Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 t?. Posen, 5. Juli. Von den Kandidaten, welche sich um die vakante! Rabbiner stel le in Kr o Losch in bewarben, sind vier zu Probepredigten j zugelassen worden. Einer derselben, Herr Rabbiner Dr. Chodowski aus j Oels, hat bereits eine solche gehalten. - In Sv a n i f d>t ereignete sich j folgender interessante Vorfall. Dortselbst hatte aus Anlaß der stattzu- . findenden Wahl ein Antisemit seine Gesinnungsgenossen — da sie ein! Versammlungslokal nicht erhalten konnten - zu sich auf seinen Hof ge-; laden. Die resolute Frau des Oekonomen aber machte von ihrem Haus- J recht Gebrauch und verbat sich energisch den „antisemitischen Zauber". > a. Aus Schlesien, 9. Jnli. Der Stadtälteste Kaufmann D L. Glogauer in Falkenberg hat anläßlich des kürzlich von ihm begangenen goldenen Vürgerjubiläums dem Magistrat 300 Mark mit der Bestimmung überwiesen, daß dieser Betrag mit der Cohn'schen Stiftung zu einer Cohn-Glogauerschen Stiftung verschmolzen und von den gemeinsamen Zinsen jede Ostern abwechselnd ein katholisches, evangelisches und jüdisches Schulkind bekleidet werde Die Stadtverordnetenversammlung beschloß auf diese MitlHeilung hin, Herrn Gloaauer ein Dankschreiben zugeheu zu lassen. — Die zur Gedächtnißfeier der im Jahre 1866 in Oswi encim iOesterreich) gefallenen preußischen und österreichischen Krieger auf Einladung eines Komitees des Kattowitzer Kriegervereins versammelten Deputationen mehrerer benachbarter Kriegervereine begaben sich in stattlicher Zahl am 28. v. Mts. auch auf den jüdischen Friedhof in Oswieneim, wo auf den: Grabe der beiden gefallenen jüdischen Kameraden gleichfalls Kränze niedergelegt wurden. An der ganzen Feierlichkeit hatten sich auch eine Anzahl österreichischer Offiziere betheiligt. — Der Kaufmann Israel Wohlfarth in Breslau, Ohlauerstraße 15, beging am 27. Juni sein fünfzigjähriges Bürgerjubiläum. Der Jubilar, zu Breslau am 17. März 1815 geboren, erfreut sich trotz seiner vorgerückten Jahre noch einer guten Gesundheit und ist als Kaufmann immer noch thätig r. (')uben, 6. Juli. Der hiesige jüdische Frauen-Berein hat jüngst sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum gefeiert. Eine edle, wohlthätige Frau, die leider schon vor längerer Zeit von hier verzogen, gründete vor 25 Jahren mit noch zwei Gefährtinnen unfern Verein. Es war immer nur eine kleine Schaar Frauen, 20 bis 25 an der Zahl, aber mit den geringen Mitteln hat er sich stets über Wasser gehalten und manches Gute vollbracht. Er unterstützte eine alte Beamtenfrau, deren Mann im Dienst ergraut und gestorben war, arme Mädchen, die kümmerlich sich und ihre armen Eltern ernährten, und trat da oft mit seinen Mitteln ein, wo durch Krankheit eine bessere, leibliche Pflege Noth that. Die Schreiberin dieser Zeilen wurde als neunzehnjährige Frau zur Vorsteherin dieses Vereins gewühlt, ist inzwischen Mutter und Großmutter geworden, hat aber mit großer Liebe und Lust das Amt der Vorsteherin 25 Jahre verwaltet und es dahin gebracht, daß auch der christliche Frauenverein, in dem die meisten der jüdischen Frauen hier auch Mitglieder sind, sich betheiligte, wenn eine größere Ausgabe für unfern Verein Noth that. Trotz des Antisemitismus der heutigen Zeit ist dies stets mit der größten Bereitwilligkeit geschehen. Die Feier selbst fand würdigen Ausdruck in der Synagoge. Hier sprach Herr Sachs sehr schöne Worte über das Wohlthun, im Besondern das der jüdischen Frauen. Zum Schluß regte er auch die Männer an, diesem Beispiel zu folgen. Wir Frauen des Vereins feierten in dem Sinne, daß wir unfern Armen die für sie bestimmte Ration doppelt austheilten. ' k. Hannover, tat Juli. Die Leistungen der W ohlthätigkeits- Vereine bieten einen sichern Maßstab für den jüdischen Geist, der in einem Gemeindewesen herrscht, und deshalb geben die Rechenschaftsberichte mehr als bloße Zahlen und sind über den Kreis der Mitglieder von Interesse. Die einzeln erschienenen Berichte über die Verwaltung zweier Vereine, des Wohlthätigkeitsvereins im 133. Jahre seines Bestehens und des 14 Jahre wirkenden Vereins zur Unterstützung israelitischer Armen und zur Beseitigung der Hausbettelei, bieten ein erfreuliches Bild des Wohlthätigkeitssinnes in unserer Gemeinde, der Elend und Noth in ihren vielfachen Erscheinungen zu lindern bestrebt ist. Die Einnahmen des Wohlthätigkeitsvereins beliefen sich auf 14,587.94 M. (Beiträge der Mitglieder -449.50 M., Eintrittgelder 161 M., Spenden beim Gottesdienste 827 M., aus den Buchsen bei Beerdigungen 1139.62 M., Beerdigungsgelder 675 M., Erbbegräbnisse und Neihengräber 1150 M., größere Geschenke 350 M., Zinsen 4776.95 M., für abgegebene Leichenkleider 55.37 M., Insgemein 3.50 M.) und die des Unterstützungsvereins auf 10,340.71 M. (Beiträge 9886.50 M., Geschenke 370 M., Zinsen von zeitweise belegten Kapitalien 104.21 M.). Die Ausgabe erreichten die Ziffer von 13,232.33 M. resp. 11,808.50 M. Die Am gabert des Unterstützungsvereins überstiegen die Einnahmen um 1467.79 M so daß zu dem Ueberschuß vom vorigen Jahre gegriffen werden mußt Es haben sich nicht allein die Unterstützungen an hiesige Arme und At stalten in wöchentlichen und monatlichen Raten von 1921.60 M. ti vorigen Jahre auf 2356 M. erhöht, sondern auch die Ausgaben fü durchreisende Arme sind von 4310.50 M. auf 6670.60 M. gestiegen, dan 1932 Parteien gegen 1275 im Vorjahre vertheilt wurden. Es wäre vorwiegend durchreisende russische Juden, die aus dieser Kasse unterstut werden mußten, da die Gelder der Russen-Kontitees vollständig erschöpf waren. Diese Zahlen sprechen beredter als Worte von dem zunehmende j Elend; noch ein anderes trauriges Zeichen im Erwerbsleben bietet diese! Bericht, indem die Rückzahlungen von gewährten Darlehen und Vor schüssen von 1319.50 M. im Vorjahre auf 312 M. sich ermäßigt haben — Der Wohlthätigkeitsverein, der seine Unterstützung den Kranken un. Siechen zuwendet, verattsgabte u. A. für Verpflegung und Umerstützuw Hiesiger 3226.20 M., für Aerzte, Bäder, Apotheke 2C. 3551.58 M, fü Unterstützung Auswärtiger 932.45 M. und für die israelitische Kranken station 1000 M. Die Jahresrechnung ergiebt einen Ueberschuß vor 1355.61 M., und das feste Vermögen bestand Ende 1894 aus 117,550 Ai Jlu Jahre 1894 wurden auf unserm Friedhose 26 Männer, 10 Frauen 3 Knaben und 13 Mädchen, im Ganzen 52 Personen, außerdem 4 Todt geborene, beerdigt; im Vorjahre 17 Männer, 20 Frauen, 9 Knaben unk 9 Mädchen, im Ganzen 55 Personen, außerdem 2 Todtgeboreue Während dieses Verhältniß gleich geblieben, ist besonders die israelitisch. Krankenstation ungleich häufiger in Anspruch genommen; es wurden hier 60 Personen untergebracht und verpflegt, gegen 29 im Vorjahre; 3 fandet, in dem städtischen Krankenhause und 4 in Heilanstalten für Geisteskrank. Aufnahme. Der Verein besteht gegenwärtig aus 358 Mitgliedern und 42 beitragenden Frauen, umfaßt also ebenso wenig, wie der erstgenannte Uuterstützungsverein, der 360 Mitglieder zählt, die ganze Gemeinde, die an stimmfähigen Mitgliedern die Zahl 550 bereits überschritten hat. — Im Anschluß an die am 3. und 4 Juni hier abgehaltene Lehrer Versammlung war auch eine General-Versammlung der Unter stützungskasse für jüdische Lehrer angesetzt, auf der wichtige Beschlüsse über Statutenänderung gefaßt werdett sollten. Bedauerlicher Weise war dieselbe nicht beschlußfähig, und es konnte in die Statuten berathuug nicht eingetreten werden. Der von dem Vorsitzenden, Herrn Landrabbiner Dr. Grouemann, erstattete Bericht erwies, daß trotz der steigenden Anforderungen die Kasse noch immer ein Segen für die emeritirteu Lehrer und Lehrerwittwen ist. Sie würde noch segensreicher wirken, wenn der Vorstand, der so eifrig um das Gedeihen der Kaffe bemüht ist, von allen Vorgesetzten und Lehrern, besonders der Provinzen. Hildesheim und Aurich, die gewünschte Unterstützung fände. — gum Schluß noch ein ergötzliches Märchen, welches die antisemitische „Hannoversche Post" ihren Lesern, die durchaus keine unschuldigen Kinder sind, zu erzählen wagt. Sie läßt sich aus Pest schreiben, daß in Folge der Schweineseuche, durch welche jüdische Händler große Verluste erleiden, „in den Synagogen, nach übereinstinunender Meldung ungarischer Blätter, für das Wohl der Schweine" — warum nicht gleich aitch für ihr Seelenheil? — „gebetet würde, und die orthodoxen Juden, denen die Schweine und ihr Fleisch ein Greuel sind, vereinigen sich mit ihren liberaleren Genossen in den Gebeten zu Gunsten des Schweines." Eine solche Leistung der Presse noch vor den Hundstagen! # Hagen, 7. Juli. Zu einer sehr schönen und durchaus würdigeu Feier gestaltete sich die Einweihung der neuen Synagoge der hiesigen israelitischen Gemeinde; auch bei den Andersgläubigen, welche an dieser Feier Theil nahmen, war nur eine Stimtne des Lobes über die edle Einfachheit und doch zu Herzen gehende Weihe des neuen Gotteshauses. Nach dem Abschiedsgottesdienste in dem während des Baues provisorisch benutzten Gebäude erfolgte am Freitag Nachmittag pünktlich 5l/2 Uhr der Einzug in die neue Synagoge; voran die Festordner und die Schuljugend, daun die Schlüsselträgerin nebst Begleiterinnen, die Thoraträger Oberrabbiner D r. Frank-Köln und Kantor der hiesigen Gemeinde, Hartmann, dann die Ehrengäste, Gemeinde-Vertretung und Baunteister, Direktoren hiesiger Schulen, endlich die Gemeindemitglieber und sonstige Festgenossen. Nachdem der Zug an der neuen Synagoge angelangt war, hielt die Schlüsselträgerin eine (von Frau Selma Spier gedichtete) poetische, tiefetnpfundene Ansprache, in welcher in treffenden Worten