Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Kr. 28. Kerlin, 12. Inli 1895. Allgemeine eitung oes Zudenthums. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig PhiUppson-üonn Verlags-Crpedltion: Lertm, Ferulalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen ftir Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der! „Allgem. Zeitung des Judenthums-. Berlin I 8rv., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.! Verlag von Nudolf Mosse, Berlin. InhltÜ. Leitartikelr Zur Gebekbuchsrage. — Die Woche. — Protokoll der Konferenz des „Vereins israel. Lehrer Mitteldeutschlands" m Erfurt. — Nochmals die jüdischen Schulamtsfandidaten. Von Dr. £>. Earpin. — Ein neuentdeütes Wort Goethes für religiöse Toleranz. Von Dr. Heinrich Frankel. — Ueber A. Bernstein. Von .Karl Emil Franzos. — Feuilleton: Der starke Simson. Erzäblnna von Elise Orszeszko lFortsetz.). Unterwegs. II. Von G. K. — Litterarische Mittheilurrgerr. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Ans der Provinz Posen. Posen. Aus Schlesien. Guben. Hannover. Hagen, Drisbnrg. Corback. Karlsruhe i. B.. Budapest. St. Petersburg. — Bon Nah und Fern. — Miseeüen. Jur Gebetüuchfrage. 4 Berlin, 9. Juli. erade vor vierzig Jahren ist das Mannheimer Gebetbuch erschienen. Vom 8. August 1855 dalirte der selige Stadtrabbiner Prager die erste Auflage. Er benutzte dabei die altern Gebetbücher vom Hamburger Tempel, von Geiger, Maier, von Aachen und Koblenz! Woher kommt's aber, daß trotz der vielen Jahre, die seitdem verflofle» sind, die reforinirten, modernisirte» Gebetbücher noch so wenig verbreitet sind? Was hat es ermöglicht, daß die Einführung des Vogelstein'schen Buches in Westfalen in einigen Zeiiungen einen Entrüstungssturin hervorgerufen hat, als ob ein unerhörtes Sakrileg damit begangen worden wäre? Ist es wahr, was Einige behaupten: „Sein, wie's ist, oder überhaupt nicht sein?" Ist das wirklich die Losung der Zeit? Muß man aufhören, zu beten, oder wenigstens aufhören, ein Gemeindegebet zu haben, wenn man nicht den alten Siddur, oder, wie man in Süddcuischland sagt, die alte Tephilla, mit Haut und Haaren beidehalten will? Sind es nur die alten, beziehungsweise die neuen Melodieen, welche die Israeliten i» die Gotteshäuser rufen? Ist Inhalt und Form der Gebete nebensächlich? Daß die Gewohnheit eine Macht hat, welche man bei der größten Hochschätzung noch zu niedrig bewerthet, ist bekannt; und doch hat man leider es verabsäumt, die Gewohnheit zur Hilfe zu rufen, daß sie dem geläuterten Gebetbnche freien Weg schaffe, daß sie die Wahrheit, die Uebereinslimmnng von Bitte und Empfinden, von Beten und Denken wieder in unsere Gotteshäuser znrückbringe. Das ist uns während der schönen lind angeregten Synodaltage in Karlsruhe deutlich gemacht worden — und wir glauben, der Gesammtheit einen Dienst zu leisten, wenn wir, was uns den Weg gezeigt hat, hier wieder erzählen. Ein hochverdienter, um die Läuterung des Gottesdienstes eifrig besorgter Herr sprach mit dem Vorsteher einer Landgemeinde, einem gebildeten, intelligenten, rechtlichen und frommen Mann, darüber, wie es dringend erforderlich sei, die Gebete so zu ändern, daß wir mit dem Munde vor Gott nichts sprechen, was wir nicht wirklich denken und fühlen. Da wurde ihm entgegnet: Wir Alten, wir können schwer uns an ein Neues gewöhnen — uns ist lieb und vertraut, was wir seit unserer Kindheit immer gleich vor uns gehabt haben. Pietätvolle Erinnerung an unsere Eller», Rückblicke auf frohe ii»d ernste Augenblicke unseres Lebens machen uns mit den althergebrachten Töne» auch die althergebrachten Worte lieb — so möchten wir sie nicht entbehren. Aber wenn Sie darin Aendernngen treffen wollen — und ich leugne nicht, daß viele und gewichtige Gründe dafür spreche» — so fangen Sie in der Schule an, und führen Sie daun später das in der Schule Geübte und Erlernte auch in die Synagoge ein! Das war's — das zeigt den Weg des besonnenen, ruhigen, gesicherten Fortschrittes! In vielen, sehr vielen Gemeinden wird es selbst den fanatischsten Hetzern nicht gelingen, Zwietracht zu entfachen, wen» die Alten nicht ans ihrer Gewohnheit aufgestört werde». Diese selbst werden es freudig begrüßen oder es gewiß nicht ungern sehen, daß der Jugend ein Gebetbuch i» die Hand gegeben wird, das ihr ein lieber, treuer und verständlicher Gefährte in Freud und Leid zu werden geeignet ist! — Jetzt ist das moderne Gebetbuch vielfach leider »och nur — Luxusgegenstand. Wie sie alle heißen, sie sind zu theuer! Sie sind auf Goldschnitt und Prachtbmid eingerichtet, mit wortreichen Uebersetznngen, mit »»sangbaren (nicht selten mit unsagbaren) Liedern vermehrt und nicht verbessert — und koste» deshalb 0, 8, ja 10 M. das Stück! Das kauft dann der Bräutigam seiner Braut —günstigen Falles ein zweites Exemplar für sich — imb die schöngebundenen Bücher bleiben in der Synagoge oder werden daheim gut aufbewahrt. Das Kind aber bekommt für die Schule und — zum Gebrauche im Gotteshanse die Rödelheimer Tephilla für 70 bis 80 Pfennige! Nur der „Westfälische Gemeindebuud" hat nach dieser Richtung hin einen Schritt zur Besserung gemacht, indem er sein Gebetbuch für einen verhältnißmüßig billigen Preis abgiebt und dadurch die Einführung in der Schule ermöglicht. Ein Schulgebetbuch thut uns noth! Ein Gebetbuch, das alle die Gebeie enthält, welche in der Schule übersetzt werden können, aber auch übersetzt werden müssen — das aber auch nur diese enthält! Diese Gebete müßten natürlich so gefaßt sein, daß in ihnen nichts zurückgeblieben, was uns nicht wahr ist — also keine Bitten um Heimkehr nach Palästina, um Wiedererbanung des Tempels, um Erneuerung des Opferkultus! Und das muß konsequent durchgeführt sein! Ein solches Buch — ohne Uebersetzung — in einer Maffenausgabe gedruckt, darf gut gebunden, nicht mehr als 50—00 Pfennige kosten. Auf Beschluß der Gemeinden oder Behörden wird — wenn einmal als Schulbuch eingefiihrt — dieses Schulbuch auch sicher zum Gebetbuch werden! Es ist hohe Zeit, dadurch den Fehler gntznmachen, der es bis jetzt verhindert hat, daß die modernen Gebetbücher durchweg nicht auch zu Schulbüchern geworden sind.