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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-12 · Heft 28 (12.7.1895) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
Seite 331 (sequence 9)
Language
German
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331 Zahlung, der Beichte Malkoh's, auf die er ihn bezieht, auf die Schlußszene zu passen, die ihm als „Ensemble-Stück" gewaltig impvnirt hat, während hier für inein Empfinden die Fäden, an denen der Dichter die Figuren lenkt, störend sichtbar werden; haben sie bisher so sehr ihr eigenes Leben gelebt, daß wir kanni noch bewußt sind, eine Dichtung zu genießen, und die Täuschung des Lesers eine völlige ist, so sieht er die Gestalten hier plötzlich von fremder Hand allzu kunstvoll gruppirt, wie in den Schlußszenen auf dem Theater. Aber das sind kleine Unebenheiten auf einem schimmernden Schilde von edelstem Metall, demselben, aus dem die großen Erzähler aller Zeiten ihre Stoffe geformt haben. „Ein Hauch mattesten epischen Wesens," sagt Laistner sehr treffend, „liegt über den Hauptszenen der einfachen Handlung. . . . Aus der dürftigen Enge des bescheidenen Daseins treten Verhältnisse und Charaktere hervor, deren schlichte Größe aus einzelnen Höhepunkten in den stillen Aether des hohen Stils hineinragt." Hingegen scheint mir die Ansicht desselben Kritikers, daß der „Gibbor" hoch über „Vögele" stehe, nur bezüglich der Komposition und zum Theil wohl auch bezüglich der Sprache zutreffend. Aber das allein entscheidet über den Werth nicht, und es wird immer Leser geben, denen „Vögele" lieber ist. Freilich wird mau sie nur unter Juden sinden, weil diese die größere Echtheit der Darstellung, die stärkere Unmiitelbarkeit der Empfindung klarer erkennen werden. In „Vögele" ist jene Erzählungsform, „die dem tönenden Worte und nicht dem lautlos geschriebenen eigen ist", noch viel wirksamer festgehalten als im „Gibbor". Auch wird der Jude ganz genau wissen, daß „das Uebermaß von Herzigkeit, Schönthun und Gescheidreden", welches Laistner an „Vögele" tadelt, eben in der ganzen Art, die ja uni 1825 noch eine durchaus nationale war, wurzelt, und aus das Beste dieser Art hindeutet: seine Gemüthswärme. Diese Wärme und Innigkeit der Empfindung offenbart sich in beiden Novellen in so schöner und herzbeweglicher Art, daß Bernstein ein viel geringeres Talent hätte sein können und dennoch schon um dieser Eigenschaft willen der Wirkung auf seine Leser sicher gewesen wäre. Man denke, um einzelne Perlen hervorzuheben, an das Gespräch Golde's und Vögele's in der Nacht vor ihrer Verlobung, oder an Salme Mennist's Erzählung von dem Weib seiner Jugend, oder an Malkoh's Beichte — hier sind Töne angeschlagen, wie sie wenigen Dichtern unserer Zeit so herzbeweglich und erschütternd zu Gebote gestanden. Aber auch die heiteren Stellen sind zum geringen Theil blos eben witzig, die nieisten wirken durch die Wärme echte», gemüthvollen Humors. Das Sabbathmahl im Hause des Mikwenitzers, oder Mendel's Triumpheinzug ^ins Städtchen — wie viele Novellisten haben Ähnliches geschaffen? Wo viel Licht, ist viel Schatten. Bernstein hatte den jüdischen Volkscharakter edler gemalt, als er in Wahrheit ist, noch mehr: so edel, daß die Wirkung auf christliche Leser sehr häufig eine seinen Glaubensgenossen ungünstige war; mau hat ihm eben auch das Gute nicht geglaubt, weil er es übertrieben und schlimme Züge des Volkscharakters verschwiegen hat. Wer Uriheile christlicher Kritiker über Bernstein liest, wird diese Wirkung mit Betrübniß gewahren und, wenn er gerecht sein will, nicht die Kritiker dafür verantwortlich machen. Aber auch Bernstein verdient nicht den Vorwurf, daß er absichtlich Schönfärberei habe treiben wollen; das Gegentheil erweist ja die Thatsache, daß er die Novellen nur für Juden bcstinimte, klar genug. In Bernsteins Novellen giebt es höchstens Klatschmäuler, wie Reb Abbele oder Leser Schlapp, aber keine harten, rohen Menschen. Sogar — keine Heirathsvermittler! Mendel und Händele, der Zempclburger und Golde, der Kosminer und Vögele, Reb Noach und Täubchen — jedes Paar hak sich aus reiner Liebe, ohne nach Geld und Gut zu fragen, zusammen gefunden! Auerbach, der Bernstein sonst hochschätzte, wurde immer fast heftig, wenn er darauf zu reden kam, und meinte: so dürfe auch kein Dichter übertreiben; die Liebe sei wohl auch im Posener Ghetto zr> finden gewesen, aber wahrlich nicht als Regel, sondern als Ausnahine, in der Regel habe der Wille der Eltern, die Rücksicht auf Geld und Gut die Ehen gefügt. Das ist gewiß richtig, aber wir wissen, warum, in welcher Stimmung Bernstein ins Ghetto gegangen, und werden es darum begreiflich finden, daß er nur eitel Licht sah. Ein Mangel bleibt das freilich, auch ein künstlerischer Mangel. Und ebenso möchte auch ich nicht geleugnet haben, daß die Gemüthswärme oft zur Sentimentalität herabsinkt. Zum Schluß aber sei des besten Vorzugs dieser Novellen gedacht: der seltenen Charaktertsirungskunst, von der jede Gestalt Zeugnis; ablegt. Das liebliche, witzige, superkluge „Vögele", die „heilige" Golde, dies Musterbild edelster Weiblichkeit, die „herzliche Madam Täubchen", die ehrwürdige, stolze, königliche Malkoh, die thatkräftige, Genendel, dieser Typus der „Annehinerin", die anmnthigeHändele — jeder Zug warmes, quellendes Leben! Das Gleiche gilt von de» Männern: Mendel, der starke, treue Mann, Salme Mennist, der zartsinnige, selbstlose Dulder, der gute, beschränkte Mikwenitzer, der brave Zempelburger und der ungestüme Kosminer, der Krösus Noah Brall — und Jankele der Fiedler, und der Baal-Neß und der Rabbi — ich müßte alle Gestaiten beivcr Novellen nennen, um dem Dichter gerecht zu werden! Nur auf die wenigen Christen sei besonders hingewiesen, weil dies geradezu Kabinetsstücke der Charakteristik sind: der verjudete „Wachtmeister" und Kerkow, der „Bösewicht". Wirkt die erste Gestalt durch die Drastik der Erfindung, so die zweite durch die Feinheit, mit welcher der Dichter, ohne sich scheinbar über den Anschanungskreis seiner Gestalten zu erheben, doch mitzutheilen weiß, was der Zerstörer des Eiruw in Wahrheit war: ein hochstrebender junger Mensch, dem das kleine Städtchen zu eng geworden. Kurz: Leben, wohin wir blicken. „Die Charaktere", sagt Auerbach, „sind wie die Rembrandtschen Bilder so aufgetragen, daß die Fläche verschwindet und man die Erhabenheiten greifen zu können glaubt." Alles ist dem Dichter leicht gefallen, aber nichts leichter, als immer neue Gestalten vor uns hinznzauber», und nichts ist dafür bezeichnender, als daß es ihm gar nicht beifiel, im „Gibbor" auch nur die Nebenfiguren aus „Vögele" wieder anzubringen, obwohl doch beide Novellen im selben Städtchen spielen und die Handlungen auch zeitlich nicht allzuweit von einairder gedacht sind, nur der Rabbi und Geueudel werden in beiden genannt, sticht» siel dem Dichter leichter, sage ich, und füge bei: kein Wunder, denn Vieles konnte er, doch das am besten. Er konnte Vieles! — das war das Heil und Unheil seines Schaffens. Die Natur hatte diesen Man» sehr reich ausgestattet, auch als Dichter besaß er so viel, daß man wohl das Wort auf ihn anwenden kann, es habe ihm nur Eines dazu gefehlt, ein großer Dichter zu sein, der Wille, es zu werden. Die Kunst der Menschenzeichnung eine geniale, die Erfindungskraft reich, der künstlerische Instinkt so stark, daß er ihn alle Schwierigkeiten des Technischen schon bei dem zweiten Versuch besiegen läßt — was hätte aus Bernstein werden, was hätte er uns vererben können, wenn er nicht gleichzeitig Journalist, Essayist, Naturforscher, Bibelkritiker, Vereinsreduer und weiß Gott was hätte sein wollen?! Oder sein müssen?! Wer mag daran zweifeln, daß wir „nur frei sind in dem Nothwendigen!" Auch er that, was er nach seiner Art thuu mußte. Es war eine merkwürdige Fügung verschiedener Umstände, die ihn diese beiden Novellen schreiben ließ. Und es ist ein Schatz, den uns diese Fügung bescheert hat. Diesen Schatz wollen wir in Ehren halten.

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