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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-12 · Heft 28 (12.7.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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M. die l röffnungsfeier des Schwesternheims statt, das, eine Stiftung ie§ Herrn Stadtverordneten Louis Sachs und seiner Frau, nunmehr > igenthum des Vereins zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen i t. Nach einem vom Synagogenchor in der Lindenstraße unter Leitung res Herrn William Wolf vorgetragenen Choral begrüßte Herr Albert Philipp Meyer, Vorsitzender des obengenannten Vereins, die erschienenen Ehrengäste und dankte namens des Vereins den edlen Stiftern für ihre Hochherzigkeit und den Herren Professor Israel, Sanitätsrath Lazarus i nd ihren Assistenten für den von ihnen den Schwestern ertheilten Untericht in der Krankenpflege. Herr Meyer sprach zum Schluß seine Befriedigung aus über die bereits erzielten Resultate, die dem jüdischen Leibe zur Ehre gereichen, und ersuchte alsdann den Senior der Berliner Gemeinderabbiner, Herrn Dr. Ungerleider, dem Hause die religiöse Leihe zu geben, „denn an Gottes Segen ist Alles gelegen". Der Chor immte hierauf das Lied an: „Segne, Herr, die traute Stätte" rc., vorauf die Weiherede des Herrn Rabbiner Dr. Ungerleider folgte. Die Krankenpflege," führte der Prediger aus, „sei den Juden nichts 'teues, sie gehöre zu den Dingen, von denen, nach einem talmudischen lusspruch, der Mensch die Früchte in dieser Welt genießt, während der Grundstock für die künftige Welt bleibt. Schon in uralten Zeiten habe n fast jeder jüdischen Gemeinde ein Krankenpflege-Verein existirt, dem ie edelsten Männer und Frauen angehörten, welche die Krankenpflege praktisch ausübten. Nur eine moderne Form habe die Krankenpflege etzt angenommen, der Kern aber sei der alte, ein echt jüdischer, und er iebe sieb der Hoffnung hin, daß die jungen Schwestern, in deren Händen ie Zukunft dieses gottgefälligen Werkes ruhe, in ihrem Thun und lassen jenen alten j-yp jp^ QHtfJ frommen Frauen nicht nachstehen verden, zur Ehre des Judenthums, zum Wohle der Kranken und zu hrem eigenen Heile" Der Segen für das Kaiserhaus, für die edlen Stifter, für die Oberin, die Schwestern und die Vereinsmitglieder bildete en Schluß der mit wohlverdientem Beifall aufgenommenen Rede, vorauf Herr Albert Philipp Meyer, nach einem erhebenden Schluß- Gesang des Chors, der Frau G. Liebermann, sowie Herrn Louis Sachs mb seiner Gattin die Urkunde der Ehrenmitgliedschaft des Vereins .iberreichte. Das Schwesternheim in der Auguststraße 17 zählt nunmehr nt den vielen andern Wohlthätigkeitsanstalten unserer Gemeinde, auf velche die Berliner Judenheit mit berechtigtem Stolz blicken darf. Das Haus besteht aus vier Etagen, in jeder Etage befinden sich zwölf Räume, Badezimmer re. In der ersten Etage liegen die Wohngemächer für die Oberin und die Speiseräume, in der zweiten die Schlafsäle für sechzehn Schwestern, welche Zahl schon am Ende dieses Jahres auf 21 steigen wird. In den beiden andern Etagen, die für noch mindestens 24 Schwestern gestimmt sind, sind bis zur Fertigstellung des Mannheimerschen Siechenlauses. Sieche untergebracht. Ein mit Garten- und Blumenanlagen geschmückter Hof verbindet das Schwesternheim mit dem jüdischen Krankenhaus, der Stätte der Ausbildung und der eigentlichen Wirksamleit der Schwestern. Die Unterhaltungskosten der Krankenpflegerinnen, die ihren edlen Beruf bei Unbemittelten ohne Unterschied der Konfession unentgeltlich ausüben, belaufen sich auf 1200 Mark jährlich pro Kopf. Wir zweifeln daher nicht, daß der Verein, der schon jetzt über 1100 Mitglieder zählt, noch erheblich wachsen und innerhalb unserer Gemeinde eine ihm gebührende achtungswerthe Stellung einnehmen wird. e/*s> Berlin, 10. Juli. Herr Rabbiner Dr. Ungerleider, der unlängst unter großer Theilnahme das 25jährige Jubiläum seiner Amtsthätigkeit in der hiesigen Gemeinde gefeiert hat, hat kürzlich aus Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand an den Vorstand ein Gesuch um Versetzung in den Ruhestand gerichtet. Unter Anerkennung seiner erfolgreichen seelsorgerischen Thätigkeit haben die Gemeindebehörden in der Repräsentantensitzung am 30. v. M. beschlossen, dem Gesuche des Herrn Rabbiner Dr. Ungerleider zu entsprechen Die edlen Charaktereigenschaften des Seniors unter unfern Rabbinen sichern ihm ein herzliches und ehrenvolles Andenken innerhalb der Gemeinde, und schließen wir uns dem allseitigen Wunsche an, daß demselben noch lange ein friedvolles Alter in Ruhe beschieden sein möge. 2XD Berlin, 8. Juli. Die Einweihung des Traube-Denkmals auf dem Hofe der Charite hat, wie bereits mitgetheilt, am 3. d. stattgefunden. Die Umgebung der auf rothem Granitsockel stehenden, vom Bildhauer Martin Wolfs modellirten Bronzebüste war mit Palmen und Blumen halbkreisförmig geschmückt. Gegen 11 Uhr erschienen die Gelehrten in großer Zahl, darunter die Geheimen Räthe Dr. Bartels, Dr. Senator, Dr. Rudolf Virchow, Dr. Hirschberg, Dr. Frentzel, Dr. Benster, Dr. Straßmann, Dr. Leyden. Dr. Jolly, Dr. Heymann, ein unmittelbarer Schüler Traubes, Dr. Lazarus, zahlreiche Militär- und Civilärzte und viele Studenten. Als die Festtheilnehmer vereinigt waren, schritten mehrere Herren, darunter der Verwaltungsdirektor der Charite, Geheimer Ober-Regierungsrath Spinola, auf den Platz unmittelbar am Denkmal. Hier hielt Geheimrath Frentzel eine Ansprache, in der er die Verdienste Traubes feierte, und übergab dann das Denkmal der Chariteverwaltung. In diesem Augenblick siel die Hülle von der überlebensgroßen Büste. Im Namen der Chariteverwaltung nahm Geheimrath Spinola das Denkmal mit warmen Dankesworten entgegen. fg. Berlin, 5. Juli. Eine hübsche Rechnung stellt die „N. A. Z." dem Tivolikonservatismus auf. Das Stöckersche „Volk" hatte es beklagt, daß man in Colberg-Cöslin nicht den hervorragendsten Konservativen, eben Herrn Stöcker, aufgestellt habe, dann wäre die Niederlage (bekanntlich siegte der liberale Kandidat) vermieden worden. Das Experiment mit Herrn Stöcker ist nun aber vor zwei Jahren in dem gleichfalls äußerst hinterpominerschen Wahlkreise Neustettin gemacht worden. Das Ergebniß war, daß bei der Hauptwahl auf Herrn von Herhberg 3791, auf Stöcker 1829 und auf Ahlwardt 2535, bei der Stichwahl auf v. Hertzberg 3046, auf Ahlwardt n326 Stimmen fielen, und daß in der durch Ahlwardts Doppelwahl erforderlich gewordenen Nachwahl der Antisemit Försterglatt mit 6518 Stimmen gegen Stöcker siegte, welcher nur 1906 Stimmen erhielt. Wo ist also die Zugkraft des „Hervorragenden Konservativen"? Alle seine Gegner—so schließt die „N. A. Z." - können sich nichts Besseres wünschen, als daß gerade er so oft als nur möglich aufgestellt würde. Kp. Aus der Provinz Posen, im Juli. Der Stadt Könitz sind von einem ihrer früheren Mitbürger, dem verstorbenen Kaufmann G. Krasst in Berlin, testamentarisch 3000 Mk. überwiesen worden mit der Bestimmung, daß aus den Zinsen des Kapitals jährlich am Todestage des Legaten je einem armen Einwohner jüdischen und christlichen Glaubens eine Unterstützung gezahlt werden soll. — Der Königliche Oekonomie-Kommissionsrath D. Goldstein in Ostrowo hat das Amt eines ersten Vorstehers in der jüdischen Gemeinde, deren Interesse er 12 Jahre hindurch verwaltet hat, aus Gesundheitsrücksichten niedergelegt. — Der Regierungspräsident zu Posen hat eine Verfügung erlassen, nach welcher das Blut von geschächteten (nach israelitischem Brauch geschlachteten) Thieren zu verkäuflichen Nahrungsmitteln nicht verwendet werden darf. — Bei der höheren Bürgerschule in Crone a. Br. waren bisher zwei jüdische Lehrer angestellt. Am 1. Juni er. ist einer von ihnen freiwillig aus dem Lehramte geschieden. In Folge der Vakanz machten die Antisemiten jener Stadt bei der Kgl. Regierung den Versuch, sie zu bewegen, es bft dem einen jüdischen Lehrer zu belassen und die erledigte Stelle mit einem christlichen Lehrer zu besetzen; der Antrag wurde damit begründet, daß die Schülerzahl und die Gemeinde nunmehr weit kleiner ist als zur Zeit der Simultanisirung. Die Negierung hat aber dem Willen jener Herren zuwidergehandelt und die Stelle wiederum mit einem jüdischen Lehrer besetzt. — Lehrer Abramowitz aus Borek ist an die jüdische Lehrerstelle in Ritschenwalde versetzt.

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