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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-12 · Heft 28 (12.7.1895) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
Seite 326 (sequence 4)
Language
German
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326 Die Mache. Berlin, 10. Juli. och vor Schluß seiner Sitzungen hol das Abgeordnetenhaus sich mit der Interpellation des Abg. R inte len, betreffend den katholischen Religionsunterricht in den Volksschulen, beschäftigt. Das ginge uns allerdings gar nichts an, hätte derselbe Abgeordnete des Zentrums es nicht -für gut befunden, folgende Bemerkung in seiner Rede zu machen: „Unter den bestehenden Zuständen habe es Vorkommen können, daß ein jüdischer Religionslehrer sagte, Christus war ein Hochverräther." Es ist bekanntlich eine sehr mißliche Sache, derartige nnsubstantiirte Anklagen, die von der Rednertribüne des Parlaments herabgesprochen werden, zu fassen. Unter den obwaltenden Verhältnissen wird sich aber der Herr Abgeordnete Rintelen kaum der Forderung entziehen wollen, die wir hiermit an ihn stellen, den Namen jenes jüdischen Lehrers zu nennen, der sich Solches zu schulden konunen ließ. Wir sind überzeugt, daß ein Mann, wie der Herr Abgeordnete, nicht auf gewissenlose antisemitische Heßnachrichten hin eine solche Behauptung im Abgeordnetenhause aufgestellt, sondern eine zuverlässige Quelle für diese Angabe gehabt hat, und erwarten nunmehr von seinein Gerechtigkeitsgefühl die Nennung der Quelle und des Namens jenes Lehrers, bnn öffentlich ein solches Bergehen nachgesagt worden ist. * Ter neue österreichische Ministerpräsident Graf Kielmannsegg hat schon in seiner ersten großen Rede im Parlament die Grundsätze freimüthig bekannt, die die Koalition so vorsichtig zu verschweigen wußte. Die Rede war besonders an die Beamten, den Heerbann der Antisemiten, gerichtet. Sie ließ bei aller Wahrung der politischen Rechte, die den Beamten als Wählern zustehen, bezüglich der Mahnung an diese, sich der politischen Agitation zu enthalten. an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Es kann nach dieser Rede kein Zweifel darüber obwalten, daß die Regierung, wie Graf Kielniaunsegg ausdrücklich erklärte. Agitationen der Beamten nicht dulden werde, und es verdient auch der Nachdruck hervorgehoben zu werden, mit dem Grafen Kielmannsegg die verfassungsmäßige Gleichberechtigung aller Staatsbürger unb aller Konfessionen zu betonen Veranlassung nahm. Gegenüber der Art, wie die frühere Regierung der Berührung gewisser Berhültnisse auszuweichen bemüht war und jedes energische Wort vermied, war es wohlthuend wahrzunehmen, daß das jetzige Kabinet gegen die antisemitische Hetzerei entschieden Stellung nimmt. * Das anhaltende Zurückdrängen der Inden in Rußland nach dem Territorium und die daraus entstehende Ueberfütlllng in allen Städten der Kreise beschäftigt die Aerzte auf das Ernstlichste. Der „Woschod" bringt einen Auszug der Schlußfolgerungen, zu denen ein medizinischer Kongreß in Südrußlaud, der soeben seine Sitzungen beendet hat, gelangt ist. Seit der Zurückdrängung der Juden nach dem Territorium ist die gesundheitliche Lage eine beklagenswerthe geworden. Die geringste Krankheit wird zur Epidemie. Der Grund dazu muß in der Anhäufung der jüdischen Bevölkerung gesucht werden, die, wenn keine Hilfe geschafft wird, sich bald zu einer dauernden Gefahr für die öffentliche Gesundheit gestalten wird. So lange diese Veranlassung bestehen bleibt, ist an keine ernstliche Verbesserung im gesundheitlichen Zustand des Territoriums zu denken. Nach Anssage einiger Organe der russischen Presse würde dieses Zttsaminendrüngeu noch eine andere Gefahr für die Gesammtbevölkerung zur Folge haben, insofern als es dem Ausbruch von Feuersbrünsten Vorschub leistet, die um diese Jahreszeit stets so furchtbar uud so zahlreich im Territorium sind. Kürzlich erst sind wieder ganze Städte vom Feuer eingeäschert worden, und allenthalben war die Feuersbruust in irgend einer jüdischen Hütte heransgekounnen, die dem Feuer leicht Nahrung bot. In Wilkowysk sind Hunderte jüdischer Familien an den Bettelstab gebracht; in Wassilkowo. in Dubno. in zehn anderen Ortschaften hat das Feuer grausam gewüthet und tausende von jüdischen Familien ruinirt. In Brest-Litewsk jedoch hat dasselbe eine wahre Zerstörung angerichtet. 2000 Häuser wurden das Opfer der Flammen, 100 Menschen, darunter 144 Juden, sind nmgekommen; für die Versicherungsgesellschaften allein beziffern sich die Verluste auf Millionen, und der größte Theil der Häuser war nicht versichert. Das Elend ist unbeschreiblich. Nahezu 20,000 Juden kampiren im Freien und sind dem äußersten Elend preisgegeben. Protokoll der am 2. und 3. Juni zu Erfurt stattgehaklen ftmtfm'm des „Vereins israelitischer Lehrer Mittetdrntschlands". Erster Versammlungstag. f er Vorsitzende, Herr Landrabbiner Dr. Salzer-Stadtlengsseld, begrüßt die Erschienenen. Er bedauert die schwache Betheiligung der israelitischen Lehrer Mitteldeutschlands an den Konferenzen der letzten Jahre; sie sei mit Rücksicht auf die geographischen Verhältnisse unseres Vereins wohl erklärlich, theilweise liege aber auch ein unentschuldbarer Jndifferentismus der Lehrerwelt vor. Redner widmet sodann einen warmen, tiefempfundenen Nachruf dem verstorbenen treuen Mitglied des Vereins, Herrn Landrabbiner Dr. Dessauer-Meiningen, und theilt mit, daß er demselben an seinem Grabe in: Namen des Vereins ein Abschiedswort nachgerufen habe. Die Versammlung ehrt das Andenken des Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen. Herr Lamm, der Präses der Synagogengemeinde Erfurt, begrüßt sodann in herzlichen Worten die Versammlung und theilt mit, daß die Gemeinde es sich nicht habe nehmen lassen, die Konferenztheilnehmer zu bewirthen. Die inzwischen festgestellte Präsenzliste ergiebt die Anwesenheit von 17 Mitgliedern: Dr. Salzer-Lengsfeld, Dr. Feßler-Halle, Dr. Salzberger- Erfurt, Heilbrunn-Gehaus, Heidungsfeld-Eisenach, Rothschild-Erfurt, Ellguther-Plauen, Röthler-Gotha, Mühlfelder-Gleicherwiesen, Holländer- Berkach, Engelberg - Aschenhausen, Popper - Mühlhausen, Baumgart- Stadtlengsfeld, Steinhardt-Magdeburg, Heß-Weißenfels, Goldschmidt- Quedlinburg, Ansbacher-Erfurt. (Die Zahl der Mitglieder, die definitiv ihren Beitritt zum Verein erklärt haben, beträgt etwa 30.) Herr Heilbrunn erstattet sodann den Kassenbericht, nach welchem das Vermögen des Vereins incl. Unterstützungskasse 651.98 M. beträgt. Der Vorsitzende macht noch einige geschäftliche Mittheilungen, aus denen sich ergiebt, daß der D I. G. B. einen Zuschuß zu den Reisekosten gewährt und daß derselbe die geplante Delegirtenversammlung der israelitischen Lehrervereine definitiv zum Herbst nach Berlin zu berufen gedenke. Das Wort ergreift nunmehr Dr. Salzberger-Erfurt zu seinem Vortrage: „Der Jugendgottesdienst". Ausgehend von der Kontroverse, welche einst zwischen den in Lydda versammelten Lehrern geführt worden ist, ob Theorie oder Praxis vorzuziehen sei, gebe es auch heute keine bessere Lösung der Frage, als wie sie dort gegeben worden ist. Gerade Theorie erlange dann erst Werth, wenn sie zu einem das Leben bestimmenden und gestaltenden Prinzip erhoben worden. Aller Unterricht in unfern Religionsschulen gehe kaum über die Grenzen der Theorie hinaus. Der Religionslehrer vermag selten seine Schüler dahin zu bringen, daß sie die ihnen vorgetragenen Lehren auch in die Praxis übertragen. Freilich sei es bei dem Wesen der Religion, die es vorwiegend mit Gedanken, Gefühl und Gesinnung zu thun hat, für den Religionslehrer recht schwer, seinen Vortrag so anschaulich zu machen, wie es etwa der Lehrer der Naturkunde vermag.

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