Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 327 (sequence 5)
- Language
- German
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327 Um so freudiger sollte er zugreifeu, wo sich ihm ein Mittel bietet, seinen theoretischen Unterricht durch ein praktisches Hilfsmittel zu unterstützen. Ein solches Hilfsmittel sei der Jugendgottesdienst, dessen Nützlichkeit man jetzt immer mehr einzusehen beginnt. Redner weist nach, wie Bibel und Talmud darauf dringen, die Jugend nicht nur mit dem religionsgesetzlichen Wissen auszustatten, sondern sie auch zur Theilnahme am Gottesdienste, zur Ausübung religiöser Gebote und Bräuche anzuhalten. Nirgends habe die Gewöhnung mehr zu bedeuten, als bei religiösen Dingen, insbesondere bei gottesdienstlichen Verrichtungen. Dieses Moment der Gewöhnung fehle Heu e in den meisten jüdischen Familien. Dazu konnnt, daß die Jugend durch den Besuch der öffentlichen Schulen am Sabbath dem Gottesdienst nicht beiwohnen kann, und nur von einem regelmäßigen, allsabbathlichen Besuche des Gotteshauses könne man sich einen günstigen Erfolg versprechen. Ein solcher müsse darum durch einen wohlgeregelten Jugendgottesdienst herbeigeführt werden. In der Gemeinde Erfurt bestehe die Einrichlung eines Jugendgottesdienstes seit fünf Jahren, und man sei hier mit dem Resultat derselben zufrieden. Die Kinder nehmen mit wachsendem Interesse an der Andacht Theil. Damit das Interesse nicht erkalte, müsse der Gottesdienst so beschaffen sein, daß er das jugendliche Gemnth anzusprechen, zu erbauen und zu erheben vermöge. Redner verbreitet sich nun ausführlich über die Zeit und die Art des Jugendgottesdienstes. Als das Resultat dieser Ausführungen stellt er folgende vier Thesen auf: 1. Um den Religionsunterricht wirksam zu unterstützen und in Anbetracht dessen, daß die israelitische Jugend in Folge des Schulbesuchs am Sabbath am Hauptgottesdienste nicht theilnehmen kann, ist die Einführung eines Jugendgottesdienstes dringend geboten. 2. Derselbe soll, mit Ausnahme der Ferien, während des Winters am Sabbathnachmittag, während des Sommers zu Eingang des Sabbaths stattfinden, mit Zugrundelegung der für diese Zeit üblichen Gebete. 3. Neben den traditionellen hebräischen Gebeten soll der Gottesdienst mindestens ein deutsches Lied und eine kurze dem jugendlichen Fassungsvermögen angepaßte Predigt enthalten 4. Die aktive Theilnahme am Gottesdienst soll dadurch erzielt werden, daß die Schüler möglichst viele Gebetstücke im Chore absingen. Nachdem der Redner noch einige interessante Winke hinsichtlich der deutschen Ansprache beim Jugendgottesdienst gegeben, schließt er mit dem Wunsche, daß die Einrichtung des Jugendgottesdienstes sich überall einbürgern und das vielfach erkaltete Interesse auch der Erwachsenen für die Institutionen des Judenthums von Neuem zur begeisterter Mitarbeit entflammen möge. Reicher Beifall lohnte die Ausführungen des Redners. Nach kurzer Debatte, an welcher sich die Herren Ellguther, Heidungsfeld, Dr. Feßler, Steinhardt, Heilbrunn und Baumgart betheiligen, erfolgt die einstimmige Annahme der vier Thesen nach den: Wortlaute des Referenten. Eine inzwischen eingegangene Begrüßungs-Depesche des Herrn Kirchenraths Dr. Kroner in Stuttgart, des Begründers und früheren Vorsitzenden des Vereins, wird zur Kenntniß genommen und herzlichst erwiedert. Bei der nunmehr erfolgten Vorstandswahl werden für die nächsten drei Jahre durch Akklamation die Herren: Dr. Salzer zum Vorsitzenden, Steinhardt-Magdeburg zum Stellverlreter und Heilbrunn-Gehaus zum Kassirer wiedergewählt. Ein Antrag auf Statutenänderung wird zurückgezogen, und somit ist die heutige Tagesordnung erschöpft. Ein gemeinschaftliches Abendbrod im Restaurant Katzenstein vereinigte am Abend die Konferenzbesucher und später erfolgte noch ein Ausflug nach dem so herrlich gelegenen Steiger. Zweiter Versammlungstag. Herr Popper-Mühlhausen hält eine Lehrprobe „über das Gebet" in der Oberstufe. Von einer Besprechung derselben wird zunächst abgesehen, und das Wort ergreift Steinhardt-Magdeburg zu seinem Vortrage : Die Aufgaben des zu begründenden deutsch-israelitischen Lehrerverbandes. Redner charakterisirt in der Einleitung unser Jahrhundert als das Jahrhundert des Vereinslebens. In dem sich immer schwieriger gestaltenden Kampfe ums Dasein scheine es in der That, als ob das Einzelwesen gar nicht mehr die Kraft, das Vermögen habe, sich zu behaupten, sondern daß nur eine starke, wohlorganisirte Gesammtheit den Preis zu erringen vermöge. Das hätten in unserm deutschen Vaterlande längst alle Stände und Berussarten eingejehen und folgerichtig sich zu großen, das ganze Vaterland umfassenden Verbänden zusammen geschlossen; nur die jüdische Lehrerschaft sei noch immer lässig und glaube es mit den Worten des Dichters halten zu müssen: „Der Starke ist am mächtigsten allein". Redner polemisirt sodann gegen diejenigen Vereine, die auch jetzt noch, nachdem der Gemeindebund in dankenswerther Weise die Initiative ergriffen habe, lässig bei Seite stehen, ja sogar theilweise geradezu feindselig gegen den geplanten Verband aufgetreten seien, und geht sodann zum Thema über, das er in etwa einstündiger Rede auf gründlichste Weise erschöpft, und zwar an der Hand zweier Fragen: 1. Wo thut dem jüdischen Lehrerstande Hilfe noth? und 2. wie kann er sich diese Hilfe selbst erringen? Nur ein kleiner Bruchtheil der jüdischen Lehrer befinde sich in staatlicher Stellung, alle übrigen im Dienste der Gemeinde, manche als Elementarlehrer, die meisten als Religionslehrer. Das Los der Letzteren sei das härteste Ihre Wirksamkeit erstrecke sich auf eine Privatschule, die gewöhnlich mit drei Nebeln behaftet ist: mangelnder Respekt, mangelnder Schulbesuch und, als Folge dieser beiden, mangelhafte Leistung. Des Lehrers bessere Absichten würden häufig durch einen aus Laien zusannnengesetzten Schulvorstand durchkreuzt, in welchen: man ihm Sitz und Stimme verweigere. An einem energischen Durchgreifen hindere ihn das Damoklesschwert der Kündigung. Von materiellen Sorgen sei sein ganzes Leben erfüllt; mangelhafte Besoldung, keine Pensionsberechtigung, keine Versorgung der Hinterbliebenen. Um sein Leben fristen zu können, müsse er zu Nebenämter:: greifen; meistens sei mit seinem Berufe das Vorbeter- oder auch gar das Schächteramt verknüpft. Auch das erstere Nebenamt habe dem Lehrerstande sehr geschadet; bei Vakanzen würden weder Alter noch Tüchtigkeit berücksichtigt, lediglich das beste Organ entscheide. „Nur das Lied, das aus der Kehle dringt", bemerkt Redner in drastischer Weise, „sei Lohn, der reichlich lohnet". Abertrotz des einen oder andern .Nebenamtes reiche die Besoldung nicht aus, um die Existenz zu friste::, stets mußte erst noch eine ergiebige private Thätigkei: aushelfen. Wohl möchten manchmal kleine Gemeinden ihre Lehrer besser situiren, wenn es ihre Finanz kraft erlaubte, meistens aber liege es nur an dem Mangel an gutem Willen der Gemeinden; denn gerade in den großen Gemeinden lasse die Lage der Lehrer alles zu wünschen iibrig, und hiesür fehle es wahrlich an jeder Entschädigung. Für Alles sei Geld vorhanden, nur nicht für die Besserstellung des Lehrerstandes. Viel besser ergehe es den Elementarlehrern im Gemeil:dedienste auch nicht; auch bei den staatlich angestellten Lehrern seien manche Wünsche, namentlich hinsichtlich der Besoldung, vorhanden. Noch eine ganze Reihe von Mißständen weist der Redner nach, besonders aber betont er den Mangel einer Presse, die die Interessen des jüdischen Lehrerstandes vertrete. Als vor nicht langer Zeit in einen: Blatte die schmählichsten Angriffe gegen die Lehrerwelt erhoben wurden, habe sich kein anderes zu ihrer Vertheidigung gefunden. Diesen Mißständen gegenüber könne nur ein mann Haftes, gemeinsames Vorgehen Besserung schaffen. Redner kennzeichnet nunmehr diejenigen Forderungen, für deren Erfüllung der Verband jüdischer Lehrer Deutschlands in den Gemeinden eine rege Agitation entfalten, event. bei den Negierungen der Bnndesstaaten vorstellig werden müsse. Elementarschulen müßten, wenn möglich, in allen jüdischen Gemeinden errichtet und zu öffentlichen Schulen erklärt werden. Diese Forderung würde zwar auf Widerstand vieler jüdischer Eltern stoßen, die in dem Glauben lebten, ihre Kinder besuchten eine Simultanschule. Diese Meinung sei aber falsch; die öffentlichen Elementarschulen seien durchweg konfessionell gehalten. Der gesammte deutsche und insbesondere der Geschichtsunterricht seien von christlicher Weltanschauung durchtränkt. Ma:: solle doch nur an die neueren Vorgänge in Berlin denken. Vor Allem müsse der jüdische Religionsunterricht als gesetzlich obligatorisch erklärt und auch der Religionslehrer definitiv angestellt werden. Zum mindesten müsse man erreichen, daß eine eventuelle Kündigung der staatlichen Behörde gegenüber begründet und von dieser genehmigt werden müsse. Besonders entgegen zu arbeite:: sei dem Unfug, der im Osten Deutschlands immer noch blühe, Kantoren und Schüchtern ohne jegliche Seminarbildung den Religionsunterricht zu übertragen. Auch den Seminarien gegenüber müßten unsere Wünsche in Bezug auf die Lehrer-