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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-07-05 · Heft 27 (5.7.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Wiener israel. Kultusgemeinde, das israel. Blinden - Institut auf der Hohen Warte und der Wiener Wärmestuben - Verein. 50,000 fl die im Jahre 1764 vom Urgroßvater des Barons Königsmarter David Wertheim gegründete fromme Bruderschaft der israel. Kultusgemeinde, je 25,000 fl der im Jahre 18.6 von der Urgroßmutter des Baron Königswarter Eleonore Wertheim gegründete israel. Frauenverein in Wien und das israel. Taubstummen-Institut in Wien, je 50,000 fl. der im Jahre 1641 gegründete Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten und der Verein zur Versorgung mittelloser Waisen der israel. Kultusgemeinde; ferner die Prediger-Mannheimer-Stiftung und noch zahlreiche Institute mit den Beträgen von 20,000 10,000 und 5000 fl und 400,000 fl. zur Errichtung eines Kinderspitals, das den Namen „Josefine von Königswarterisches Kinderspital" erhalten soll. Bl. Budapest, 1. Juli. Die Gemeinde Kobersdorf wurde von einer Ueberschwemmuug heimgesucht, welche nicht nur zahlreiche Opfer, sondern auch das gesammte Hab und Gut der Bevölkerung, zum größten Theile Juden, total vernichtete, so daß die Bedauernswerthen, wie es die Behörde in ihrem Berichte an das Ministerium bestätigt — zu Bettlern wurden. Die von Allem entblößte jüdische Bevölkerung ist ausschließlich auf die öffentliche Wohlthätigkeit angewiesen, um nicht Hungers zu sterben, bis sie sich wieder zur Arbeit und irgendwelchem Erwerb aufraffen kann. — Die rumänische Kulturliga, welche immer in antisemitischen Farben schillerte, fordert die Juden Rumäniens und Siebenbürgens auf, der Liga beizutreten und selbe in ihren Werken zu unterstützen. — Rabbiner Tr. Baräny - Keszkem et dankte in F lge der zwischen ihm und seiner Gemeinde bestehenden Differenzen von seiner Stelle ab. Rußland. z. Petersburg, 28. Juni. Hiesigen Blättern ist in letzter Zeit aus den Gouvernements Jenissei, Irkutsk und aus dem transbaikalischen Gebiete wiederholt die Nachricht zugegangen, daß mit jedem Jahre die Zahl der Juden in dem Rayon der Sibirischen Bahn unverhältnißmäßig schnell anwachse. Indem sich die „Now. Wr." die Nichtigkeit dieser Nachricht bestätigen läßt, verfehlt sie natürlich nicht hinzuzufügen, daß die Ueberfluthung Sibiriens durch die Juden als eine Erscheinung zu betrachten sei, die zu den Erfahrungen früherer Jahre in direktem Widerspruch stehe und ernste Aufmerksamkeit (?) verdiene. Während es noch vor relativ kurzer Zeit zu den Ausnahmen gehört hätte, daß einem deportirten Juden seine Familie nach Sibirien folge, wäre seit Beginn der Bauarbeitcn der Sibirischen Bahn das Gegentheil der Fall, und der deportirte Jude würde gegenwärtig nicht nur von Weib und Kind begleitet, sondern zöge auch in der Regel einen großen Theil seiner entfernteren Anverwandten nach sich Alle Maßnahmen zur Beschränkung der Einwanderung hätten sich als fruchtlos erwiesen und mehr als 20,000 Juden wären jetzt bereits zu beiden Seiten der neuen Eisenbahnlinie ansässig geworden. Ein großes Unglück! Die „Now. Wr." vergißt, daß die Juden auch Menschen sind, die leben und existiren wollen und aus diesem Gründe selbst vor einer Ansiedelung in Sibirien nicht zurückschrecken. Von Nah und Fern. — Der Verein Deutscher Studenten hat es für gut befunden, den Hofprediger a. D. Stöcker um Annahme der Ehrenmitgliedschaft zu ersuchen. Der Rektor Professor Pfleiderer hat es aber abgelehnt, die hierzu erforderliche Genehmigung zu ertheilen. Wie vor zwei Jahren in einem ähnlichen Falle wird der Verein auch diesmal die Entscheidung des Ministers anrufen. — Ueber die wackere That eines jungen Berliners wird berichtet: Der Sohn des Sanitätsraths Dr. Schwerin, des Vorsitzenden vom Berliner Handwerkerverein, hat am 12. Mai d. I. bei Zell am Main einen Knaben vom Tode des Ertrinkens gerettet. Er dient in Würzburg als Einjährig-Freiwilliger und ihm ist jetzt für die „muthvoll vollbrachte Rettung" die Rettungsmedaille am Bande verliehen worden. — In Kolberg wurde am Tage vor der Reichstags- Nachwahl, die übrigens zu Gunsten des liberalen Kandidaten ausfiel, von den Antisemiten ein rothes Couvert mit der Aufschrift: „Wählt Karl Paasch-Leipzig" den Bürgern ins Haus geschickt, das eine Photographie des Wahlkandidaten, einen Aufruf an die Wähler des Kreises mit Angabe des Druckortes und eine Flugschrift „Der Werth des jüdischen Eides", an welcher die am Fuße enthaltene Angabe des Druckortes wegge schnitten war, enthielt. Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt hat dieses Manöver sofort in der „Zeitung für Pommern" veröffentlicht und Tags darauf in einer sehr würdigen Erklärung die Lügen und Verleumdungen dieses Flugblattes, welches nichts anderes ist, als der bekannte Auszug über „Talmudmoral", ausführlich nachgewiesen. — Zu einer bemerkend werthen Entscheidung über den Paragraphen 360. 11 R.-St.-G -B, der bekanntlich vom „groben Unfug" handelt, gelangte die dritte Straf kammer des Landgerichts in Mannheim. Der in Heidelberg erscheinende „Badische Volksbote", ein antisemitisches Blättchen, hatte unter dem Titel „Sang auf Abram" ein Hetzgedicht der gewöhnlichen Sorte gebracht. Das Schöffengericht verurtheilte den „Dichter", den Amtsrevidenten Heinrich Häfner in Bonndorf, wegen groben Unfugs zu 40 M. Geldstrafe oder vier Tage Haft und den Redakteur des „Volksboten", den Schriftsetzer Adolf Schweikert, zu 30 M. Geldstrafe oder drei Tage Haft. Auf die Berufung der Beiden hin erging ein freisprechendes Erkenntniß. Das Gericht war der Ansicht, daß die Anwendung des § 360. 11 R -Str -G.-B. gegenüber jeder Veröffentlichung durch die Presse, die geeignet sein könne, Aergerniß bei einem Theil des Publikums zu erregen, nicht zulässig sei. — Wie man aus Budapest meldet, wird Baron Hirsch jedes Jahr vier Monate in Ungarn zubringen. Der Baron läßt auf dem vom Fürstprimas angekauften Terrain 1/2 Million Joch im Grauer Komitat mehrere Jagdkastelle erbauen, welche bis Septernber nächsten Jahres fertiggestellt sein müssen. — Baron Edmund Rothschild kaufte einen bei Pompeji aufgefundenen antiken Silberschatz um eine halbe Million Francs an und machte ihn der Kunstsammlung des Louvre zum Geschenk, welche wegen mangelnder Fonds die zuerst an sie gerichtete Offerte ablehnen mußte. Der Minister der schönen Künste drückte dem Baron Rothschild den wärmsten Dank aus. — In London ist am 14. v M. Arthur Sebag-Montefiore, ein Großneffe des vor 10 Jahren verstorbenen Moses Montefiore gestorben. Kaum 42 Jahre alt, war er doch schon ein tonangebendes Mitglied der verschiedensten Londoner Wohlthätigkeitsanstalten, ein würdiger Sohn seiner großen Ahnen, an deren Seite in Ramsgate er die letzte Ruhestätte zu finden hat. — Tags zuvor starb daselbst der bekannte Rabbiner R. L. D. Zimmer im Alter von 64 Jahren. 37 Jahre lebte und wirkte er in London. Geboren zu Fürth als Sohn des Rabbiners David Zimmer, mußte er in Folge der politischen Vorgänge von 1848 sein Vaterland verlassen und etablirte in London einen Handel in Blattgold. Er war ein ausgezeichneter Kenner des Hebräischen und seine Abhandlungen zeichneten sich durch logische Schärfe und klaren Stil aus. Sie erschienen hauptsächlich in der „Jewish World" Die Beerdigung fand unter großer Betheiligung aller Klaffen der jüdischen Bevölkerung statt. — Staatsrath Dr. Isaak Dembo in Petersburg, der bekannte Vertheidiger des Schächtens, erhielt, wie gemeldet wird, vom Kaiser von Rußland den Stanislaw-Orden 2. Klasse. — Die Beerdigung des verstorbenen Martin Roeder hat in Boston unter allgemeiner Theilnahme der deutschen wie besonders der musikalischen Kreise stattgefunden. In der Musikgesellschast „Orpheus" fand eine Trauerfeier statt, bei der Reverend Dr. Lasker in warmen Worten des Verstorbenen Charakterbild entwarf und bei der die Orchestervereine, die dem Todten nahestanden, ihre Trauer in feierlichen Gesängen bekundeten. — In Adrianopel ist der Chacham Baschi Rafael Efendi nach kurzem Krankenlager gestorben. Das Begräbniß gestaltete sich zu einer großartigen Trauermanifestation, da sich an demselben auch die hiesigen türkischen Behörden und Vertreter aller Konfessionen betheiligten. — Wie die Zeitung ..Novellisf.a di Jsmirna“ nachträglich bekannt giebt, schwebten die Juden in Smyrna während des vergangenen Pessachfestes in großer Gefahr. Nicht nur daß die Griechen den Boykott über sie verhängt hatten, haben sie sich zusammengerottet, um die Juden, die sich auf den Straßen sehen ließen, zu verhöhnen und zu schlagen. Größeres Unglück wurde nur dadurch verhütet, daß sich Herr Jaakob Rusa an die Regierung um Hilfe wandte, welche durch. Soldaten den Juden Schutz gewährte und die Rädelsführer verhaften ließ. — Die jüdische Gemeinde zu Sanna in Jemen läßt jetzt in Wien das Gebetbuch der Juden Südarabiens in zweitausend Exemplaren drucken. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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