiwillig zu verzichten, sondern auch jeder aus dem Zeitbedürfniffe nothwendig sich ergebenden Anregung zur Hebung des religiösen Sinnes und Empfindens, wenn diese nicht aus ihrer eigenen Mitte und Initiative hervorging, hemmend und hindernd in den Weg zu treten. Und welches war das Resultat dieser ewigen Kluft, die bis auf den heutigen Tag noch nicht überbrückt ist? Welche Früchte zeitigten die Zerwürfnisse zwischen der Hanptgemeinde und den Gemeinden des Landes? Von der ersteren nichts erwartend, sahen sich die letzteren genöthigt, ohne Vorbild ihre eigenen Wege zu gehen und Reformen nach eigenem Gutdünken einzuführen. Diese Reformen die so tief in das religiöse Leben einschneiden und daher überall, wo die Einführung derselben geplant wird, viel Staub aufwirbeln, die Gemeinden in zwei Lager spalten, diese Reformen haben sich hier in Böhmen mit solcher Schnelligkeit vollzogen und so bald und leicht eingebürgert, als hätten sie seit jeher bestanden. Die älteren Gemeindemitglieder, die an den überkommenen Satzungen noch fest hielten, versuchten zwar hier und da gegen solche Neuerungen Einspruch zu erheben; wie ernst sie es aber mit diesem Widerspruche meinten, beweist der Umstand, daß sie nach Einführung derselben Gefallen an ihnen fanden und keine religiösen Skrupel mehr an den Tag legten. So ist zum Beispiel Orgel mit gemischtem Chor hier in Böhmen, mit Ausnahme von vier bis fünf Gemeinden, zum überwundenen Standpunkte geworden. Ein Lächeln würde es Jedem entlocken, wenn ein Rabbiner Anstoß an solchen Einführungen nehmen wollte. Und ist diese Neuerung das einzige „Uebel", dem die Rabbine Böhmens sich zu fügen verurtheilt sind? Zinn Heile der Gemeinde,, und im Interesse der Rabbinen wäre dies zu wünschen. Jedoch sin .■ die Letzteren auf dem ganzen religiösen Gebiete in ihrer Macht s beschränkt und so eingeengt, daß sie, anstatt zu wirken, zum Zu schauen und Schweigen verurtheilt sind. In vielen Gemeinden »vir der Rabbiner bei Einführung wichtiger, in den Kultus tief ein schneidender Dinge nicht einmal zur Berathung zugezogen und übe seinen Kopf hinweg, als verstände er, der Berufenste, nichts davon oder als sähe mau in ihm im Voraus den entschiedenen Gegner werden Beschlüsse gefaßt, lleberhaupt wird der Rabbiner hier al ein überflüssiges Stück Möbel betrachtet, dessen man sich gern ent äußern würde, wenn nicht jede Gemeinde durch das neue Gesetz ge zwungen wäre, einen Rabbiner in ihrer Mitte zu besitzen. Und wc trägt die Schuld an der Untergrabung jeglicher Autorität de- Rabbiners? Woher kommt es, daß die Kultusvorstehcr in Böhme, die Kompetenz ihrer Machtbefugniß überschreiten und selbst au religiösem Gebiete den Rabbiner sich subordinirt wissen wollen? Auü von diesem Fehler, der das religiöse Leben gänzlich untergrabe, muß, ist die Prager Kultusgemeinde nicht sreizusprechen. — Jud> Jeiteles' Beispiel, das Prager Rabbinat zu bevormunden und z, beherrschen, wirkte verlockend auf seine Nachfolger im Amte. Ers in neuerer Zeit ist diese Spannung einem harmonischen und fried lichen Zusammenwirken gewichen. — Ist es nicht beschämend um empörend, daß der Vorstand sich vermessen konnte, einen Rappopor vor sein Forum auf das jüdische Rathhans zu laden, anstatt ihn i> seiner Wohnung aufzusuchen oder schriftlich mit ihm zu verkehren Diese Suprematie der Herren Vorsteher über das Prager Rabbina fand bald Nachahmung bei sämmtlichen Gemeindevorstehern auf den Lande, obwohl diese mit dem Prager Vorstande in ewiger Fehde lagen Der Verfasser der „Briefe aus Böhmen" kann nicht genug dei religiösen Fortschritt der böhmischen Juden rühmen und hegt midie eine Befürchtung, daß dieser Fortschritt dadurch eine Einbuß erleiden könnte, daß einige Gemeinden bei der Wahl der Rabbine nicht vorsichtig genug seien, dieselben nach ihrem religiösen Stand punkte zu fragen und trotz ihrer konservativen Richtung kein Bedenke, hegen, sie anzustellen. Vor Allem möchte ich den Verfasser fragen, was er unter Fort schritt in diesem Falle verstehe? Ist das etwa Fortschritt zu nenne» daß fast sämmtliche Tempel in den jüdischen Gemeinden Böhme», trotz Orgelklang und Mädchengesang, am Sabbath und an de, Feiertagen leer von Besuchern sind, oder ist etwa das Fortschritt, da, die Schechita so im Argen liegt, daß selbst der Rabbiner infolge seiner Machtlosigkeit und seines geringen Einflusses, sich genöthig sieht, sich über Manches hinwegzusetzen, was er unter anderen Ver hältnissen in keiner Weise geduldet hätte. Die Schächter sind zun großen Theil sehr fortschrittlich gesinnt, schlachten alles glattwee koscher und belästigen den Rabbiner nie mit einer Anfrage. Und wenn sie von demselben darob zur Rede gestellt werden, so berufen sie sich auf den Thierarzt, der doch in dieser Sache mindestens u viel Autorität ist wie der Rabbiner! — Ist das Fortschritt, das Viele sich konfessionslos erklären, wenn man ihnen eine hohe Kultus steuer vorschreibt, leichten Herzens sich ihrer Religion, wegen eine, geringfügigen Steuererhöhung, entäußern, als wäre dieselbe eine fei, zu bietende Maare, die man gern los wird? Ist das Fortschritt daß die Tempelvorsteher, welche beim Sefer stehen und zeigen, an Sabbath mit der brennenden Cigarre in der Hand bis vor di, Tempelthür gehen und dann die fromme Handlung des Zeigens ver sehen? Ist das Fortschritt, daß manche Kultusvorsteher, anstatt mi, gutem Beispiele voranzugehen, sich am Sabbath vom Tempelbesuch-