Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 329 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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329 sehr Recht gegeben. Denn heute sind die jüdischen Philologe», Dank dem Krebsgänge, den wir allmählich seit dem Ende der Aera Falk zurückgelegt haben, wieder so weit gekommen, daß man in ihnen nicht den Vertreter der Wissenschaft, sondern in erster Reihe den Juden von Geburt sieht. Demgemäß werden sie neuerdings, falls sie es tvirklich zu einer Anstellung gebracht haben,— in letzter Zeit galt es schon als ein Glückszufall, wenn Akadciniker mit dem Doktortitel und dem Oberlkhrcrexamen nach abgelegtem Probejahr an einer Elementarschule Verwendung fanden, — hauptsächlich mit Religionsunterricht beschäftigt. Dazu verwendet man aber besser Theologen von Fach, deren Neigung und Studiengang sie zur Ertheilung dieses Unterrichts weit eher befähigt erscheinen läßt, als etwa einen klassischen Philologen, der sich Jahre lang mit Horaz-Scholie» befaßt hat, oder einen Mathematiker, dessen ganzer Gedankengang sich in der Differential- und Integralrechnung bewegt. Den jüdische» Religionsunterricht überlasse man den dazu berufenen Elementen, wie ja auch christliche Philologen nur dann in Religion und Hebräisch unterrichten, wenn sie eine dementsprechende Lehrberechtignng nufzuwcisen haben. So aber kann derselbe derjenigen Persönlichkeit, die, ohne tiefer in die Sache eingedrungeu zu sein, damit betraut wird, keine innere Befriedigung gewähren. Da letztere auch, wie wir gesehen haben, auf materiellem Gebiete für den jüdischen Philologen so gut wie ausgeschlossen ist, und nun doch einmal eine gesicherte Existenz als unerläßliche Bedingung einer ideale» Bernfsfrendigkeit gelten muß, so resümiren wir »ns folgendermaßen : Celerai» censeo, so lange die gegenwärtige rückläufige Bewegung anhält, ist jedem jüdischen jungen Mann von dem Studium der Philologie eindringlichst abzurathen. Insbesondere ist cs Sache des vor Kurzem in der Reichshauptstadt ins Leben getretenen Vereins akademisch gebildeter jüdischer Lehrer, als berufener Faktor zwei Mal im Jahre, im Frühling und Herbst, wenn die Jünger der Wissenschaft die Universität beziehen, in öffentlichen Bekanntmachungen die Lage der jüdischen Schnlamtskandidaten wahrheitsgetreu zu schildern, damit andere ideal gesinnte Jünglinge vor ähnlichen Enttäuschungen bewahrt bleiben, nicht verbittert, wie es auch wiederholt geschehen ist, dem Judenthnm den Rücken kehren oder auf sonstige Weise ihr Lebensschiff zerschellt sehen zum herben Schmerz ihrer Eltern und nächsten Angehörigen, deren ganzer Stolz und Hoffnung der einst auf der Schulbank so viel versprechende Knabe war. Vickerrut cunsules. Gin neucntdecktes Mort Goethes für religiöse Toleranz. Bon Dr. Heinrich Fränkel. t ekanntlich theilt unser größter deutscher Dichter seit langer Zeit das Schicksal so vieler anderer Geisteshelden: daß aus dem Zusammenhänge herausgerisseue Bruchstücke von Sätzen als Beweise antisemitischer Gesinnung angeführt werden, während die Mittheilung der vollständigen Aeußerungeu in der Regel gerade das Gegentheil beweisen würde. Die meisten in dieser Weise gemißbrauchten Dichter und Gelehrten würden jedenfalls, wenn sie den Humbug erfahren könnten, der mit ihrem Namen getrieben wird, den lebhaftesten Einspruch dagegen erheben. . . I» Bezug auf Goethe hat in erster Linie der Leipziger Antisemitenhüuptliug Theodor Fritsch, der bekannte Verfasser zahlloser Flug- oder besser Fluch- und Schimpsjchristcn, die Fabrikation antisemitischer Klassikeraussprüche betrieben. Die dabei befolgte Methode ist überaus einfach: man druckt aus einem Licht- und Schattenseiten der Juden betreffenden Satze das ungünstig Klingende ab und läßt das Uebrige weg — also Vorspiegelung falscher Thatsachen, um Haß und Verachtung gegen einen Theil seiner Mitmenschen zu erzeugen! So verführt Fritsch mit Stellen aus „Wilhelm Meisters Wanderjahren", aus dem „Jahrmartksfest zu Plundersweilern u. s. w. (siehe „Deutsche Antisemiten-Chronik 1888—1894. Zürich, Schabelitz 1894 Seite 193). Gegenüber solchen schmachvollen Versuchen, einen Geist wie den Goethes in den Schmutz des Antisemitismus hinabzuziehen, ist es besonders erfreulich, daß wir nunmehr einen bisher unbekannten Aufsatz kennen lernen, in dem sich Goethe in der klarsten, unzweideutigen Weise, in wahrhaft Lessingschem Sinn zu dem hohen Evangelium der religiösen Toleranz bekennt. Aus den reichen Schätzen des „Goethennd Schiller-Archivs" in Weimar, veröffentlicht dessen Direktor, Hofrath Professor Dr. Snpha», in dem soeben erschienenen sechzehnten Bande des „Goethe-Jahrbuchs" einen von Goethe im Herbst 1816 verfaßten, aber ans unbekannten Gründen nicht in Druck gegebenen Aufsatz. Goethe bespricht darin die für das Jahr 1817 bevorstehende nnd allgemein für den 31. Oktober beabsichtigte 306jährige Jubelfeier der Reformation nnd erklärt sich für die Verlegung des Festes auf den 18. Oktober, um es so mit dem Dank- und Erinnerungsfeste der Völkerschlacht bei Leipzig zu einem Feste zu verschmelze». Nachdem er die naheliegenden praktischen Gründe, die hierfür sprechen, kurz dargelegt hat, fährt Goethe fort: „Und dann läßt sich in keinem Sinne ein höheres Fest finden, als das aller Deutschen. Es wird von allen Glaubensgenossen gefeiert und ist in diesem Sinne noch mehr als Nationalfest: ein Fest der reinsten Humanität. Niemand fragt, von welcher Konfession der Mann deS Landsturms sei, alle ziehen vereinigt zur Kirche nnd werden von demselben Gottesdienste erbaut; alle bilden einen Kreis ums Feuer und werden von einer Flamme erleuchtet. Alle erheben den Geist, a>i jenen Tag gedenkend, der seine Glorie nicht etwa nur Christen, sondern auch Juden, Mohamedanern und Heiden*) zu danken hat. Mali denke sich nun den Geist von diesem großen Weltfeste zurück aus ein speziales .Kirchenfest gelenkt, an welchem ein reines Gemüth oft keine vollkommene Freude haben kann, weil man an Zwiespalt und Unfrieden, ein ungeheures Unglück einiger Jahrhunderte erinnert wird, ja, was noch schlimmer ist, daß er sich sagen muß, daß er sich von Denjenigen, mit denen er sich vor vierzehn Tagen anfs Innigste und Kräftigste verbunden gefühlt, trennen und sie durch diese Trennung kränken muß. Und gerade die Freude einer liebevollen Eintracht wird man hier mehr vermissen als die Fenerfackeln und Erleuchtungen aller Art, welche freilich nicht zu wiederholen sind. Kein protestantischer Staat, in welchem nicht Katholiken sind; diese werden sich iu ihre Häuser verschließen, so wie umgekehrt in katholischen Staaten der geringer» Anzahl von Protestanten nur in aller Stille ihr Fest zu feiern vergönnt sein würde." Achtzig Jahre sind fast verflossen, seitdem der wahrhaft „Beste und Edelste" der Nation diese Worte niedergcschrieben hat, nnd wie weit sind wir noch von ihrer Verwirklichung entfernt! Der Gedanke, daß die nationale und kulturelle Zusammengehörigkeit über die Verschiedenheiten der Konfessionen und Religionen, und daß die Humanität noch über der Nationalität steht, ist nicht nur heute noch! *) „Mohamedaner" und Heiden ivaren bekanntlich ii» russischen! Heere von 1813 vorhanden.