Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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I 4 folgen. So heißt es z. B. in der Durchführungsverordnung zum Ehegesetze wörtlich: „Der Standesbeamte darf jedoch keine Haltung bekunden, welche geeignet wäre, die Eheschließung als eine Nachahmung der konfessionellen Ceremonie erscheinen zu lassen und die Eheschließenden von der Inanspruchnahme der konfessionellen Trauung zurückzuhalten. Ter Standesbeamte ist verpflichtet, die Eheschließenden aufmerksam zu machen, daß ste mit dem vor ihm geschehenen Abschlüsse der Ehe ihren religiösen Pflichten noch nicht genügt haben." Die rücksichtsvolle Art, in welcher die Regierung die kirchenpolitischen Gesetze vollziehen will, ist auch aus den sonstigen Durchführungs-Verordnungen ersichtlich. Im Interesse der nicht erledigten Gesetzesvorlagen über die freie Religionsübung und die Rezeption der jüdischen Religion erhielten mehrere Persönlichkeiten die Standeserhöhung mit Sitz und Stimme im Magnatenhause, für dessen liberale Partei dieser Peerschub einen Zuwachs von sieben Stimmen bedeutet. Durch diesen, so wie durch den im Herbste zu erfolgenden Peerschub ist die Annahme der erwähnten Vorlage zweifellos. — Das Spital der Pester israelitischen Religionsgemeinde erhält durch den Bau des Adele Brüdy'schen Kinderhospitales einen bedeutenden Zuwachs. Die Baukosten, welche zum größten Theile aus der A. Br6dy-Stiftung gedeckt werden, belaufen sich auf 600.000 Kronen. — Der Sanitätsinspektor Dr. Nathaniel aus Feuer und der Primararzt Dr. Adolf Szili wurden zu öffentlichen außerordentlichen Professoren für Augenheilkunde an der hiesigen Universität ernannt. — In Pruszha besuchte der Bischof Bende anläßlich seiner Iirmungsreise die staatliche Volksschule, welche auch von vielen jüdischen Kindern besucht wird. Er richtete an die Kinder Fragen verschiedenster Art nnd stellte zufällig die Frage, welches das sechste Gebot sei. an ein jüdisches Kind, Als man ihn auf diesen Umstand aufmerksam machte, bemerkte er lachend: „Das thut nichts, die Israeliten lernen ja das auch, wenigstens sollten sie es lernen." Als später von der Nächstenliebe die Rede war, ermahnte er die Großen und die Kleinen, stets in gutem Einvernehmen mit einander zu leben und immer im Sinne dieses Gebotes zu handeln. Rußland. 0 Lt. Petersburg, im Juli. Mit der Behauptung, daß in diesem Jahre die Anklage des rituellen Mordes nirgends bei Gelegenheit des Osterfestes entstanden sei, hatte man sich zu sehr beeilt. Man hatte die menschliche Weisheit zu hoch angeschlagen. Folgendes wird dem „Woschod" vom 23. April/5. Mai aus Semipalatinsk geschrieben: „Dank der energischen Intervention des Militärgouverneurs unserer Provinz ist die jüdische Bevölkerung einer großen Gefahr entgangen. Einige Tage vor dem russischen Osterfeste ging das Gerücht durch die Stadt, daß ein christlicher Knabe, Namens Wladimir Latintzef, der seit dem Monat Dezember aus dem väterlichen Hause verschwunden war, von den Juden gestohlen worden sei und von ihnen in Bereitschaft gehalten würde zur Erfüllung ihres blutigen Osterritus. Da dieses Gerücht in Zunahme begriffen war, ängstigte sich die jüdische Bevölkerung und wandte sich an den Militärgouverneur mit der Bitte um Hilfe und Schutz. Der Gouverneur ließ augenblicklich große Zettel ankleben, in welchen er das Gerücht von der Ermordung des fehlenden Knaben für lügenhaft erklärte, hinzufügend, daß derselbe sich wohl und gesund in einer benachbarten Stadt bei seinem Großvater befände. Diese offizielle Notiz wurde in den Kirchen verlesen und die Popen beauftragt, die Unsinnigkeit der Legende von: rituellen Morde nachzuweisen. Indessen wurde die Menge immer erregter. Man hörte eine christliche Dienerin zu ihrer jüdischen Herrschaft sagen: „Warum geben Sie sich so viel Mühe, um Ihre Wohnung zu Ostern reinigen zu lassen, da es beschlossen wurde, daß am ersten Tage unseres Osterfestes alle Juden massakrirt werden sollten?" Da die Juden um ihre Sicherheit sehr besorgt wurden, thaten sie das Einfachste, sie ließen Großvater und Kind kommen, was den Ungläubigsten die Augen öffnete. Von Nah und Fern. Am Montag starb hier nach kurzem schweren Leiden Sanitätsrath Dr. David Löwenstein im 62. Lebensjahre Dr. Löwenstein hat sich neben feinem ärztlichen Berufe auch gemeinnützig vielfach bethätigt und sich besonders um die Organisation der ärztlichen Nothhilfe im Osten Berlins, der Ferienkolonien, des Kindergartenwesens u. a. m. verdient gemacht. — Im Verlage von Emil Apolant erschein! demnächst von Dr. S. Apolant ein Lehrbuch für den syste malischen Unterricht in der jüdischen Religion, sowie ein Leitfaden für den systematischen Unterricht in der jüdischen Religion. - In Hamburg tagte am 5. d. Mts. eine antisemitische Volks Versammlung. Die bedeutend stärker anwesenden Sozialdemokraten beantragten eine gegen den Antisemitismus protestirende Resolution, und diese wurde mit allen gegen vier Stimmen (von diesen zwei der bas „Büreau" bildenden Einberufer) angenommen. Die Versammlung mochte aus etwa 150 Personen bestehen. — Es ist festgestellt worden, daß die Mitglieder der Synagogengemeinde in Schippenbeil nid)! mehr in der Lage sind, diejenigen Aufwendungen zu tragen, die zur ordnungsmäßigen Verwaltung eines selbstständigen Synagogenbezirkc erforderlich sind. Die Aufsichtsbehörde hat daher im Einverständnis mit den Betheiligten die Synagogengemeinde aufgelöst und sie mit der jenigen zu Bartenstein vereinigt. — Der 46 Jahre alte Tagelöhner Friedrich Schäfer von Ludwigshafen, der im Mai d. Js. an den Kaufmann Herz Bodenheimer einen Brief schrieb, in dem er die schleunige Auszahlung von 50,000 Mark verlangte, andernfalls durch einen anarchistischen Geheimbund, dessen Führer er sei, die sämmtlichen Getreide- und Tabakmagazine der hiesigen Juden mittelst Bomben und Dynamit in die Luft gesprengt würden, wurde von der Strafkammer in Mannheim zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt. — Am 8. Juli feierten Herr Levi Kaufmann und dessen Ehefrau Rebecka, geb. König, zu Borken, Hessen-Nassau, die goldene Hochzeit. Das Jubelpaar, im 83. Lebensjahr stehend, ist noch recht rüstig. — Der Wiener Arzt Dr. Marmorek, der sich in Paris durch seine Arbeiten im Institut Pasteur bemerkbar gemacht hat, wurde zum Direktor der serum-thera peutischen Abtheilung des Instituts Pasteur ernannt. — Baron Hirsch hat über Vorstellungen seines von seiner galizischen Informationsreise zurückgekehrten Sekretärs Herrn Dr. Sonnenfeld beschlossen, seine Wohlthätigkeits-Büreaus in der Weise zu reorganisiren, daß die Komitees entsprechend verstärkt und sämmtliche bei denselben einlaufenden Petitionen ihm selbst nach Paris zur Entscheidung eingeschickt werden. — In das französische Centralkonsistorium ist der Brigade-Artillerie- General Abraham als Vertreter von Constantine eingetreten. In derselben jüdischen Behörde sitzt auch der Brigade - General See als Vertreter von Paris Ein nachahmenswerthes Beispiel! — Lord Rosebery hat noch vor seinem Abgang einen Juden, Mr. Sydny Stern, zum Pair ernannt. Bei dieser Gelegenheit wird daran erinnert, daß die beiden jüdischen Pairs von England, Rothschild und Stern — aus der Frankfurter Judengasse stammen. In England nimmt aber kein Mensch Anstand daran. — Jüdische Kreise wird die Nachricht interesstren, daß das Bankhaus I. E. Günsburg in Petersburg, welches mit seinen Gläubigern jetzt vollständig abgerechnet und deren Guthaben nebst Zinsen ausgezahlt hat, nach der St. Petersburger Zeitung seine Thätigkeit wieder ausnehmen wird. — Die jüdischen Ackerbaukolonien der Provinzen Cherson und Ekaterinoslav haben eine Kollektiveingabe an den Ackerbauminister gerichtet, in der sie die Gründung einer besonderen Ackerbauschule fordern, die in einer der Kolonien ihren Sitz hätte und deren Kosten von allen Kolonisten bestritten würden. — Herr Pariente, der viele Jahre hindurch mit bekannter Hingabe und Tüchtigkeit die Knabenschule der Alliance zu Smyrna geleitet hat, erhielt vor Kurzem von dem Sultan die Rosette des Osmanie-Ordens. — Nach einer Statistik des Unterrichtsministeriums giebt es in Tunis bei 13,911 Zöglingen beider Geschlechter, die die Schulen der Regentschaft besuchen 3,914 Israeliten, 3,565 Mohamedaner, 2,361 Franzosen, 2,342 Italiener, 1,508 Malteser und 339 verschiedene Nationalitäten. Unsere Glaubensgenossen sind es also, die diesen Anstalten das größte Kontingent liefern. — Die Herren Jakob H. Schiff und L. H. Blormindale haben dem „Montefiore-Heim für chronische Invaliden" in New-Uork je 25,000 Doll. (100,000 Mk.) gespendet, Herr Hetury Barmand demselben Institut ein Grundstück im Wertste von 50,000 Doll, zum Geschenk gemacht. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauckwitz in Berlin