Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-12 · Heft 28 (12.7.1895) · p. Seite 330

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
Seite 330 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228123--51953-3272724
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

330 ein hohes, in der Welt der Thatsachen kaum hier und da wirksames Ideal — wir sind sogar geistig weit hinter (Goethe zurnckgeworfen. indem, jetzt sogar unter frechster Berufung ans seinen großen Namen, das gerade Gegentheil der in obigen Sätzen ausgesprochenen edlen Gesinnungen auf allen Gassen gepredigt wird. Haß und Zwietracht zwischen (Christen und Juden, zwischen Evangelischen und Katholiken, zwischen Deutschen und Franzosen, zwischen Besitzenden und Nichtbesitzendelt sind die Signatur unserer Zeit. Möge der Tag nicht allzu fern seilt, an dem Goethe's Gesinlnmg in Go et he's Polte gelten und herrschen wird, jene Gesinnung, die keine andere ist, als sie in der Gesetzgebung vom Sinai vor dreiundeinhalb Jahrtausenden gelehrt wurde in den erhabenen Worten (3. B. Moses 10, 33): „Wenn ein Fremdling bei dir in eurem Lande wohnen wird, dem sollt ihr nicht Unrecht anthun; er sott bei euch wohnen lvie ein Einhennischer unter euch, mit) du sollst ihn lieben, wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen im Lande Aegypten." »»» Mrbn* Fl. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. V.;n der Komposition sind die beiden Novellen lvie bereits bemerkt — unendlich verschieden. Genauer betrachtet. ist „Bügele" überhaupt keine Novelle, geschweige denn eine sorglich komponirte, sondern eine breit ausgemalte Idylle, fast ohne jedwede Handlung, hingegen der „Gibbor" gerade auch in der Komposition ein richtiges Musterstiiek, in technischer Hinsicht allen Gesetzen der Gattung so voll entsprechend, wie man es selbst bei Meistern derselben, wie Keller, Heyse, Storm, nicht immer findet. Auch hier erweist sich uns die Entstehungsgeschichte beider Arbeiten sehr nützlich, ja, sie klart uns geradezu ein Rathsel ans. Die „Novellen und Lebensbilder" von 1840 sind, wie ich bei ihrer Betrachtung hervorgehoben habe, wahrlich in der Komposition recht schwach, aber gleichviel, komponirt sind sie doch; das; es zu einer Novelle einer Handlung, einer Verwickelung, einer Lösung bedarf, hat auch schon der junge Bernstein gewußt. In „Vögele" aber scheint er keine klare Anschauung von dieser Nothwendigkeit mehr zu haben, und —- im „Gibbor" genügt er ihr wieder durch rein künstlerische Mittel und in meisterhafter Wrt! Heute wissen wir, wie dies so gekommen ist. Der Dichter fangt „Vögele" zu schreiben an, eben weil es ihn dazu drängt, das verschollene Leben feiner Jünglingsjahre in sich wach zu rufen; was daraus werden soll, weis; er noch nicht; lvie weit er damit kommen wird, ebenso wenig; vorläufig schweben ihm nur die beiden Mädchengestalten klar vor, die verstorbene Gattin nnd die Cousine, Vögele und Golde, natürlich gehören also auch zwei Jünglinge in die Geschichte, der Zempelburger und der Kosminer — aber das ist null auch Alles, von einem Plan, einer Handlung, einer Verwickelung und Lösung der Faden ist noch nichts vorhanden. In diesem Stadium tritt 311 dem innen; Bedürfniß, sich auszuströmen, das Drängen des Freundes, der die Geschichte braucht, und so wird weiter geschrieben — in fieberhafter Eile; das Manuskript wandert täglich zur Druckerei; während der erste Bogen bereits gedruckt wird, wird all bent zweiten eben noch gesetzt! Da ist keine Zeit zum Nachsinnen, was nicht vorhanden, das fiitbet sich auch während der Arbeit nicht ein: Tie beiden Liebespaare stehen von vornherein vor unfern Augen und so bleiben sie auch stehen; etwas Wesentliches geht mit ulld zwischen ihnen llicht vor. Das erkennt der Dichter, vielleicht nur instinktiv, und sucht das dürftige Gerüst der Handlung mit tallsend Zierrathen zu ncrbccfen : immer wieder treten neue Personen | auf, die mit dieser Handlung wenig oder gar nichts zu thun haben,! immer neue Schildernllgen bringen uns das Ghetto, sein äußeres! und inneres Bild nahe, immer neue humoristische Exkurse ergötzen; uns, aber die beiden Paare stehen da, wo sie gestanden, bis sie der! Dichter kurz und gut Verlobung feiern läßt. Und um etwas Be-! wegung in die Sache zu bringen, auch die Art anzndeuten, wie der! stagnircude Teich dieses Ghetto-Lebens seinen Abfluß in den Strom i der Kultur gewinnen kann, nehmen der Zempelburger nnd der! Koslniner deutsche Bildung in sich ans und werden der Eine ein moderner Lehrer, der Andere ein moderner Kaufmann. Ein Kritiker hat gemeint: Die Idylle schließe genau da, wo die richtige Kulturnovelle erst beginnen sollte, denn lvie werden sich, fragt er, Leser Schlapp und der „Baal-Neß", wie die Leute von Fordon: Eitel Asek's und Asek Gitel's, zu den beiden „Abtrünnigen" stellen? Die Ansicht ist im Kern nicht unbegründet, obwohl natürlich in dieser Zuspitzung kein gerechtes Urtheil; wahr ist daran, daß die Hochzeit kein befriedigender Schluß ist, sondern nur eben ein Ende. Ein Jahr spater hat derselbe Mann im „Gibbor" ein Meisterstiick novellistischer Technik geleistet. Kein Zweifel, hier stand der Plan, ehe er die Feder ansetzte, durchaus klar vor ihm, freilich setzte er sie auch diesnlal erst dann an, als es sein mußte, und in Kleinigkeiten verrath sich auch dies Letztere. Dennoch ist der Aufball kaum genug zu loben. Das Ghetto, der Held lind sein Freund, der „Melmist", werden uns zunächst greifbar klar vor Augell gestellt; ganz zwanglos findet sich der Uebergang zur Schilderung der alten Malkoh rmd Hündele's; bald wissen wir auch, daß zwischen den beiden sozial scharf getrewlten Gruppen eine Beziehung besteht, die aus der Nergangellheit in die Tage hineinreicht, wo Mendele's stille Liebe zu Hündele und ihre Theilnahme an seinem Geschick ein neues Baud zwischen ihnen webt. Aber worin besteht null diese Beziehung, und wird sie die Neigung der beiden jungen Herzell flören oder noch inniger machen? Wie lvir dies sachte und in einer Art, die unsere Spannung eigentlich mehr erregt als befriedigt, erfahren, ist ganz vortrefflich gemacht. Handele ist von „königlichem" Geblüt — das erfahren wir schon aus Malkoh's erster Erzählung, von ihren Ahnen hat der eine eine Nacht lang die Krone Polens getragen, andere habell die edlere Krone des Märtyrerthullls für den Glauben errungen; Malkoh ist unendlich stolz darauf — und dennoch ist sie Mendele's Werbung sichtlich nicht abgeneigt, warum? Wieder eine starke, tief innerliche Spannung des Lesers, bis er — wieder aus Malkoh's Munde — von seinen Vätern erfahren, deren Ruhm freilich mir in der Aufopferung für das „königliche Geschlecht" und in der stillen, stolzen Art wurzelt, wie einst sein Großvater auf die Hand; der hochmüthigen Malkoh verzichtet. Damit ist auch die Lösung nicht! gefmlden, sondern Don innen Heralls gegeben: die Greisin kam;! sühnen, was einst die Jungfrau in ihrem übermäßigen Stolz ge- ' frevelt, und Handele kann Mendel für das Leid, das niedere Loos,! entschädigen, das einst sein Großvater erlitten, und auf den Enkel vererbt, und kann zugleich selbst glücklich werden, denn sie liebt ja beit „Gibbor". Darauf spielt Auerbach au, meint er in seinem Brief an Bernstein vmn 22. September 1858 rühmt: „Der Reim der Thatsachen — der mir als bestes Kennzeichen eines dichterischen Kunstwerkes erscheint — ergiebt sich mit wunderbarer Natürlichkeit in der Komposition" — und ebenso ist ihnr beizupflichten, wenn er meint, daß dein Dichter „die Ablösung von Dur ttnb Moll", der Wechsel zwischen elegischer und humoristischer Tonart, ganz meisterlich gelungen. Dagegen scheint mir sein Tadel, es sei auch „melodramatischer Alifputz" vorhanden, weit mehr als von der zweiten Er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.