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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-12 · Heft 28 (12.7.1895) · p. Seite 336

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
Seite 336 (sequence 14)
Language
German
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336 nur vom Regen in die Traufe, und ich glaube kaum, daß „fromme,! traditionsgläubige Gemüther" dadurch weniger verletzt werden möchten, als durch meine „einseitige, schroffe" «) Haltung gegen den Talmud, und meine oft derben, ungeschmückten Kraftausdrücke, Ausdrücke, wie sie oft noch herber, bitterer, vernichtender von einigen hervorragenden Autoritäten im Talmud selbst (von solchen im späteren rabbinischen Schriftthum ganz zu schweigen) gegen die diesbezüglichen Maßlosigkeiten und Willkürlichkeiten gebraucht sind. Ich komme, mit Uebergehung mancher Momente, die ich in meinem Buche genügend beleuchtet zu haben glaube, zu den leitenden Gesichtspunkten Köhlers. Es mag ja sein und kann auch zugegeben werden, daß manche Tempelusancen und Priester- Praktiken auf die Laienwelt übergegangen sind oder übertragen wurden. Das beweist aber noch lange nicht, daß der Kohlersche Gedanke der wahre und Alles gestaltende und verändernde war. Dies ist ungerechtfertigt, denn ich habe ja dessen Vorzüge und Verdienste vielfach in meinem Buche anerkannt, so z. B. seine vielen schönen Exegesen, Einrichtungen, Sentenzen, ethischen und humanen Lehren und Parabeln, und insbesondere die von ihm begründete Schlachtweise und 'wenn auch äußerst mangelhafte» Fleischschau. Nicht von einem Hasse meinerseits gegen den Talmud kann die Rede sein, sondern von meinem Berdrusse und Aerger über die Redaktion des Talmuds, die gedanken- und unterschiedslos Spreu mit Weizen vermengt. Zudem spricht gegen die Kohlersche Hypothese die unleugbare Thatsache, daß selbst auf solchen Gebieten, die absolut nichts mit Priesteruud Nasiräerthum zu schaffen haben, dieselbe Art der Erweiterungen und Deutungen im Talmud obwaltet Es spricht ferner dagegen der gewichtige Umstand, daß nirgends im Talmud auch nur am leisesten die Idee angedeutet wird, das; dem talmudischen System und Streben die Tendenz unterliege und innewohne, dem Laien und Laienleben eine dem Priester- und Opferkult koordinirte Stellung zu erobern. Auch fehlte es ja nicht im talmudischen Zeitalter an hervorragenden Männern, die selbst in strengerer Sprache, als ich zuweilen gebraucht, sich gegen verkehrte Exegesen und schwindelnde Erweiterungen, resp. Erschwerungen gewendet, wie ich in meinem Buche dann und wann erwähnt, und zu maßvoller Gesetzgebung und gesunder Hermeneutik — leider vergeblich! — - aufgefordert haben. Diese ausnahmsweisen Männer müßten doch etwas von den (von Köhler angenommenen) Tendenzen und Traditionen, wenn solche in Wirklichkeit existirten, vernommen haben; sie befanden sich ja inmitten der Bewegung, der verschiedenen Schulen, der maßgebenden Gelehrtenkreise! Und überdieß keiner ihrer Opponenten antwortete einem solchen Talmudisten, der gegen die extravaganten Bestimmungen protestirte: „Was willst du? Unser einziges und wahres Streben ist ja nur, Priesterthum und Opferriten aufs profane Volk zu übertragen." Doch braucht mau, meines Erachtens, nicht zu einer Hypothese zu greifen, um das wahre Wesen der ganzen Bewegung und der Thatsachen zu begreifen; der Schlüssel dazu liegt in den analogen Vorgängen und Verhältnissen aller Zeiten und Kreise, auch der fast unmittelbaren Gegenwart. Der menschliche Geist und das menschliche Gemüth bleiben sich in allen großen Epochen so ziemlich gleich. Nur, wenn neue Anschauungen, Lagen und Bedürfnisse auf eine Gesammtheit Hereinbrechen, so bilden sich Parteien und es entstehen Kämpfe derselben. Die Stabilen und Buchstabengläubigen klammern sich ans Alte und Bestehende und wollen nichts davon ausgeben; die Männer der reiferen Einsicht wollen keineswegs mit der Vergangenheit brechen, aber neue Formen und die neuen Ideen, die einmal nöthig und unwiderstehlich geworden, den bestehenden anpassen und das Alte mit dem Neuem weitmöglichst versöhnen. Auch Herr Dr. Köhler erblickt, wie der Hyperorthodoxesten einer, in den Worten 5 M. 12, 21, „schlachte . . . wie ich dir besohlen", eine traditionelle Hindeutung auf die priesterliche Schlachtweise. Ich will und kann mich hier auf keine Polemik einlassen — in meinem Buche habe ich ja zu wiederholten Malen diese Stelle besprochen — und lasse es hier unerörtert, ob die mens sana, von der ich mit so vielem „Aplomb" geredet, wirklich eine solche Deutung zuläßt.Z mit dem oben Borhererwähüten nicht aus gleiche Stufe gestellt werden kann. f'j Es ist kindisch, mir, wie dies seitens mancher meiner oberflächlichen Kritiker geschieht, Haß gegen den Talmud zuzuschreiben. 7) Ich habe bereits in meinem Buche darauf hingewiesen, daß selbst Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Ich frage aber nur: Wenn die priesterliche Schlachtweise wirklich eine so komplizirte und minutiöse war, wie Herr Dr. Köhler mit b.n hyperorthodoxesten Rabbiniten der Gegenwart annimmt, warum beschrieb die mosaische Urkunde, die ja Alles, auch das Kleinlichste und Nebensäc > lichste in Verbindung mit Heiligthum, Opferkultus und Priesterwes.!! beschrieb und vorschrieb, nicht auch, womit und wie geschlachtet werden solle? Ist dies Schweigen nicht beredt genug? Es zeigt, daß d e Schlachtweise die einfachste und natürlichste der Welt war: Der Priest r nahm ein scharfes Messer, durchschnitt die Kehle des Thieres, so bcii dessen Blut herausströmte, welches in ein Becken aufgefangen und bani auf den Altar gesprengt wurde. Köhlers Hypothese (S. 268 d. Ztg.) von dem gedanklichen Zusammenhang zwischen der rabbinischerseits in Aussicht gestellten Aufhebung d-.r Speisegesetze für die messianische Zeit und dem „ahrimanischen Monster" wäre nicht allein geistvoll, sondern auch höchst annehmbar, wenn sich nie t ähnliche rabbinische Aussprüche, die auch mein Buch bringt, auch übet d e Aufhebung aller Festtage (ausgenommen Purim!) ja, sogar aller Gese; e fänden. Und darauf läßt sich dochdie ahrimanischeMonstersagenichtanwende . Besonders befremdet mich, wie Herr .Köhler allen Ernstes behaupte i kann, daß, wer sich an die Speisegesetze nicht für gebunden hält, inmäßiger sei und lüsterner sich erweise als Derjenige, der sie strengster - befolgt? Nicht in der Gattung der Speise und des Trankes, sondern in der Art und Weise und in dem Umfange, wie man ißt und trink, bekundet sich Mäßigkeit oder Lüsternheit. Und lange vor dem „römischen Eber" wurde in der Bibel und dem späteren Schriftthum über Völler,i und Sinneslust in Israels Mitte geklagt. — Daß die Speisegesetze au' ö „Großartigste" die Juden disziplinirten und diszipliniren, ist wohl m c eine Hyperbel. Was das Lebensmark sehr vieler unserer Voreltern (nicht aller, dev! Hunderttausende waren ja, und sind noch in den slavischen Länder!. freilich oft nicht durch eigene Schuld, sondern durch Armuth, Bedrängnis und Unbildung, die größten gedankenlosen Amrazim), erhielt, stärkte uv? elektristrte, war und ist der Gedanke an Gott, das Vertrauen auf eiv gütige gerechte Vorsehung, die prophetische Heilsverkündigung, das Gefü!: der Brüderlichkeit, das vorwiegend ethische und philosophische Schrisi thum und natürlich auch die Ruhe und Weihe au den jüdischen Sabbath , Feier- und Festtagen. Mögen alle Diejenigen, die Herz und Sinn für den Fortbestand die Würde und segensvolle Wirksamkeit des Judenthums haben, auf dies Momente namentlich ihr Augenmerk und ihre energischsten Bestrebunge richten. Dann wird auch so manches von dem, was Herr Dr. Köhler gege, Ende seines interessanten Artikels an dem lebenden Geschlechte (ob frei sinnig oder orthodox), dessen Lüsternheit und Materialismus, mit solc! hinreißender Beredtsamkeit und zum Theil mit vollstem Rechte rüg' einen Wandel zur Besserung erfahren Hochachtungsvoll Oppeln, im Juni. Rabbiner Dr. A. Wiener. * Wohllöbliche Redaktion! n dem Vortrage des Oberlehrers Dr. Blaschke ist die Religionsschw unseres Synagogen-Vereins Nweh Scholaum (Lothringerstraße 4t unerwähnt geblieben. Unser Rabbiner Dr. Grünfeld unterrichtet in de Höheren Töchterschule des Herrn Dr Hermann . 62 Höheren Töchterschule Grell.35 Höheren Knabenschule von Wiesner.61 Höheren Knabenschule Dr. Schönfeld .... 18 Höheren Knabenschule des Dr. Schillmann . . 48 Kinder. In unserer Religionsschule sind 65, darunter 30 unentgeltlich, außerdem sind 13 Sekundaner und Primaner in unserer Fortbildungsschule für dev höheren Religionsunterricht ohne Subvention. Berlin, 1. Juli. Der Vorstand des Synagogen-Vereins Nweh Scholaum die erklärtesten Talmudanhänger so wenig mit jener Andeutung, die ein große, inhaltschwere Tradition bergen soll, einverstanden sind. s) Möge es mir hier, der Sache wegen, die ich vertrete, gestattet sein allen denen, die in Zeitungen mein Buch so günstig rezensirt, sowie bei zahlreichen, mir zum Theil persönlich ganz unbekannten Männern, nab und fern, die mich anläßlich meines Buches mit so anerkennenden Zu schriften beehrten, hiermit meinen tiefgefühlten Dank auszusprechen. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch mit; in Berlin.

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