Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 328 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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328 bildung fdjarf präzisirt werden; für den schweren Kampf ums Dasein, den wir Alle zu bestehen hätten, sei eine umfassendere musikalische und fremdsprachliche Bildung wünschenswerth. Die Achawa müßte als Unterstützungskasse des Verbandes erklärt und besonders in Norddeutschland durch Wort und Schrift eine rege Agitation für deren Wachsthum entfaltet werden. Redner beantragt zum Schluß die Annahme folgender Resolution: „Der Verein israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands hält wiederholt die Gründung eines allgemeinen deutsch-israelitischen Lehrerverbandes im Interesse einer gedeihlichen Entwickelung des jüdischen Lehrerstandes in ideeller und materieller Beziehung für eine unumgängliche Nothwendigkeit und erkennt dankbar die Initiative des D. I. G. B. in dieser Angelegenheit an. Er erwartet, daß alle jüdischen Lehrervereine Deutschlands von dem Grundsatz: „Schließ an ein Ganzes dich an" geleitet, der gegebenen Anregung Folge leisten werden. Nach kurzer Debatte, die in fast allen Punkten die Uebereinstimmung der Versammlung mit den Ausführungen des Redners ergab, wurde die Resolution einstimmig angenommen und auf Vorschlag des Dr. Feßler- Halle Steinhardt-Magdeburg, im Behinderungsfalle Heilbrunn-Gehaus zum Delegirten nach Berlin gewählt. Alsdann folgte noch eine Besprechung der Lehrprobe des Kollegen Popper- Mühlhausen, die für die Ertheilung des systematischen Religionsunterrichls manche belehrende und beachtenswerthe Momente enthielt. Für die nächstjährige Konferenz wurde Halle in Aussicht genommen. Herr Dr. Feßler sagte für sie einen Vortrag zu „über die Behandlung des Wunders in der Religionsschule". Mit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser schloß der Vorsitzende die Konferenz. Herr Dr. Feßler brachte ein Hoch auf die Gemeinde Erfurt aus, während Dr. Salzberger- Erfurt Worte des Dankes und der Anerkennung dem Herrn Vorsitzenden widmete. Ein frohes Wiedersehen in Halle! Baumgart. Alochmals die jüdischen Schulamtskandidaten. Von Dr. S. Carpin. f er in Nr. 26 der „Allgem. Zeitung des Judenthums" unter obiger Flagge erschienene Leitartikel veranlaßt Unterzeichneten, der die einschlägigen Verhältnisse nicht blos aus eigener Anschauung genau kennt, sondern auch am besten eben wegen seiner am eigenen Leibe gemachten Erfahrungen wissen muß, wo der Schllh drückt, zu einem entschiedenen Protest gegen die zum Schluß des Artikels enthaltene wohlmeinende, aber auch sehr wohlfeile Aufforderung, die jüdischen Abiturienten füllten sich durch alle widrigen Umstände nicht entmuthigen lassen, wenn sie dazu Lust verspürten, nach wie vor Philologie zu studiren. Mit der Lust zum Studium ist es eine besondere Sache. Schreiber dieser Zeilen hat einen Leidensgefährten gekannt, der sich zu erschießen drohte, wenn seine Eltern ihm nicht gestatteten, Philologie zu studiren, und nachher, als er die Erlaubnis zmn Studilnn erhielt, seine Staatsexamen gemacht, aber keine Anstellung erhalten hatte und hungerte, sich wirklich erschoß, gerade weil er Philologie studirt hatte. Vom sichern Port aus ist gut Rathschläge ertheileu. Da billige ich doch weit mehr die Taktik Desjenigen, welcher jüngst in einem Artikel, der sich ebenfalls mit den jüdischen Schulanitskandidaten befaßte, eben wegen der ungünstigen Aussichten derselben jüdische Gymnasiasten vor dem Studium der Philologie dringend warnt. Diese Auffassung ist durchaus berechtigt. Zunächst ist es grnndfalsch, wenn man behauptet, in der Philologie herrsche im Gegensatz zur Medizin und Jurisprudenz keine Ueberfüllung. Eine solche existirt thatsächlich und ist längst offenkundig, wie die alljährlich im preußischen Abgeordnetenhanse beim Knltnsetat wiederkehrenden Verhandlungen unwiderleglich dargethan haben. Nur ein von Sachkenntnis; ungetrübtes Gemüth kann dies bestreiten. Hat doch in der letzten Session des preußischen Landtags der gegenwärtige Kultusminister Dr. Bosse ausdrücklich bezeugt, daß er sich wegen der leidigen Frage der unbesoldeten Hilfslehrer bereits die Finger krumm geschrieben habe. Wenn aber Ueberfüllung im höheren Lehrfach herrscht, kommen die jüdischen Kandidaten sicher zu allerletzt bei der Anstellung in Betracht. Das Gleiche gilt allerdings auch für die jüdischen Juristen hinsichtlich der Richterkarriere, doch steuern auf letztere schon seit einem Dezennium und darüber nur solche Assessoren los, die in der Wahl ihrer Eltern vorsichtig gewesen sind unb sich den Luxus einer acht- bis zehnjährigen Wartezeit wohl leisten können. Den übrigen aber steht noch immer die Anwaltschaft offen; dieselbe, in der Mehrzahl der Fälle ergriffen, bietet bisweilen ein glänzendes, immer aber ein zum Lebensunterhalt ausreichendes Einkommen. Hunderte von Amtsgerichten haben überhaupt keinen Anwalt, — verhungert ist jedenfalls noch kein jüdischer Rechtsanwalt, vielmehr sehen die Herren meist recht wohlgenährt aus, was man von den Philologen nicht immer sagen kann. Dem Mediziner — um auch darüber einige Worte zu verlieren — steht, wenn er in der Heimath eine genügende Praxis nicht findet, die ganze Welt offen, seine Wissenschaft ist international. Deutsche Aerzte werden besonders im Auslande geschätzt. Anders beim jüdischen Philologen. Durch seinen Beruf förmlich an die Scholle gefesselt, findet er vielfach in demselben keine Beschäftigung und hat zum Schaden noch den Spott zu dulden. „Wer hat Sie als Jude geheißen, Philologie studiren?" ist meiner Wenigkeit mtb vielen Kollegen wiederholt und zwar von durchaus nicht einflußloser Seite entgegengehatteu worden. Es ist traurig, aber wahr. Was hilft es zu beschönigen, wo es nichts zu beschönigen giebt? Der jüdische Abiturient darf sich um so weniger dem Studium der Philologie zuwenden, als ihm einerseits seines Glaubens wegen die Karriere aufs Aeußerste erschwert ist, andererseits er aber nur geringen Rückhalt an seinen Glaubensgenossen findet. Hat einer derselben, der sich in günstigen Vermögensverhältnissen befindet, eine einigermaßen anständig dotirte Hauslehrerstelle ausgeschrieben, so kann der jüdische Bewerber sicher sein, daß ihm in nenn von zehn Fällen der christliche Kollege vorgezogen wird. Warum hat er nicht auch wie Jener wenigstens die Qualifikation zum Reservelieulenant in der Tasche? Ueberhaupt rächt sich auf Schritt und Tritt bei ihm der Mangel an der heutzutage so geschätzten, patentirten Schneidigkeit, die ihm, wenn er sie überhaupt jemals besessen, im Lause der Zeit durch sein Martyrium abhanden gekommen ist. Sein Selbstbewußtsein schwindet in dem Maße, als er, in dem Alter stehend, wo andere Menschenkinder auf Heiratsgedanken zu kommen Pflegen, weder Aussicht auf Existenz noch auf die Begründung eines Hausstandes sieht. Ans diesem Grunde wird ihm auch der Verkehr in besser situirten Familien hermetisch verschlossen. Denn wie leicht könnte sich eine der heiratsfähigen Töchter einsallen lassen, an einem derartigen Hungerleider solchen Gefallen zu finden, daß sie sich mit dem Gedanken eines Bundes für das Leben vertraut macht? Das muß aber um jeden Preis verhütet werden. Ja, wenn der Betreffende, der im klebrigen über alle schätzenswerten Eigenschaften verfügen mag, Arzt oder Rechtsanwalt wäre, dann käme seine Persönlichkeit für eine Partie wohl in Betracht; so aber — der Rest ist Schweigen. Leider sehen Viele immer noch im Philologen nicht den akademisch gebildeten Mann, sondern verbinden mit dem Begriff „Lehrer" noch halbwegs die Vorstellung eines „Behelfers" (Belfer korrumpirt) aus dem „Cheider" seligen Angedenkens. Die Entwicklung hat ihnen mit ihrem Vorurtheil nur zu